Jahrbuch 2018 - Jugend in der Kirche
Pilgergruppe im Herbst
Herbstlandschaft Mostviertel
 
 

Gedenkmesse 50. Todestag Julius Raab

Hochwürdigste Äbte, sehr geehrter Herr Präsident, liebe Brüder und Schwestern!

Julius Raab starb an einem 8. Jänner, an dem Tag, der in der Liturgie der Kirche dem Gedächtnis des hl. Severin gewidmet ist. Jemand hat mir gesagt, dass dies vielleicht gar kein Zufall war, denn Julius Raab habe den hl. Severin sehr verehrt. Der hl. Severin war ein großer Nothelfer in schwieriger Zeit, es war die Zeit der Völkerwanderung und des zerfallenden römischen Reiches, eine Zeit gewaltiger Umbrüche, auch in religiöser Hinsicht. Der hl. Severin war für viele ein geistiger Halt. Zugleich war er ein Mann mit großer Umsicht und Erfahrung, der den Menschen auch in den schwierigsten Situationen beistand.

Auch Julius Raab war eine der großen Führungspersönlichkeiten unseres Landes in einer sehr schweren Zeit; er hat zur Überwindung der Not nach dem II. Weltkrieg und zum Wiederaufbau zweifelsohne Großes geleistet. Und seine Einstellung zum Glauben und zu den christlichen Werten war eindeutig.

Es ist richtig und angebracht, wenn wir das Gedächtnis dieses Mannes hochhalten, über ihn nachdenken.

Zunächst ist es gut, sich bewusst zu machen, was Julius Raab geprägt hat.

In seiner Jugend hat er den Horror des I. Weltkrieges erlebt und damit verbunden das Zusammenbrechen der Monarchie und die Existenzängste der Ersten Republik. Fast niemand hielt Österreich als kleines Überbleibsel einer ehemaligen Großmacht für überlebensfähig. Julius Raab hat die Wirtschaftskrise der 20er Jahre und die zerstörerische Wirkung der hasserfüllten Grabenkämpfe zwischen Arbeiterschaft und Christlich-Sozialen an der eigenen Haut schmerzhaft erfahren, aber auch die verführerische Kraft des Nationalsozialismus. Er hat schon in jungen Jahren gelernt, mit dem Blick auf das Wohl der Menschen mit Hausverstand, auch mit einer Portion Schläue und trockenem Humor mutig und engagiert zu handeln. Die Tatsache, dass er am Ende des I. Weltkrieges im Stande war, als junger Offizier, ohne dafür eigentlich befugt zu sein, die ihm anvertrauten Leute ordnungsgemäß und ohne Schaden von der vordersten Kriegsfront bis nach St. Pölten zu führen und hier im elterlichen Haus ohne Verluste abzurüsten, ist vielleicht geradezu symbolhaft für sein ganzes Leben. Damals hat auch die Weggemeinschaft und Freundschaft mit Leopold Figl begonnen, der zufällig auf der Straße die einrückende Truppe bemerkt hat und sich dachte, den muss ich mir anschauen.

Kennzeichnend für Julius Raab ist ohne Zweifel seine große Liebe zum Vaterland und seine Sorge für das Wohl der Menschen. Das hatte bei ihm immer eindeutig Vorrang über alle persönlichen und parteilichen Rücksichten hinweg. Mit großer Umsicht pflegte er den Kontakt mit den anderen politischen Kräften und vermied alles, was unnötig Emotionen auslösen konnte. Er erwies sich auch immer wieder als kompromissbereit, ohne in dem nachzugeben, was ihm wesentlich schien, mit Augenmaß und ohne Populismus.

In seinem Leben gibt es noch ein weiteres Kennzeichen: Wenn er von Journalisten auf seine persönlichen Überzeugungen, auf seinen Glauben hin angesprochen wurde, war er eher kurz angebunden und in seinen Antworten karg. Er war der Meinung, dass man aus den Verhaltensweisen eines Menschen schon erkennen müsste, wie er denkt, und dass es deshalb diesbezüglich nicht vieler Worte bedürfe. In den Lichterprozessionen der Maria-Namens-Feiern, bei denen man intensiv für die neuerliche Erlangung der vollen Freiheit und Unabhängigkeit unseres Landes betete, war er jedes Jahr dabei. Es ist unvergesslich, wie er nach erfolgreichem Abschluss der Staatsvertragsverhandlungen in Moskau bei der Ankunft auf dem russischen Militärflughafen von Bad Vöslau ausrief: „Vor allem möchte ich meinen Dank sagen dem Herrgott, dass wir diese Stunde für Österreich erleben durften“. Er war davon überzeugt, dass der Erfolg in diesen schwierigen Verhandlungen, die in manchen Phasen aussichtslos schienen, nicht nur das Ergebnis geschickter Taktik waren und diplomatischer Kunst. In der großen Dankfeier am 10. September 1955 sagte Bundeskanzler Raab in seiner Ansprache: „ Mag mancher erstaunt gewesen sein über die Inbrunst des Gebetes, über die Tatsache, dass in Österreich so zahlreiche Menschen niemals an der Macht des Gebetes zweifelten, niemals daran zweifeln, dass ihre Gebete Erhörung finden würden, mag mancher darüber gelächelt haben, wir als gläubige Katholiken – und ich bekenne mich selbst stolz dazu – haben nie daran gezweifelt, dass unser Herrgott uns eines Tages erhören und der Prüfung, die unser Volk ertragen musste, ein Ende bereiten werde.“ Und er fügte hinzu: „Ich sehe schon heute die sogenannten Aufgeklärten dabei, dieses Phänomen zu erläutern und zu sezieren. Um einen Tatbestand aber kommen sie nie herum: Die Macht des Glaubens hat dem österreichischen Volk die moralische Stärke gegeben, in härtester Zeit durchzuhalten, ohne einen Fingerbreit von seinem eingeschlagenen Weg abzugeben. Nicht eine Spur unseres Gedankengutes, nicht eine Spur von unserem Glauben wurde geopfert….Die Macht des Glaubens war es, die uns aufrechterhalten hat; unser Gebet war unsere Waffe und unsere Stärke.“

Er selber ist in den schwierigen Situationen schon auch hin gestanden, hat keine Mühe gescheut und alle seine Fähigkeiten eingesetzt. Ein konkretes Beispiel ist sein Bestehen darauf, die Verhandlung der wirtschaftlichen Fragen für den Staatsvertrag selbst zu leiten. Er tat dies mit großem Geschick und präziser Kenntnis, die er sich von seiner Tätigkeit in der Wirtschaftskammer, die er gegründet hat, erworben hatte. Er war ein bodenständiger Politiker, grundsatztreu, verlässlich mit Handschlagsqualität, was im Laufe der Jahre auch von den Politikern im gegnerischen Lager Anerkennung gefunden hat.

Besonders beeindruckend ist das Testament, das er angesichts seines nahen Todes verfasst hat. Es ist ein Zeugnis gelebten Glaubens. Am Ende des Testamentes heißt es: „Und nun lebe wohl, schöne Welt! Ich fürchte den Tod nicht. Er ist Erlösung von der Erdenschwere, von der vergänglichen Materie, ein schöner Schritt dem wirklichen Endziel zu: Gott zu schauen und seine Herrlichkeit“ Und vorher hatte er geschrieben: „Der schönste Freundschaftsdienst, den mir jemand erweisen will, ist ein stilles, andächtiges Gebet. Ich hoffe, dass mir der Herrgott ein gnädiger Richter sein wird und die Gottesmutter eine gütige Fürbitterin.“ Sein Wunsch war ein einfaches Begräbnis, ohne jeden Prunk, aber mit einer großen Bitte: „.. alle bitte ich inständig, die rot-weiß-rote Fahne hochzuhalten und unser schönes Österreich als Hort der Freiheit zu bewahren.“

Es ist sicher richtig, wenn wir das Gedächtnis dieses großen Österreichers hochhalten und für unser Land beten, damit wir das übernommene Erbe nicht verkommen lassen, alles tun, um gemeinsam den Anforderungen der jeweiligen Zeit zu entsprechen und das Wesentliche nicht aus den Augen zu verlieren.

Die Maria-Namens-Feier ist in den letzten Jahren kleiner geworden als sie es in den Jahren nach dem II. Weltkrieg war (mit bis zu 40.000 Teilnehmern), vielleicht muss sie wieder größer werden. Die Gottesmutter Maria wird uns auch in Zukunft beistehen.