Erntekrone
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Herbstlandschaft Mostviertel
 
 

Predigt Heilige Nacht 2014

Liebe Brüder und Schwestern!

Kürzlich habe ich ein Interview gegeben. In diesem Interview ging es, lapidar gesprochen, um meinen Beruf als Bischof. Der Journalist - sicherlich nicht jemand, der oft in die Kirche geht und viele Zweifel an dem hegte, was ich sagte - bat mich am Ende beim Verabschieden für mich überraschend darum, für ihn und seine jugendliche Tochter zu beten, deren gutes Heranwachsen ihm ganz offensichtlich sehr am Herzen lag. Das hat mir wieder einmal gezeigt, dass Gottes Liebe und die Sehnsucht nach Gott immer stärker ist als jeder Zweifel.

Zuvor fragte er mich noch: Wer ist das, Gott? Was ist das Geheimnis?

Genau um diese Frage geht es in der heutigen Nacht, in der Heiligen Nacht. Wer ist Gott? Wer ist das Kind in der Krippe?

Von Bernhard von Clairvaux ist eine Predigt zum Advent überliefert, in der er ein sehr schönes Bild zeichnet: Gott ist das unendliche Licht, mit Jesus ist dieses Licht für uns Menschen wie in eine Laterne gefasst. Gott umhüllt seine Herrlichkeit mit einem irdischen Leib, den er annimmt, um uns als Menschensohn geboren zu werden.

Gott ist in seiner unendlichen Liebe Mensch geworden in Jesus. Durch den Menschensohn Jesus führt er uns hin zu ihm, durch ihn wird Gott sichtbar. Gott will, dass wir teilhaben an seinem Dasein. Mit diesem Teilhaben beginnt unser Leben, und das ewige Teilhaben ist auch das letzte Ziel.

Das Besondere zu Weihnachten besteht darin, dass Gott uns als kleines Kind, als Baby begegnet. In dieser Einfachheit und in dieser Urfreude der Menschen über neues Leben gibt er uns die Möglichkeit, vertrauensvoll und friedlich auf ihn zuzugehen. Er macht keine Angst, er ist nicht stark. Er macht es uns einfach, ihn zu lieben.

Zu Weihnachten erfüllt uns Christen einmal mehr diese Hoffnung, die in der heutigen Welt immer kühner wird: Die Hoffnung, dass wir alle in der großen Liebe Gottes gehalten sind. Dass wir in Gott Frieden finden. Dass er für unser inneres wie auch für unser äußeres Leben der Weg und das Ziel ist. In der angesprochenen Adventpredigt des hl. Bernhard heißt es außerdem: „Wunderbar ist die Herablassung Gottes, der uns sucht, groß ist die Würde des Menschen, der so gesucht wird.“ Und wir müssen uns fragen: „Herr, was ist der Mensch, dass Du ihn so groß machst? Warum hängst du dein Herz an ihn?“. Seine Liebe zu uns macht uns einzigartig. „Gott hat gesehen, dass wir, wie Gelähmte, wie Blinde, nicht zu ihm kommen konnten. So kam er zu uns herab. Er milderte seinen Lichtglanz für unsere kranken Augen“, so schließt die Predigt des hl. Bernhard.

Wir können darauf vertrauen: An uns hängt Gottes Liebe. In ihm können wir Kraft sammeln, er trägt unsere Sorgen, er stiftet Frieden in unserem Leben und in unseren Herzen. Vergessen wir auf dieses Potenzial nicht, wenn es dunkel wird in und um uns. Vergessen wir nicht auf Gott, in dem alles Heil und alle Kraft liegt, um aufzustehen, und weiterzugehen.

Und das Zeichen, das die Engel den Hirten geben? Es ist nicht schwierig zu erkennen und doch braucht es einen Blick dafür. „Ihr werdet ein Kind finden, in Windeln gewickelt, das in einer Krippe liegt“.  Es ist ein kleines, liebes Kind wie viele andere. Das Besondere ist die Armut, die es umgibt, und wohl auch die Menschen, die an seiner Seite sind. Wichtig ist, dass wir uns diesem Kind zuwenden wie die Hirten, in aller Einfachheit, dass wir glauben und staunen, um den Glauben der Hirten bitten, danach Verlangen haben, dass der Hl. Geist uns beisteht und wir das Kind erkennen. Wir. sollten Zeugen sein, Zeugen werden für die Wirksamkeit seines Lichtes unter den Menschen. Es ist das Licht, das  seinen Ausgang nimmt mit einer Familie, der ein Kind geboren wurde, in einer Grotte in Bethlehem.

In unseren Erwägungen fehlt aber noch ein Schritt: Denn wir dürfen eines nicht vergessen:  Die Liebe, die in diesem Kind verborgen liegt, verwandelt. Wer zu begreifen, zu erahnen beginnt, wer dieses Kind ist und warum es zur Welt gekommen ist, empfindet den Wunsch, sich Gott und den anderen zuzuwenden, ihnen Liebe zu zeigen. Als aller erstes jenen, die man an der Seite hat, der Familie, den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, aber auch jenen, die weiter weg sind. Können wir ehrlich Weihnachten feiern, ohne an die vielen Menschen zu denken, die in großer Not, in ihrer Existenz bedroht, verfolgt sind, die sich auf der Flucht befinden oder im Krieg? Ist es nicht notwendig, unsere Häuser zu öffnen für jene, die kein Zuhause haben? Für ihn, für Jesus und seine Mutter, war in den Herbergen kein Platz. Muss das immer wieder von neuem geschehen?

Die Hirten sagten zueinander: „Kommt, wir gehen nach Bethlehem, um das Ereignis zu sehen, das uns der Herr verkünden ließ.“ Auch wir sind eingeladen hinzuschauen und unser Herz zu öffnen für die Botschaft, die uns verkündet wird. Maria, seine Mutter, und Josef werden uns mit ihrer Fürsprache beistehen, damit das Geheimnis der Geburt Jesu in unserem Leben Frucht bringt.