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Erklärungen der Bischofskonferenz Herbstvollversammlung 2013

Presseerklärungen
Herbstvollversammlung der Österreichischen Bischofskonferenz
4. bis 7. November 2013, Stift Michaelbeuern, Salzburg

 

1. Familie und Evangelisierung

Mit der Einberufung einer außerordentlichen Bischofssynode (5. bis 19. Oktober 2014) über „Die pastoralen Herausforderungen der Familie im Rahmen der Evangelisierung“ hat Papst Franziskus ein für das Leben der Menschen und der Kirche zentrales Thema aufgegriffen. Die österreichischen Bischöfe begrüßen diese Prioritätensetzung und die neuen Akzente in der Vorbereitung der Bischofssynode, die ihrerseits Ausdruck der gemeinsamen Verantwortung des Papstes und des Bischofskollegiums für die Weltkirche sind.

Die Veröffentlichung des Vorbereitungsdokuments und des Fragebogens für die Sondersynode am Dienstag durch den Vatikan zeigt den Wunsch nach einer weltweiten Befassung mit den betroffenen Themen. Die 39 Fragen des Dokuments richten sich an die Bischöfe, die ihrerseits gehalten sind, Antworten bis auf die Ebene der Dekanate und Pfarrgemeinden einzuholen. Die Bischöfe in Österreich begrüßen ausdrücklich diese Vorgabe, die darauf abzielt, möglichst breit zu erheben, wie die Gläubigen über diese Themen denken. Als ersten Schritt dazu haben die Bischöfe noch während ihre Vollversammlung am Dienstag den gesamten Text und den Fragenkatalog auf der Internetseite der Bischofskonferenz (www.bischofskonferenz.at) zugänglich gemacht.

Der Fragebogen befasst sich umfassend und differenziert mit dem Stellenwert von Ehe und Familie und mit der Glaubenspraxis im familiären Bereich genauso wie beispielsweise mit der seelsorglichen Praxis bei schwierigen Ehesituationen, der Bedeutung der kirchlichen Sexualmoral oder der Situation von gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften. Dem Fragenkatalog vorangestellt ist ein Text, der die Lehre der Kirche zu diesen Themen ausgehend von den biblischen Quellen bis zu Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils und der Päpste zusammenfassend darlegt.

Das Generalsekretariat der Bischofssynode in Rom erwartet die Antworten bis Ende Jänner. Daher werden die österreichischen Bischöfe bis zum Jahresende innerhalb der Diözesen das Dokument und die Fragen auf den verschiedenen kirchlichen Ebenen behandeln. Pfarren, Dekanate und andere kirchliche Einrichtungen sind zur Stellungnahme genauso eingeladen wie Einzelpersonen, damit ein möglichst klares und umfassendes Bild entsteht. Darüber hinaus werden kirchliche Fachstellen, Organisationen und Bewegungen in den Bereichen Familie, Evangelisierung und Laienapostolat gezielt angefragt. Die Diözesanbischöfe werden dazu für ihre Diözese eine Ansprechperson nominieren, die die Rückmeldungen sammelt. Die Ergebnisse sind ein wesentlicher Bestandteil der bischöflichen Stellungnahmen zum Vorbereitungsdokument für die Sondersynode und werden im Rahmen des Ad-limina-Besuchs der österreichischen Bischöfe (27.-31. Jänner 2013) in Rom übergeben werden.

 

2. Österreich nach den Nationalratswahlen

Nach den Nationalratswahlen im September steht Österreich gegenwärtig in der Phase der Verhandlungen zur Bildung einer neuen Regierung. Verglichen mit vielen anderen Ländern, die von der weltweiten Wirtschaftskrise viel stärker getroffen sind, ist Österreich ein Vorbild im Bemühen um soziale Gerechtigkeit, eine intakte Umwelt und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Viele positive Kräfte setzen sich dafür ein.

Zu den großen Zukunftsthemen in Österreich zählt die Frage nach der Generationengerechtigkeit, nach dem Miteinander von Jungen und Alten, von gegenwärtigen und zukünftigen Generationen. Eine gefährliche Schuldenspirale engt zusehends den politischen Gestaltungsspielraum ein und belastet junge und zukünftige Generationen. Gleichzeitig wächst der Anteil jener alter Menschen in unserer Gesellschaft, die auf Unterstützung und auch Schutz angewiesen sind. Das 4. Gebot im Dekalog betrifft das Zueinander von Eltern und Kindern, von verschiedenen Generationen. Darin kommt der hohe Stellenwert der Generationengerechtigkeit in der christlich-jüdischen Glaubenswelt zum Ausdruck.

Von daher plädieren die österreichischen Bischöfe für einen offenen und breiten gesellschaftlichen Diskurs über dieses Großthema. Es betrifft die Frage nach der finanziellen Sicherheit des gegenwärtigen Pensionssystems genauso wie den Umgang mit der bestehenden Schuldenlast. Große Sorge bereiten den österreichischen Bischöfen Tendenzen, die das bestehende Verbot der aktiven Sterbehilfe in Frage stellen. Vor diesem Hintergrund plädieren die Bischöfe erneut dafür das Verbot der Sterbehilfe in der Verfassung zu verankern und den bewährten Weg der medizinischen und menschlichen Sterbebegleitung weiterzugehen.

Das vor 10 Jahren präsentierte ökumenische Sozialwort der Kirchen bietet für diese und andere wichtige gesellschaftliche Fragen eine hilfreiche Richtschnur. Die vom Ökumenischen Rat der Kirchen in Österreich initiierte und von der Katholischen Sozialakademie für ein Jahr lang getragene erneute Befassung mit dem Sozialwort (Projekt „Sozialwort 10+“) versteht sich als Beitrag der Kirchen zum Diskurs über die großen Zukunftsthemen in Österreich.

 

3. Hilfe für die Ärmsten

Nicht nur die aktuelle Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer erinnert daran, wie groß die Not in der Welt ist. Weltweit verarmen Bauern, hungern Menschen und alle drei Sekunden stirbt ein Mensch an Hunger oder Unterernährung. Im starken Gegensatz dazu stehen Statistiken über die weltweite Verschwendung von Lebensmitteln: Jährlich werden 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel weltweit verschwendet oder verderben auf dem Weg entlang der Wertschöpfungskette. Diese Menge würde nach Einschätzung der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) ausreichen, um drei Milliarden Menschen zu ernähren.

Umso erfreulicher ist der Umstand, dass die österreichischen Spenderinnen und Spender immer wieder ihre Solidarität mit den Ärmsten beweisen: Mit einer Rekordsumme von 113 Millionen Euro konnten im vergangenen Jahr kirchliche Organisationen 3822 Projekte unterstützen und damit rasch und gezielt Hilfe leisten. Daraus leitet sich ein Auftrag an den Staat ab, auch seinen Teil zur Entwicklungszusammenarbeit beizutragen.

Die österreichischen Bischöfe appellieren daher an die künftige Bundesregierung, die Mittel der bilateralen Entwicklungszusammenarbeit in einem ersten Schritt auf 100 Mio. Euro zu erhöhen und zusätzliche Mittel für den Auslandskatastrophenfonds bereitzustellen. Erneut setzen sich die Bischöfe dafür ein, die Entwicklungszusammenarbeit gesetzlich abzusichern und einen verbindlichen Stufenplan zur Erhöhung der finanziellen Mittel gesetzlich zu verankern. Kirchliche Hilfswerke sind schon seit Jahrzehnten bewährte und verlässliche Partner des Staates in der Entwicklungszusammenarbeit, die „Hilfe zur Selbsthilfe“ leisten. Ein Beispiel dafür ist die Sternsingeraktion, die im nächsten Jahr wird zum 60. Mal durchgeführt wird. Jährlich ziehen die Sternsingergruppen von Haus zu Haus, um das Evangelium zu verkünden, Gottes Segen fürs neue Jahr zu bringen und um Spenden für Projekte zugunsten besonders benachteiligter Menschen in Afrika, Lateinamerika und Asien zu sammeln. Zahllosen Menschen konnte weltweit durch diese Aktion geholfen werden.

Als Drehscheibe und kirchliches Kompetenzzentrum hat sich die „Koordinierungsstelle der Österreichischen Bischofskonferenz für Entwicklung und Mission“ bewährt. Sie wurde 1964 gegründet und kann somit im kommenden Jahr auf 50 Jahre Einsatz an der Seite der Armen zurückblicken. Einer ihrer wichtigen Aufgabenbereiche ist die Koordinierung der kirchlichen Hilfswerke und die Dokumentation dieser Hilfe. Die Zahlen, Daten und Fakten zeigen, wie die katholischen Organisationen mit Spenden, Kirchenbeitragsgeldern und öffentlichen Mitteln in der ganzen Welt helfen.

Von bleibender Aktualität ist das Schicksal von Menschen, die ihre Heimat aus unterschiedlichen Gründen verlassen und oft unter unmenschlichen und lebensbedrohlichen Umständen die Länder Europas erreichen wollen. Papst Franziskus hat eindringlich bei seinem Besuch auf Lampedusa vor einer Globalisierung der Gleichgültigkeit angesichts der menschlichen Tragödien an den Grenzen Europas gewarnt. Auch die österreichische Politik bleibt gefordert, Verfolgten Schutz zu bieten und Schwachstellen in der Asylgesetzgebung zu beheben. Gleichzeitig braucht es endlich eine klare Linie im Bereich der Zuwanderung, wie es in anderen Einwanderungsländern bereits der Fall ist.

 

4. 75 Jahre nach dem Novemberpogrom 1938

Am 9. November 2013 ist es 75 Jahre her, dass in einer konzertierten Aktion des nationalsozialistischen Regimes im gesamten damaligen Deutschen Reich Synagogen zerstört und jüdische Menschen schikaniert, gefoltert und getötet wurden. Auch ganz Österreich war davon erfasst,besonders stark Wien, wo eine große jüdische Gemeinde ein blühendes und die Gesellschaft inspirierendes Leben entfaltet hatte.

Wenn sich die Kirche heute dieser Ereignisse erinnert, dann steht sie an der Seite der jüdischen Gemeinde. Die österreichischen Bischöfe sind mit ihr bestürzt über die Qualen, die jüdische Menschen erlitten haben und wir erkennen, dass mit der Zerstörung der Synagogen auch das Lob des Ewigen geschändet wurde. Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil vor 50 Jahren hat die Kirche im Judentum die Wurzel ihres Glaubens wiederentdeckt. Wenn der jüdische Glauben geschmäht und zerstört wird, verlieren wir Christen jene Kraft, die uns nährt und aus der wir leben.

1938 hat das die Kirche in Österreich nicht erkannt, obwohl sie selbst wenige Wochen zuvor beim Sturm auf das Erzbischöfliche Palais in Wien Ziel des Naziterrors geworden war. Die Kirche hat auch in ihrer damaligen Theologie versagt, weil sie kein eindeutiges Zeugnis für den ungekündigten Bund des Ewigen mit seinem Volk gegeben hat. Und sie hat in der Liebe versagt, denn es waren unsere Nächsten, die unschuldig Opfer des gewalttätigen Antisemitismus wurden. Einzelne Christinnen und Christen haben die Not gesehen. Sie haben aus Eigeninitiative und unter großer Gefahr geholfen und gemahnt. Aber es waren viel zu wenige.

Wir sehen heute klar, dass auch die Kirche durch Akzente ihre Verkündigung im Sinn einer Verachtung des Judentums mitverantwortlich für jenes Klima war, in dem sich der nationalsozialistische Antisemitismus ausbreiten konnte. Daran erinnert ein bedeutendes kirchliches Dokument, wo es heißt: „Die Tatsache, dass die Schoa in Europa stattfand, das heißt in Ländern mit einer langen christlichen Kultur, wirft die Frage nach der Beziehung zwischen der Verfolgung durch die Nationalsozialisten und der Haltung der Christen gegenüber den Juden in allen Jahrhunderten auf.“ (Päpstliche Kommission für die religiösen Beziehungen zu den Juden: Wir erinnern, Eine Reflexion über die Schoa, 1998).

Vor diesem Hintergrund sind die Bischöfe dafür dankbar, dass sich die Kirche heute in einer tragfähigen Freundschaft mit den jüdischen Gemeinden verbunden weiß. Die zahlreichen christlich-jüdischen Veranstaltungen und Initiativen - nicht nur jetzt im Gedenken an das Novemberpogrom, sondern ganz selbstverständlich auch bei vielen anderen Anlässen – zeugen davon und geben Hoffnung. Die Bischöfe unterstreichen die Auffassung von Papst Franziskus: „Gott ist dem Bund mit Israel immer treu geblieben, und die Juden haben trotz aller furchtbaren Geschehnisse dieser Jahrhunderte ihren Glauben an Gott bewahrt. Dafür werden wir ihnen als Kirche, aber auch als Menschheit, niemals genug danken können.“

 

5. Zur Situation der Christen im Nahen Osten

In tiefer Sorge haben sich die österreichischen Bischöfe bei ihrer Herbstvollversammlung mit der Situation der Christen im Nahen Osten befasst. Gemeinsam mit Papst Franziskus und kirchlichen Persönlichkeiten verschiedener Konfession treten die Bischöfe für die sofortige Freilassung der beiden entführten Metropoliten von Aleppo, Mar Gregorios Youhanna Ibrahim und Boulos Yazigi, ein.

Die Bischöfe wissen sich dabei eins mit vielen Christen in Österreich und in aller Welt, aber auch mit Persönlichkeiten aus dem islamischen Bereich und Menschen guten Willens, die keiner Konfession angehören. Nach wie vor ist unklar, wo die Metropoliten festgehalten werden, wie ihr Gesundheitszustand ist, wer sie entführt hat und was die Entführer wollen. Gerade Mar Gregorios ist ein über die Grenzen geschätzter und glaubwürdiger Dialogpartner und ein treuer Freund Österreichs. In 14 Tagen sollte er bei zwei wichtigen ökumenischen bzw. interreligiösen Tagungen in Wien – dem 4. „Colloquium Syriacum“ der Stiftung „Pro Oriente“ und der 9. Weltversammlung von „Religions for Peace“ – teilnehmen.

Vor wenigen Tagen wurde bei der Vollversammlung des Weltkirchenrats in Busan festgestellt, dass die Entführung der beiden Metropoliten nicht nur ein „Verbrechen gegen die ganze Christenheit“ darstellt, sondern auch die Christen im Nahen Osten zutiefst verunsichert hat. Es kann im Nahen Osten – wie überall auf der Welt – nur dann eine Zukunft in Frieden und Gerechtigkeit geben, wenn Gewaltmethoden wie Entführungen, Geiselnahmen usw. verschwinden.

Zugleich geht es um die Respektierung der Menschenrechte, angefangen mit dem Recht auf volle Religionsfreiheit, um die Überwindung jeglicher Diskriminierung aus religiösen oder ethnischen Gründen, um die Vertiefung des interreligiösen Dialogs, sowie um die großzügige Hilfe für die Opfer der ständigen bewaffneten Auseinandersetzungen. Einen wichtigen Beitrag leistet dafür die Syrienhilfe im Rahmen der Aktion „Nachbar in Not“.

Ein konkretes Zeichen der Solidarität mit den Christen im Nahen Osten will auch die „Volkswallfahrt“der österreichischen Diözesen in das Heilige Land sein, die im Februar 2014 stattfindet. Dabei werden die diözesanen Pilgergruppen jeweils in der Zeit ihrer Semesterferien den Spuren Jesu folgen, um an den historischen Orten des Christentums den persönlichen Glauben zu stärken.

Die Wallfahrten stehen auch im Zeichen des Gebets für Frieden und Gerechtigkeit im Nahen Osten, wo das Christentum entstanden ist. Die Weltchristenheit verdankt den orientalischen Christen die Heilige Schrift, die Grundlagen der Theologie, der Philosophie, der Spiritualität, der christlichen Kunst und Kultur. Umso mehr haben die Christen des Nahen Ostens ein unaufgebbares Recht auf ein freies und geachtetes Leben in ihrer Heimat mit allen Entwicklungsmöglichkeiten.

Die österreichischen Bischöfe unterstützen dieses Recht aus ganzem Herzen.