Du bist ein Hoffnungsträger für die Diözese und das Stift Göttweig. Die Texte des 23. Sonntags im Jahreskreis passen meines Erachtens recht gut für die Weihe eines Abtes, der in unserer Zeit ein großes Stift wie Göttweig zu leiten hat.
In der 1. Lesung hörten wir die Worte des Propheten Jesaja: „Sagt den Verzagten: Habt Mut, fürchtet euch nicht! Seht, hier ist euer Gott!“ Dieses Wort tut jedem Christen gut, alle brauchen wir es; Es ist sicher auch gut für den neuen Abt wie für jeden, der in dieser unserer Zeit ein höheres kirchliches Amt inne hat. Es braucht Mut, so eine Aufgabe anzunehmen. Sie besteht außerdem wesentlich darin, die Anderen zu ermutigen. Dabei ist wichtig, dass dieser Mut in Gott gründet und auf Gott baut.
Das Stift Göttweig gleicht äußerlich einem beachtlichen Bollwerk. Wer seine Geschichte kennt, weiß, dass dieses majestätisch auf der Höhe thronende Stift im Verlaufe der Jahrhunderte nicht wenige sehr schwierige Zeiten durchgemacht hat. Nicht immer war es so strahlend wie heute. Einige Male wurde es äußerlich und innerlich bis in seine Grundfesten erschüttert; Mehrmals stand es vor dem Abgrund des endgültigen „Aus“. Und das vor nicht allzu langer Zeit. In den letzten Jahrzehnten, die phasenweise sicher auch nicht einfach waren, wurde es mit neuem Leben erfüllt. Es ist schon eine Freude, wenn man das Stift so sieht, wie es jetzt aussieht.
Vom Propheten vernahmen wir in der gleichen Lesung das Wort: „Er selbst wird kommen und Euch erretten.“ Das bezieht sich auf Christus und die Kirche. Dass nicht wir die Retter sein müssen, sondern Er es ist, der hilft, das ist trostvoll für uns alle, auch für den Abt eines Klosters wie das Stift Göttweig. Die wahre Wirksamkeit kommt von Gott, von Christus her. Dieses Bewusstsein entlastet und schenkt Hoffnung trotz aller Grenzen und Schwächen, die wir alle haben. Lieber Abt, ich wünsche dir Glauben und Zuversicht in dieses Vertrauen auf Gott.
In der 2. Lesung stehen die kantigen Worte aus dem Jakobusbrief: „Meine Brüder, haltet den Glauben an unseren Herrn Jesus Christus, den Herrn der Herrlichkeit, frei von jedem Ansehen der Person.“
Unter Abt Clemens ist das Stift Göttweig zu einem Ort moderner Seelsorge geworden. Das Stift hat sich geöffnet. Abt Clemens hatte einen recht guten Draht zu Politikern und Wirtschaftstreibenden, was ich dir auch wünsche. Vielerlei Leute frequentieren die Angebote des Stiftes. Es ist erfreulich, dass insbesondere die Gottes-dienste an den Hochfesten von vielen Gläubigen aus der näheren und weiteren Umgebung von Göttweig sehr geschätzt werden; erfreulich ist, dass die monatliche Marienwallfahrt all die Jahre hindurch lebendig geblieben ist und dass für nicht wenige Göttweig so etwas wie eine geistige Oase ist, die ihnen Kraft gibt; erfreulich ist auch, dass das Tagungshaus gut genützt wird. Ich hoffe, dass an vielen Orten solche Oasen entstehen.
Viele Gläubige aus unterschiedlichsten Lebenssituationen und Berufen machen hier Exerzitien, auch viele Priester und Ordensleute kommen hierher, um Kraft und Mut zu schöpfen. Dies ist eine der Aufgaben der Klöster heute und morgen. Sehr gefreut hat mich, dass vor ein paar Jahren hier, auf dem heiligen Berg, auch ein Jugendhaus errichtet wurde und im Stift alljährlich Exerzitien im Alltag abgehalten werden, an denen die Gläubigen der Göttweiger Pfarren und deren Priester gerne teilnehmen. Und ganz besonders froh bin ich über die Kurse, die in den letzten Jahren der jetzt gewählte Abt Columban in der Regel selber gehalten hat; Es sind Kurse für Personen, die aus der Kirche ausgetreten sind. Nicht wenige haben so den Weg zu Christus gefunden. Es ist sicher: hier in diesem Stift wird – Gott sei Dank - ohne Ansehen der Person gearbeitet. Jeder kann hierher kommen. Das entspricht dem Geist des Evangeliums und ist eine Hoffnung für die Kirche, zugleich eine Aufgabe für den neuen Abt, von dem wir hoffen, dass er all das fortführt und zusammen mit seinen Mitbrüdern weiterentwickelt.
Im Evangelium wird die Heilung eines Taubstummen geschildert. Das scheint mir wie eine Art plastische Darstellung dessen, was heute bei vielen Menschen, in vielen Familien, an vielen Arbeitsplätzen, auch in der Kirche und manchen kirchlichen Gemeinschaften eine Schwierigkeit ist: Die Kommunikation ist gestört oder sie funktioniert gar nicht. Das ist das Problem der Taubheit und Stummheit.
Ein Kind, dessen Gehörorgan nicht intakt ist, das nichts hört, lernt nicht reden, ist taubstumm. Die Kommunikationsfähigkeit ist ein wesentlicher Aspekt des Menschseins. Dort, wo sie gravierend gestört ist, bedeutet es eine mehr oder weniger starke Beeinträchtigung der Wirksamkeit und des Lebens. Im Religiösen ist bei vielen Menschen das Hörorgan gar nicht entwickelt. Das hängt oft damit zusammen, dass in den Familien der Glaube nicht gelebt wird. Da fehlt die Antenne, auch wenn es eine Sehnsucht im Herzen gibt. Nicht selten ist aber auch bei solchen, die früher einmal religiös waren oder die weiterhin religiös sind, die Kommunikation gestört: die Kommunikation mit Gott, die Kommunikation mit den Vorgesetzten, den Mitarbeitern, mit der Kirche, mit dem Umfeld. Und das hat Folgen.
Das „Ephata“, das der Herr zum Taubstummen sagt, bedeutet eine wahre Befreiung und bewirkt eine wunderbare Veränderung. Er kann sofort hören und die Zunge löst sich. Viele Probleme können gelöst werden, wenn man redet, wenn es gelingt sich zu öffnen und wenn jemand zuhört. Das betrifft das Reden mit Gott und das Reden miteinander.
Wer ein Amt innehabt, für den ist das Sich-Öffnen im Sinne des Zuhören-Könnens und auch im Sinne des Redens von größter Bedeutung. Es ist ein wesentlicher Aspekt jeder Leitung, sich den anderen zuzuwenden, sich bemühen, den Zugang zu ihren Herzen zu finden, sodass sie Vertrauen fassen und reden, sagen, was sie bedrückt. Ich wünsche dir, lieber Columban, dass du den Zugang findest. Ebenso wichtig ist es, ihnen mit Wertschätzung und Verständnis, aber doch auch mit der nötigen Klarheit zu sagen, was zu sagen ist. Auch für den neuen Abt.
Bei der Abtbenediktion wird im Weihegebet die Bitte ausgesprochen: „Das Wort seiner Lehre werde zum Sauerteig; es wirke in den Herzen der Seinen, damit sie deinem Willen in allem folgen…“ und dann heißt es weiter „Gib ihm ein wachsames Herz, dass er sich darum mühe, keinen von denen zu verlieren, die du ihm anvertraust.“
Nach dem Weihegebet werden dem neuem Abt die Regel des heiligen Benedikt überreicht – er soll im Geist des heiligen Benedikt die Anderen leiten –, dann werden ihm Mitra und Stab gegeben. Das sind nicht bloß heute schwerverständliche Symbole einer fragwürdigen Würde. Bei der Bischofsweihe wird die Mitra mit dem „Glanz der Herrlichkeit“ in Verbindung gebracht in dem Sinn, dass der Neugeweihte in allem Vorbild, mit seinem Leben der Hingabe eine Erinnerung an Gott sein soll. In diesem Sinn ist er auch eine Erinnerung an den heiligen Benedikt und den heiligen Columban. Und der Krummstab bedeutet, dass alle – allen voran der Leitende, im Falle des Klosters der Abt – unter Gottes Wort stehen, auf das sie hören sollen. Eine kirchliche Leitungsaufgabe setzt echte Bereitschaft zum Dienst voraus, zum Dienst an Gott und an denen, die einem anvertraut sind. So wird der Abt zum Abbas, zum Vater aller, damit er ein guter Hirte ist.
Dem neuen Abt wird schließlich der Abtring angesteckt. Es soll ein Symbol sein seiner Treue zur Kirche, zum Orden, zu dem ihn Anvertrauten, einer Treue, die für alle wichtig ist, die von großer Bedeutung ist für die Diözese, für die Kirche.
Noch etwas: Vergiss nicht, auch das Ende des heutigen Sonntagsevangeliums zu beachten. Nach dem Wunderbericht heißt es: „Er verbot ihnen, jemandem davon zu erzählen. Doch je mehr er es ihnen verbot, desto mehr machten sie es bekannt. Sie konnten nicht schweigen, denn außer sich vor Staunen sagten sie: er hat alles gut gemacht; er macht, dass die Tauben hören und die Stummen reden.“
Ich wünsche Dir, lieber Abt Columban, dass es Dir und Deinen Mitbrüdern so ergeht wie den Jüngern Jesu damals und dass ihr sagt: wir können und wollen nicht verbergen, wie gütig der Herr ist und welch Erbarmen er schenkt. Ich wünsche Dir und dem ganzen Konvent, dass Ihr voll Zuversicht an Eure Aufgaben herangeht und dass Ihr Euch durch nichts – weder aus der Vergangenheit noch aus der Gegenwart – aufhalten lässt. Denn es ist dringend, dass sich der Ruf des Herrn von Neuem überall verbreitet.
Der heilige Benedikt liebte die Jungfrau Maria. Auch in Göttweig begegnet man überall ihrem erfrischenden Bildnis. Sie sichert den Weg ab. Ich wünsche Dir, dass sie Dir auf Deinem Weg immer, wenn es nötig ist, Trost schenkt, vor allem aber Dir der Stern ist, der Dir leuchtet, bis Du am Ziel bist.