Entzündung der 2. Kerze am Adventkranz
Krippenschau im Diözesanmuseum
Winterwald
 
 

Predigt Christtag 2014

Liebe Brüder und Schwestern!

Der päpstliche Hausprediger P. Raniero Cantalamessa hat einmal in einer Adventpredigt gesagt: ”Wer heute wirklich Weihnachten feiern will, muss in der Lage sein, heute, Jahrhunderte später, das zu tun, was er getan hätte, wenn er an jenem Tag dabei gewesen wäre. Wer das tut, was Maria uns gelehrt hat: Niederknien, Anbeten, Schweigen.” Das klingt vielleicht ein wenig illusorisch, ist es aber nicht.

An sich hat Weihnachten, auch in unserer Zeit, obwohl oft das Materielle viel zu sehr im Vordergrund steht, eine große Anziehungskraft. Die Kirchen sind landauf, landab voll, obwohl sie sonst nicht so voll sind. Es hat auch im Laufe der Geschichte keine Diktatur gegeben, die in der Lage gewesen wäre, das Weihnachtsfest auszulöschen. Der jetzige Erzbischof von Minsk stammt aus einer russischen Stadt, in der es 60 Jahre lang weder einen Priester gab noch eine Kirche, denn sie war in ein Kino verwandelt worden. Er erzählt, dass sie sich zu Weihnachten (und oft am Sonntag) beim Priestergrab im Friedhof trafen und dort feierten. Weihnachten wirkt auch dann, wenn die Seele einem verlassenen Garten gleicht, in dem vielleicht durch bestimmte Vorfälle oder einfach aus Vernachlässigung der Blick auf Gott verstellt ist.

Was ist das Geheimnis von Weihnachten? Die kompakteste Zusammenfassung findet sich im Prolog des Johannesevangeliums, das gerade deshalb Jahr für Jahr am Weihnachtstag als Evangelium verwendet wird: ”Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.”

Freilich, das übersteigt unsere Fassungskraft. Benedikt XVI. hat es einmal so erklärt: ”Um zu versuchen, das Herz dieser Wahrheit zu öffnen, die das gesamte menschliche Dasein erhellt, ist es notwendig, den Verstand zu beugen und die Begrenztheit unseres Einsichtsvermögens anzunehmen. Er fügte hinzu, dass wir uns vielleicht leichter täten, wenn er mit Macht käme oder mit unüberbietbarer Weisheit. Er aber will nicht unsere Kapitulation, so wörtlich der Papst. Er appelliert vielmehr an unser Herz und unsere freie Entscheidung, seine Liebe anzunehmen. Er ist kleingeworden, um uns von jener menschlichen Anmaßung der Größe zu befreien, die dem Hochmut entspringt; freiwillig hat er Fleisch angenommen, um uns wahrhaft frei zu machen frei, ihn zu lieben.

Bei all dem ist zu bedenken: Weihnachten bezieht sich nicht nur auf das Geheimnis Gottes, sondern auch auf das Geheimnis der Schöpfung und des Menschen.

Bei der gleichen Gelegenheit hat Benedikt XVI. erläutert, dass man das von Johannes im Prolog verwendete griechische Wort Logos im Deutschen sowohl mit Wort oder auch mit Sinnübersetzen kann. Er meinte damit: Jesus, der Gottes Wort ist, bringt uns den Sinn, die Bedeutung unseres Lebens, die es von Anfang an in Gott hatte und bei jedem Menschen hat, und er zeigt uns, wie groß die Liebe Gottes ist, der nicht nur aus Liebe die Welt erschaffen, sondern uns auch seinen Sohn gesandt hat, damit auch wir lieben lernen, wie er geliebt hat, weil wir dem Schöpfungswillen entsprechend  zur Liebe bestimmt sind

Weihnachten rührt an die zentralen, existenziellen Fragen unseres Lebens und der Liebe, die den tiefsten Sinn unseres Lebens ausmacht. Der Sohn Gottes kommt, um uns zu helfen. Das erklärt, warum Weihnachten so anziehend ist, auch wenn nicht immer die tieferen Aspekte bewusst sein mögen.

Zugleich stellt Weihnachten schon auch so etwas wie eine Provokation dar: Gott wird Mensch, damit der Mensch Gott ähnlich wird. Im Tagesgebet wurde die Bitte ausgesprochen: Lass uns teilhaben an der Gottheit deines Sohnes, der unsere Menschennatur angenommen hat. Und im Prolog heißt es: Aber allen, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden.

Es ist eine Provokation für  Oberflächlichkeit. Viele leben so als gäbe es gar keinen Gott. Sie leben für ihre Arbeit oder für den Wohlstand, für ein Hobby oder sonst etwas. Durch ihre Lebensweise kommen sie ab von dem, der sie erschaffen hat, der der Grund und das Ziel ihres Lebens ist.

Weihnachten ist auch eine Provokation für ein Denken, das gerade in unserer Zeit sehr verbreitet ist: Verführt durch die Naturwissenschaften mit ihren ohne Zweifel fantastischen Erfolgen, besteht die Neigung zur Verflachung, weil die Naturwissenschaft nur vom Sichtbaren, Messbaren, mit unseren Fähigkeiten Wahrnehmbaren ausgeht und das, was „über der Natur steht, nicht beachtet, weil es von den Methoden der Naturwissenschaft gar nicht erfasst werden kann. Die aktuelle Diskussion über das geplante Fortpflanzugsmedizingesetz ist ein typisches Beispiel dieser Sichtweise: Embryonen werden vor ihrer Implantation  in die Gebärmutter der Frau untersucht und bei  geringstem Verdacht auf Vorliegen eines Schadens  verworfen. Man begründet es damit, dass ja Abtreibung bis zum 3. Monat und, bei Verdacht auf eine Behinderung, bis unmittelbar vor der Geburt erlaubt sei. Wobei es eigentlich gar nicht erlaubt, sondern nur straffrei ist. Das vergisst man. Man betrachtet den Embryo als Zellhaufen. Und das ist er ja auch, aber er ist mehr. Man verdrängt, dass es sich um einen Menschen im allerersten Anfang handelt.

Weihnachten lenkt unseren Blick auf die tieferen Fragen. Vor allem aber  schenkt es uns Hoffnung, auch in unserer Schwachheit und Sündhaftigkeit. Auch inmitten aller Katastrophen, aller Übel, aller Bosheit in der Welt. Denn durch Jesus Christus, geboren aus der Jungfrau Maria, wurden wir mit Gott versöhnt. Durch Ihn können wir zu Gott Vater finden, kann unsere Liebe, kann unser Leben heil werden, sich entfalten, zur Erfüllung gelangen. Wie  Paulus schreibt: Die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten.

Ich kehre zum Ausgangspunkt zurück.

Angebracht ist Niederknien, Anbeten, Schweigen. Wenn wir bei diesem Kind, bei seiner Mutter, bei Josef verweilen, wird sich in unseren Herzen jene Hoffnung regen, die eine große Kraft hat.

Schließen möchte ich mit dem Wort von Meister Eckhart: Er ist Mensch geworden, auf dass Gott in deiner Seele geboren werde und deine Seele in Gott. Das wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen. Mögen Ihnen und uns allen die Fürsprache der Gottesmutter Maria beistehen, damit wir Weihnachten richtig feiern können.