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Interview mit der CNA anlässlich Weltfamilientreffen und Bischofssynode

  1. Bischof Küng, als österreichischer Familienbischof sind Sie gerade auf dem Sprung zum Welttreffen der Familien in Philadelphia, zu dem auch Papst Franziskus kommt. Was erwarten Sie von diesem Treffen?

Ich erwarte mir eine große Versammlung christlicher Familien. Man rechnet mit ca. 1,5 Mio Teilnehmern. Ich habe das schon mehrmals erlebt. Solche Treffen sind sehr aufbauend. Sie machen bewusst: Obwohl uns die Medien Tag für Tag den Eindruck vermitteln, Ehe und Familie seien überall in der Krise – und die Probleme sind tatsächlich groß –, gibt es trotzdem in den letzten 3 Jahrzehnten so etwas wie eine Sammelbewegung christlicher Familien, die mit Hoffnung erfüllt. 

  1. Nun findet dieses Welttreffen heuer wenige Tage vor der mit Hochspannung erwarteten Synode in Rom statt. Ein schöner Zufall? Erwarten Sie noch Impulse für Rom?

Ich vermute, dass die Botschaft für die Synode in Rom lauten wird: Bitte, keine Engführung der Themen. Die christliche Familie erwartet sich von der Synode Bestärkung, Ermutigung, auch Klarheit. 

  1. Eigentlich soll ja die Synode über „Die Berufung und Sendung der Familie in Kirche und Welt von heute“ gehen. Wer die Diskussion im Vorfeld verfolgt, könnte allerdings meinen, es ging vor allem um den Umgang mit geschiedenen Wiederverheirateten und Menschen mit homosexuellen Neigungen. Stört Sie das?

Mich hat das von Anfang an gestört. Bei aller Bedeutung der angesprochenen Themen halte ich es für vorrangig, den Menschen bewusst zu machen, dass gelebter Glaube auch unter den heutigen Gegebenheiten zu einer dauerhaften, allmählich tiefer werdenden Liebe befähigt und dass konkret das Ehesakrament, wenn es entdeckt und entsprechend gelebt wird, für die Eheleute und deren Kinder, aber auch für Kirche und Gesellschaft eine große Chance darstellt. Ich bin davon überzeugt, dass die Wirksamkeit der Kirche – insbesondere in einer säkularisierten und meist zugleich multikulturellen Gesellschaft – weitgehend davon abhängt, ob ihre seelsorglichen Einrichtungen eine Heimat und Stütze für christliche Familien sind, und dass jene Nationen Bestand haben werden, die kinderbejahende Familien auf der Grundlage der Ehe zwischen Mann und Frau konsequent fördern. Daher ist sehr zu hoffen, dass die Synode im kommenden Herbst zwar die ganze Palette der Themen behandelt, aber auch klare Prioritäten setzt. 

  1. Wer die Diskussionen verfolgt, könnte positiv auch formulieren: Die Kirche in Europa ringt mit der Frage, wie damit umzugehen ist, dass offensichtlich die große Mehrheit der Katholiken nicht im Einklang mit der Lehre und den Sakramenten zu leben scheint. Sehen Sie das auch so?

Man bekommt schon ein wenig diesen Eindruck, obwohl inzwischen schon längst bekannt sein müsste: Eine Pastoral, die aufhört, das Evangelium in seiner Fülle zu verkünden, auch mit seinen Kanten und Forderungen, eine Pastoral, die meint, sich entchristlichten Verhältnissen anpassen zu müssen, verliert rasch an Wirksamkeit. Anfangs applaudieren vielleicht manche und jubeln über die neue Offenheit der Kirche, aber dann schwinden zunehmend die Ausstrahlung und die Fruchtbarkeit. Die Sehnsucht der Menschen nach einer wahren Liebe bewirkt aber, dass die authentische Verkündigung ohne Abstriche – trotz mancher Buhrufe und Proteste – anzieht, ganz besonders, wenn gleichzeitig bewusst gemacht wird, dass Gott ein Vater ist, der uns seinen Sohn gesandt und unsere Erlösung gewollt hat. Gottes Vergebung und Gottes Hilfe werden mit Freude entdeckt und damit verbunden ist die Erkenntnis, dass auch ich als schwacher Mensch den Weg finden kann, ja dass jeder Mensch eine Chance hat. 

  1. Kritiker wie George Weigel werfen den deutschen – und vielleicht auch den deutschsprachigen? – Bischöfen vor, in den vergangenen vier Jahrzehnten mehr oder weniger “versagt” zu haben, weil sie sie für die Krise des Glaubens verantwortlich machen, und für die große Unsicherheit, Unklarheit und das Unwissen der meisten Christen. Wie sehen Sie diesen Vorwurf?

George Weigel war in seiner Kritik vielleicht etwas sehr direkt, aber wir sollten uns im deutschen Sprachraum schon auch ehrlich die Frage stellen, ob die Königssteiner- und die Maria-Troster-Erklärung tatsächlich so gut waren wie manche meinen oder ob es nicht höchste Zeit wäre, sie von neuem zu überdenken und zu korrigieren. Diese Bischofserklärungen haben dazu geführt, dass viele die Enzyklika Humanae Vitae beiseitelegten und ihre Darlegungen von vorneherein nicht beachtet haben, noch dazu ohne schlechtes Gewissen. Es gibt aber auch noch andere Aspekte, die eine Rolle spielen: Die Lebensweise der Menschen und die gesellschaftliche Situation haben sich im letzten halben Jahrhundert massiv verändert; viele haben aufgehört, den Glauben zu praktizieren. Wir aber spenden weiterhin wie früher den Kindern jahrgangsweise die Sakramente. Sie bringen nichts mit, weil sie zuhause nie beten; es fehlt ihnen das Vorbild. So wird eine Einführung ins Glaubensleben sehr schwierig und so kommt es, dass inzwischen wahrscheinlich auch nicht wenige Erwachsene die Sakramente empfangen, ohne wirklich zu wissen, was sie empfangen. Es fehlt auch das Bewusstsein, dass für eine Fruchtbarkeit des Sakramentenempfanges das Bemühen um eine entsprechende Lebensweise Voraussetzung ist. All das betrifft ganz besonders das Ehesakrament, das für Personen, die mit dem Glauben nicht vertraut sind, besonders schwer zu verstehen ist. Es hängt mit Taufe, Firmung und Eucharistie eng zusammen. Zudem wäre der regelmäßige Empfang des Bußsakramentes eine große Hilfe. Ein Christentum ohne Bereitschaft zur Umkehr ist wie ein hohler Baum. 

  1. Warum kommt die Theologie des Leibes in der deutschsprachigen Debatte nicht vor, genauso wenig wie die sehr deutlichen Passagen aus Familiaris Consortio, wo ja schon über die Frage des Umgangs mit geschiedenen Wiederverheirateten sehr klar und deutlich Antworten gegeben sind?

Die Theologie des Leibes wurde vom heiligen Johannes Paul II. entwickelt und verkündet. Sie ist teilweise in das im deutschen Sprachraum auch nur von einem Teil der Gläubigen positiv aufgenommenen apostolischen Schreiben Familiaris Consortio eingeflossen, ist aber weiterhin für viele ein Neuland. Manche lassen sich nicht darauf ein, weil sie spüren, dass sie dann die Enzyklika Humanae Vitae ernstnehmen müssten, andere – das gilt mehr für die konservative Seite – meiden sie, weil manches in der Theologie des Leibes neu klingt und im Zusammenhang mit Sexualität vielleicht auch ein wenig zu euphorisch. In Wirklichkeit handelt es sich bei der Theologie des Leibes um eine hochinteressante Synthese zwischen Phänomenologie und Schöpfungslehre, zwischen Erkenntnissen der Mystik aus dem geistigen Schatz des hl. Johannes von Kreuz und der Lehre über das, was wahre Liebe ist, sowohl in der Ehe, als auch im Zölibat.

  1. Ist das nicht alles an der Lebenswirklichkeit unserer Zeit vorbei-argumentiert? Das sagen zumindest die Kritiker.

Die Erfahrung zeigt, dass diese Art der Darlegung nicht nur die Lehre der Kirche mit all ihren Merkmalen treffend zum Ausdruck bringt, sondern zugleich insbesondere für junge Menschen, auch für junge Paare sehr ansprechend und attraktiv ist. Freilich muss man sich darauf einlassen. Im deutschen Sprachraum gibt es einige hoffnungsvolle, wachstumsfähige „Keime“. Die Initiative Christliche Familien – eine Initiative der Österreichischen Bischofskonferenz – hat in Zusammenarbeit mit der Theologischen Fakultät Benedikt XVI. am Stift Heiligenkreuz bereits zwei Lehrkurse über dieses Thema mit Erfolg abgehalten. Im Herbst beginnt der dritte und in Deutschland haben in Eichstätt und Köln einige hervorragende Symposien über dieses Thema mit viel Zuspruch eines jungen Publikums stattgefunden. Da wächst etwas.

  1. Sie nehmen nicht an der Synode persönlich teil. Daher können Sie uns vielleicht umso unbefangener verraten, was Sie sich von ihr wünschen?

Ich wünsche mir allem anderen voran eine Bestärkung und Ermutigung jener christlichen Familien, die sich bemühen, das vom hl. Papst Johannes Paul II. verkündete „Evangelium der Familie“ umzusetzen. Sehr wichtig wäre die Forderung der Synode, eine gediegene Ehevorbereitung durchzuführen, die gründlicher und länger sein muss, wenn die Glaubenskenntnisse mangelhaft sind und die Glaubenserfahrung fehlt. Weiters sollte die Begleitung der jungen Familien intensiv empfohlen werden. Es muss neuerlich bewusst gemacht werden, dass das Ehesakrament eine sichere Grundlage ist, um gemeinsam mit den Kindern den Weg zu wahrer ehelicher Liebe in Treue und Großzügigkeit zu finden, was aber das persönlich und gemeinsame Bemühen um ein echtes Christentum voraussetzt. Die Synode sollte mit großer Klarheit darlegen, welch große Aufgabe der christlichen Familie als wichtigste „Schule“ des Lebens, der Liebe und des Glaubens zukommt, grundlegend für die Kirche heute und morgen. Der Zusammenhang mit Taufe, Firmung und Eucharistie und die Bedeutung des Bußsakramentes müsste aufgezeigt werden. Die christliche Familie muss – wie schon Papst Johannes Paul II. gelehrt hat – zum Herzen jeder modernen Pastoral werden. Wichtig ist auch die Ermutigung, Kinder zu bejahen, großzügig zu sein, auch bezüglich Kinderzahl die Hingabe zu leben. Damit verknüpft könnte der Auftrag sein, die Theologie des Leibes zur Grundlage der Verkündigung zu machen. Deshalb sollten alle, die Theologie studieren, „die Theologie des Leibes“ kennenlernen. Es ist aber auch notwendig, dass auch Ehepaare an der Verkündigung beteiligt sind, das heißt dass auch die Aus- und Weiterbildung von Ehepaaren eine der ganz dringenden Aufgaben ist.

  1. Großzügigkeit auch mit Blick geschiedene und wiederverheiratete Geschiedene katholische Christen? Auch beim Thema Homosexualität?

Die Problematik der geschiedenen und wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen gehört selbstverständlich auch zu den wichtigen Themen der Synode. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es da prinzipielle Änderungen geben kann. Es sollten vor allem die wertvollen Initiativen, die auf der Grundlage der im päpstlichen Rundschreiben Familiaris Consortio enthaltenen Prinzipien gewachsen sind und sich bewährt haben, empfohlen und überall verbreitet werden. Auch das gibt es, gute Ansatzpunkte und bereits vorhandene Keime. Das Thema Homosexualität sollte nicht ausgeklammert werden. Es ist wichtig zu vermitteln, dass die Kirche für alle da ist, dass die sexuelle Identität eine wichtige Frage der Persönlichkeit ist und in der Kirche alle Hilfe finden sollen. Es gibt in der Tat auch Möglichkeiten zu helfen. Manch Positives ist – ganz in Übereinstimmung mit der Lehre der Kirche – zum Teil in aller Stille, ohne viel Aufsehen bereits entstanden und weiterentwickelt, immer mit großer Achtung vor der Würde der Person und der Freiheit jedes Einzelnen.

  1. Gibt es noch weitere Themen, die im Rahmen der Synode angesprochen werden sollten?

Wichtig wäre auch ein klares Wort zur Genderideologie. Außerdem wäre es notwendig, auf die Bedeutung der altersgerechten Sexualerziehung, die vorrangig in die Familie gehört, hinzuweisen. Dazu sind freilich auch Hilfestellungen für die Familien notwendig.