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Festvortrag "Die kirchliche Sicht von Ehe und Familie in einer säkularen Gesellschaft"

Danke für die freundliche Begrüßung und die Einführung in das Thema. Wahr ist, dass ich seit mehr als 25 Jahren intensiv mit der Situation der Seelsorge und mit der gesellschaftlichen Entwicklung befasst bin und zugleich von Anfang an in der Österreichischen Bischofskonferenz das Referat für Ehe und Familie übernommen habe. Damit im Zusammenhang hat sich in mir im Laufe der Jahre immer stärker die Überzeugung gefestigt, dass für die Kirche das Thema Familie mindestens so wichtig ist wie das der geistlichen Berufe und dass auch die gesellschaftliche Entwicklung längerfristig in hohem Maße von der Stabilität und der inneren Gesundheit der Familie abhängt.

Als wir Bischöfe im vergangenen Februar den Ad limina Besuch absolvierten, habe ich Papst Franziskus dafür gedankt, dass er für die ordentliche Bischofssynode das Thema Familie gewählt hat. Papst Franziskus ist sofort auf meine Wortmeldung eingegangen und sagte uns, er betrachte es als eine echte Eingebung des Heiligen Geistes. Ursprünglich sei ein anderes Thema für die Bischofssynode vorgesehen gewesen: „Der Mensch als Abbild Gottes“. Man wollte unter anderem die Gender-Frage behandeln, auch bioethische Probleme, aber die Gespräche hätten immer mehr in Richtung Thema Familie geführt. Es entsprach auch der Bitte, die in der Bischofssynode über Neuevangelisierung von mehreren Synodenvätern eindringlich ausgesprochen worden war.

Inzwischen hat vor einigen Wochen die außerordentliche Bischofssynode in Rom stattgefunden. Die Relatio Synodi, der Abschlussbericht der Synode, liegt vor (nicht zu verwechseln mit der Abschlusserklärung). Er ist relativ umfangreich und umfasst 61 Punkte. Er lässt erkennen, dass die Beratungen viele wichtige Themen betrafen, nicht nur die zwei oder drei heiße Eisen, die die Medienberichte beherrschten. Mit dem Vorliegen der Relatio hat nun die Vorbereitungsphase 2. Teil für die Bischofssynode im Herbst des kommenden Jahres angefangen. Auf der Grundlage der Ergebnisse der außerordentlichen Synode soll es in den Diözesen der ganzen Welt zu einer weiteren Vertiefung kommen. Ich hoffe sehr, dass dabei der Heilige Geist der Kirche beisteht und durch eine zeitgemäße Familienpastoral eine neue Ausrichtung der kirchlichen Sendung in der heutigen Welt erreicht wird. Es geht vor allem um die Befähigung der Familie, ihre Aufgabe als Keimzelle des Glaubens und des Christseins wahrzunehmen, es geht um Hilfestellungen für Familien, die sich in Schwierigkeiten befinden, auch für jene, die den Weg zu einer definitiven Familiengründung noch nicht gefunden haben oder gescheitert sind.

Ziel dieses Abends ist es, in Kürze die wichtigsten Punkte darzulegen, um die es dabei geht. Man kann es auch als Versuch betrachten, die jetzt beginnende zweite Vorbereitungsphase für die Bischofssynode im Herbst des kommenden Jahres gewissermaßen „einzuläuten“.

Eine kurze Präambel

An sich sind sich – diesen Eindruck habe ich – die meisten Menschen darin einig, dass die Familie für das Wohlbefinden des Einzelnen, auch für die Entwicklung seiner Persönlichkeit von zentraler Bedeutung ist, ebenso gibt es einen relativ breiten Konsens, dass die Familie für Kirche und Gesellschaft wichtig ist, weil die Familie Keimzelle des Glaubens und des Christseins ist, aber auch der wichtigste Lernort für Verantwortung, Zusammenarbeit und Solidarität, ohne die eine Gesellschaft zunehmend egoistischer und dekadent wird. Freilich: alle reden davon, dass die Familie, insbesondere in Wohlstandsländern, sich in Krise befindet. Und dieser Eindruck wird bestätigt, wenn man an die Zahl der Scheidungen denkt und an die vielen, die gar nicht mehr heiraten. Die zu geringe Kinderzahl bzw. die vielen Kinder, denen die Geborgenheit einer intakten Familie fehlt oder die keine Familie haben spiegeln ebenfalls diese Krise wieder. Trotzdem dürfen/sollen wir davon überzeugt sein, dass der Familie eine starke regenerative Kraft innewohnt und dass sich insbesondere mit der christlichen Familie, auch mit dem Blick auf die Zukunft, eine große Hoffnung verbindet. In der Relatio Synodi wird dies begründet.

  1. Schöpfungsordung

Es gibt einen tief in unserem Wesen verankerten Grund, warum die Familie auf der Basis einer stabilen Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau der Sehnsucht des Menschen entspricht. Die Familie steht ja gerade bei jungen Menschen weiterhin ganz oben in der Wertescala und es ist leicht verständlich, warum das so ist. Denn diese Sehnsucht entspricht genau dem, was Gott, der Schöpfer, dem Menschen von Anfang an tief im Herzen verwurzelt hat. Im Schlussbericht der außerordentlichen Synode wird das in mehreren Punkten dargelegt. Im Wesentlichen finden wir diese Argumentationsschiene schon in der Pastoralkonstitution „Kirche und Welt“ des II. Vatikanische Konzils bzw. im Apostolischen Schreiben Papst Johannes Paul II. über die Familie („Familiaris consortio“). Das Argument lautet: Gott, dessen Wesen die Liebe ist, hat aus Liebe den Menschen als Mann und Frau erschaffen und zur Liebe bestimmt. Das ist in unserem Wesen tief verankert.

Manche fragen: Ist die „traditionelle Familie“ ein Auslaufmodell? Meine Antwort: Sicher nein. Die Verkündigung dessen, was Johannes Paul II. als „Evangelium der Familie“ bezeichnet hat, wird immer Chancen haben. Im Laufe der Menschheitsgeschichte stoßen wir immer wieder (ständig?) auf Krisen in Bezug auf Ehe und Familie, Krisen, die zeitweise auch sehr viele gläubige Christen betroffen haben, mit den entsprechenden Folgen für Kirche und Gesellschaft. Trotzdem wird immer gelten: Kinder brauchen Vater und Mutter, und zwar die eigenen. Wenn sie ihre Liebe empfangen, ist das die beste Voraussetzung für ihre Entwicklung. Aber auch bei den Erwachsenen, den Eheleuten, ist für die Entwicklung einer dauerhaften, allmählich tiefer und fester werdenden Beziehung, für die Reifung ihrer Liebe die Ehe als einem Bund zwischen einem Mann und einer Frau mit den Kennzeichen der Einheit und der Unauflöslichkeit das Beste. Und sie ist eigentlich immer das große Ziel, das es zu erstreben gilt, auch wenn das heutzutage aus verschiedenen Gründen oft nicht gelingt und früher auch oft nicht gelungen ist.

  1. Der Glaube als Quelle und Hilfe

Schon vor Jahren hat eine amerikanische Pfarre, die darunter litt, dass so wenig junge Paare sich zur kirchlichen Trauung aufraffen konnten, überlegt, was man tun könnte, um eine Trendwende herbei zu führen. Sie beauftragten eine Studie. Das Resultat war nicht überraschend. Man kam zum Ergebnis: Wenn ein Paar regelmäßig betet, sind die Chancen, dass es beisammenbleibt, größer, als wenn es das nicht tut. In diesem Sinn hat ja auch Mutter Theresa gesagt: „Eine Familie die betet, bleibt beisammen. Weiter: „Wenn ein Paar regelmäßig gemeinsam den Gottesdienst besucht, steigen die Chancen, und wenn die beiden persönlich und gemeinsam um ein christliches Leben bemüht sind, dann geht es fast immer gut, trotz aller Fehler und Schwächen, trotz aller Schwierigkeiten, die sie vielleicht miteinander haben.

  1. Die Notwendigkeit der christlichen Bildung

Warum lassen sich aber so viele scheiden, auch solche, die kirchlich geheiratet haben? Die Gründe sind vielfältig. Ein Grund liegt häufig schon darin, wie die Familie begründet wurde und wie das Vorleben der beiden gewesen ist. Wenn jemand vor der Ehe den Partner/die Partnerin gewechselt hat, ist es nicht überraschend, wenn das später wieder passiert. Zudem sind leider das Glaubensleben und die Glaubenspraxis oft sehr wenig entwickelt. In der außerordentlichen Bischofssynode kam mehrfach zur Sprache, dass der Krise der Familie unter den Gläubigen die Krise ihres Glaubens voran gegangen ist. Außerdem wissen viele gar nicht, was das Sakrament der Ehe wirklich ist und wie sehr sich ein Leben verändern kann, wenn man sich persönlich und gemeinsam Gott zuwendet, auf Christus hört, bei ihm Kraft sucht, auch Vergebung und Hilfe. Das sind weitgehend unentdeckte Ressourcen, die wir haben!

Es hat mich sehr gefreut festzustellen, dass im Schlussbericht der außerordentlichen Bischofssynode einmal mehr die Empfehlung ausgesprochen ist, die Ehevorbereitung zu verbessern und wie wichtig die Beteiligung von erfahrenen Ehepaaren sei, und wie notwendig es ist, dass sich die jungen Paare nach der Hochzeit, insbesondere in den ersten Jahren, regelmäßig treffen und dass bei diesen Treffen ebenfalls ältere Ehepaare sie begleiten sollten. Es wird zugleich betont, wie wichtig es sei, den Zusammenhang zwischen Ehe und Taufe zu erkennen. Die Ehe ist die Konkretisierung der in der Taufe grundgelegten Berufung.

  1. Die Ehe als Berufung

Ich freue mich darüber, dass sich in den letzten Jahren hier und dort junge Familien zu sammeln beginnen, sich mit dem Glauben befassen, sich überlegen: was können wir tun, damit unsere Ehe hält, unsere Kinder den richtigen Weg finden, unsere Familie eine christliche Familie wird? Diese Familien tauschen sich aus, bestärken sich gegenseitig, befreunden sich. Sie haben fast alle mehrere Kinder. Sie strahlen Freude und Optimismus aus, auch wenn es logisch ist, dass auch bei ihnen das eine oder andere Problem vorkommt. Sie entdecken ihre Ehe und ihre Familie als die von Gott für sie vorgesehene Berufung. Dadurch nehmen sie die tiefere, ja, man kann sagen, die wirkliche, eigentliche Bedeutung ihres Lebens wahr, auch aller Vorkommnisse, die dazu gehören.

  1. Neuausrichtung der Seelsorge

Ich bin davon überzeugt, dass die Seelsorge bei uns eine neue Orientierung nötig hat, die uns die Bischofssynode im kommenden Jahr hoffentlich bringen wird. Wie der hl. Papst Johannes Paul II. gelehrt hat: „Der Weg der Kirche führt über die Familie.“ Die Familie gehört ins Zentrum gerückt. Wenn man in einer der östlichen Diözesen einen Pfarrer nach der Größe seiner Pfarre fragt, antwortet er normalerweise nicht mit der Zahl der Einwohner in seinem Pfarrgebiet, sondern nennt die Zahl der christlichen Familien, die zu seiner Pfarre gehören. Die Eltern sind für ihre Kinder die wichtigsten Verkünder dessen, was Liebe ist, nicht so sehr durch fromme Reden, sondern durch ihre Zärtlichkeit und Fürsorge. Die (christliche) Familie ist die wichtigste Schule des Lebens, der Liebe und des Glaubens; sie ist durch nichts anderes wirklich ersetzbar und gerade in der säkularisierten Gesellschaft zeigt sich das. Jeder Lehrer, jeder Pfarrer, jeder, der mit Kindern zu tun hat wird das bestätigen. Man muss auch sagen: Kinder sind fast immer zugänglich für den Glauben, aber wenn die Familie nicht dahinter steht, ist langfristig meist nur wenig zu erreichen. Andererseits wird die Familie, in der von den Beteiligten der Glaube gelebt wird, zur „civitas firma“, zur befestigten Stadt. Und wenn christliche Familien untereinander befreundet sind, wachsen die Chancen, wie die Erfahrung zeigt: Auch die Kinder möchten dann, sobald sie groß sind, eine christliche Familie, möchten später selbst, ebenfalls mehrere Kinder, einfach, weil es schön ist. Die Pfarre der Zukunft ist Heimat für die Familien und wird weitgehend von christlichen Familien getragen werden. Sie wird aber selbstverständlich auch Heimat für andere, auch solche, die keine Familie haben, die Gott suchen, Verlangen haben nach Jesus, dem Erlöser und Heiland.

  1. Die Hauskirche

Es hat mich gefreut, dass der Heilige Vater in seiner Rede zu uns Bischöfen anlässlich des Ad limina Besuchs davon gesprochen hat, wir dürften uns nicht damit begnügen, einfach fortzuführen, was wir haben, und zuzuschauen, wie die Zahl der Gläubigen Jahr für Jahr abnimmt. Es sei notwendig, missionarisch zu sein, auch jene anzusprechen, die sich vom Glauben entfernt haben. Und eine Erfahrung ist: von den Kindern gelangt man zu den Familien. Der Papst sprach von der Bedeutung der „Hauskirchen“. Auch im Abschlussbericht der außerordentlichen Bischofssynode ist mehrmals „Hauskirche“ die Rede. Es ist ein hoffnungsvoller Ansatz. In solchen Familien wachsen junge Menschen heran, die stolz sind, Christ zu sein. Sie sprechen auch andere an. Es entstehen christliche Familien, auch geistliche Berufe.

  1. Sexualität: Liebe und Verantwortung

Und das Thema Sexualität? Dieses Thema kann man nicht ausklammern. In der außerordentlichen Synode wurden diese Fragen, auch wenn es in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurde, schon auch angesprochen. Im Schlussbericht wird mehrmals die Enzyklika Humanae Vitae erwähnt. Es geht dabei um Großzügigkeit im Sinne der Bereitschaft zu Kindern; es geht aber auch um das Verständnis von Liebe, um gegenseitige Rücksicht und Zuwendung. Heute, 40 Jahre nach Erscheinen jener Enzyklika, die wie kaum eine andere Widerspruch ausgelöst hat, bezeugen Ehepaare, die entsprechend der kirchlichen Lehre leben, auch solche, die nach Jahren, in denen sie Verhütung praktiziert haben auf natürliche Empfängnisregelung umgestiegen sind, wie gut es ihrer Beziehung getan hat, auf einander Rücksicht zu nehmen, sich manchmal aus Liebe zum anderen, auch aus Liebe zu Gott zurückzuhalten und zu beherrschen, sich die Liebe auf andere Weise zu zeigen und dass sie es nur empfehlen können. Die vom hl. Papst Johannes Paul II. entwickelte „Theologie des Leibes“ ist ein Schatz, der noch nicht gehoben ist.

Es ist zu hoffen, dass die Synode im kommenden Herbst auch diesbezüglich Ansätze aufzeigen ermutigend wirken wird. Auch in diesem Zusammenhang braucht es vor allem Ehepaare, die entsprechend leben und Zeugnis geben können. Erfahrungsgemäß sind gerade junge Menschen durchaus empfänglich für die Lehre der Kirche, wenn sie gut erklärt wird.

  1. Und die anderen offenen Fragen?

Es wird sicher noch weitere Beratungen geben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in den Prinzipien zu großen Änderungen kommt: die Kirche muss dem Evangelium treu sein.

Sicher ist eindeutiger Wille von Papst Franziskus ein missionarischer Aufbruch, von dem niemand ausgeschlossen ist. Sicher ist auch, dass gerade der Glaube an Christus für alle Hilfe vermittelt und was Papst Franziskus schon in Evangelii gaudium geschrieben hat, nämlich, dass die Kirche ihre Priester und alle Gläubigen „die Kunst des Begleitens“ lehren muss und dass wir allen mit einer positiven Haltung begegnen und ihnen beistehen müssen, damit sie dem näher zu kommen, der das Heil der Welt ist.

So komme ich zum Abschluss:
Wir haben alle Grund zu Zuversicht. Der Heilige Geist hat die Kirche von Anfang an, auch in allen Prüfungen, Schwierigkeiten und Krisen begleitet und immer wieder ist es geschehen, dass Christus in der Kraft seines hl. Kreuzes und seiner Auferstehung in der Kirche lebendig geworden ist. Das wird auch in unserer Zeit erneut der Fall sein.