Jahrbuch 2018 - Jugend in der Kirche
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Abtreibung ist niemals eine Lösung - Gastkommentar "Die Presse"

Es gibt Jubiläen, die sollte man nicht feiern. Wie etwa den 40. Jahrestag der Einführung der Fristenregelung. Hier geht es übrigens nicht um eine Glaubensfrage, auch nicht um einen besonderen moralischen Standard für Katholiken. Sondern um das Menschenrecht schlechthin! Und es ist auch keine Frage der politischen Orientierung. Der bedingungslose Schutz des menschlichen Lebens ist die Fortschrittsfrage par exellence!

Nochmal: es gibt nichts zu feiern. Österreich ist eines der reichsten Länder der Welt und schafft es nicht, eines der gravierendsten sozialen Probleme der Gesellschaft anzugehen. Sprechen wir es aus: ein geschätztes Drittel unserer Kinder wird abgetrieben, alleine die Stadt Wien verliert TÄGLICH eine Schulklasse. Und doch spricht man nicht darüber; die Abtreibung ist eines der letzten Tabus unserer Gesellschaft, der „Elefant mitten im Zimmer“, um den sich alle herumdrücken. Sprechverbote, Keulen fallen auf alle nieder, die es wagen, die Frauen in dieser Krise lebensbejahend zu beraten.

Wir schaffen es nicht einmal, die genauen Zahlen der abgetriebenen Kinder zu erheben, sondern sind auf die Schätzungen der abtreibenden Ärzte angewiesen. In fast allen Ländern Europas kann man offenbar Frauen eine anonyme Statistik zumuten – nur in Österreich nicht. Dafür haben wir Statistiken über die Legegewohnheiten von Freilandhühnern.

Eine ganz einfache Maßnahme, nämlich eine vorgeschriebene zeitliche Pause zwischen Beratung und Abtreibung, würde den Frauen Zeit geben, nachzudenken – und sich in einem beträchtlichen Teil der Konfliktsituationen letztendlich doch für das Kind zu entscheiden. Denn ich bin fest davon überzeugt: keine Frau will im Tiefsten ihr Kind abtreiben. Wie oft sind es massive Beeinflussung von aussen und der zeitliche Druck, die letztendlich zur ungeliebten Entscheidung führen. Eine kleine Wartezeit könnte da den ganzen Unterschied machen, es gibt sie nebenbei in vielen Staaten, doch bei uns nicht. Dafür ist etwa im Schönheitschirurgie-Gesetz §6 vorgesehen, ich zitiere: "Die Durchführung einer ästhetischen Operation sollte ohne Zeitdruck, auf Grund einer bewussten Entscheidung und erst nach reiflicher Überlegung und Reflexion durch die Patientin (den Patienten) erfolgen. Zusätzlich soll durch die Wartefrist von mindestens zwei Wochen bei ästhetischen Operationen die Möglichkeit der Einholung von weiteren Fachmeinungen gegeben sein.“ So eine Wartefrist ist ein massiver Eingriff in die Privatautonomie eines Menschen, und doch wird sie bei einem so oberflächlichen Thema vorgeschrieben und akzeptiert; warum nicht in dem ungleich existenzielleren Fall, in welchem ein Leben auf dem Spiel steht? Sollten da solche Parameter nicht selbstverständlich sein? Ohne Zeitdruck? Auf Grund einer bewussten Entscheidung? Nach reiflicher Überlegung und Reflexion?

Es wird Zeit, über den eigenen Schatten zu springen. Man wird uns einmal fragen, wie es möglich war, dass 40 Jahre lang Jahr für Jahr nicht einmal ehrlich darüber geredet wurde, wie man Frauen in unserer Mitte helfen kann. Und es ist vor allem die Sprachlosigkeit, die Tabuisierung des Themas Abtreibung, die eine echte Hilfe schwer möglich macht.

Die Kirche kann den Gesetzgeber nicht zwingen, sich für den Respekt vor der Menschenwürde aller einzusetzen, aber sie darf nicht aufgeben. Wie das auch die Caritas nicht tut. Wir Christen wollen die Fragen stellen, die niemand stellt. Wir wollen Sprachlosigkeit durchbrechen. Und wissen, wie die Gesellschaft mit ihren schwächsten Gliedern umgeht.

Auch und besonders am 40. Jahrestag der Fristenregelung. Die keine Lösung ist.