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Pilgergruppe im Herbst
Herbstlandschaft Mostviertel
 
 

Jahresschlussandacht 2014

Liebe Brüder und Schwestern!

Das Jahr 2014 war in mancher Hinsicht ein besonderes Jahr. Im Jänner starb Bischof Kurt Krenn, der nach einem langen und beschwerlichen Leiden wohlbegleitet von den Schwestern, von Priestern und Angehörigen am 25.  Jänner zu Gott heimgegangen ist. Sein Begräbnis fand eine Woche nach dem Ad-limina-Besuch der Bischöfe in Rom mit großer Beteiligung des Klerus und der Bevölkerung im Dom statt. Der Ad-limina-Besuch war für die Bischöfe ein Erlebnis. Es war die erste intensive Begegnung mit Papst Franziskus. Alle kamen ermutigt von Rom zurück. Am 2. März fand mein silbernes Bischofsjubiläum statt und am 1. Juni starb Weihbischof Heinrich Fasching. Am 29. Juni hatten wir die Freude dreier Priesterweihen. Das besondere weltkirchliche Ereignis war die außerordentliche Bischofssynode in Rom, die viele Erwartungen ausgelöst hat. Ihr Thema wird uns auch in den kommenden Jahren begleiten. Zu erwähnen ist sicherlich außerdem, dass am 1. Adventsonntag das für zwei Jahre anberaumte Projekt „bibel.bewegt“ eingeleitet wurde. Die Begegnung mit der Bibel als Hl. Schrift zeigt immer wieder Verbindungen zum eigenen Leben auf. Die Bibel will die Christinnen und Christen als Kraftquelle, Weggefährtin und Ratgeberin im Alltag begleiten. Mit dem Projekt verbinden sich große Hoffnungen: Es kann eine gute Vorbereitung sein für die dringend notwendige Reform der Seelsorge und für die Einleitung einer neuen missionarischen Phase der Diözese.

Der Jahreswechsel ist für uns auch Anlass, für Gesellschaft und Kirche zu beten, und uns unserer Verantwortung bewusst zu werden. Wenn ein Jahr zu Ende geht, ist es auch angebracht, über Entwicklungen der Gesellschaft zu reflektieren. Wir müssen und dürfen froh sein, angesichts der dunklen Wolken über großen Teilen der Welt, wo Krieg, Flucht, Hunger und Not herrschen, hier in wirtschaftlich und demokratisch stabilen Verhältnissen zu leben. Wir müssen Gott dankbar sein für den Frieden, in dem wir leben.

Besonders eingehen möchte ich dieses Jahr aber auch auf die gesellschaftlichen Entwicklungen in unserem Land, denn ich denke, dass es Handlungs- und Diskussionsbedarf gibt, und bitte um Verständnis, wenn ich diesbezüglich etwas weiter aushole und manche Zusammenhänge genauer darlege.

Morgen, am 1. Jänner 2015, sind es genau 40 Jahre seit In-Kraft-Treten der sogenannten Fristenregelung. Gerade die derzeit im Gang befindliche Novellierung des Fortpflanzungsmedizingesetzes macht bewusst, wie sehr die Fristenregelung die Denkweise der Menschen beeinflusst hat. Sie war gedacht für Notsituationen und legt generelle Straffreiheit für Abtreibungen bis zum 4. Monat (12 Wochen nach erfolgreicher Einnistung > 16. Woche!) fest und im Falle von Verdacht auf Vorliegen einer Behinderung bis unmittelbar vor der Geburt. Die Abtreibung blieb an sich ein Delikt, das unter den genannten Bedingungen für straffrei erklärt wurde.

Vor 20 Jahren wurde die künstliche Befruchtung gesetzlich geregelt. Einwände, dass bei künstlichen Befruchtungen überzählige Embryonen entstehen, dass bei Implantierung Fetozide durchgeführt werden, wenn mehrere Embryonen in der Gebärmutter einnisten, dass zudem die Erfolgsquote bei der künstlichen Befruchtung gering ist und Fehlversuche häufig sind, also zahlreiche Embryonen „verbraucht“ werden, wurden jeweils mit dem Hinweis auf die vom Gesetz approbierte Fristenregelung beiseitegeschoben. Ursprünglich war künstliche Befruchtung Ehepaaren vorbehalten unter der Voraussetzung, dass auf natürlichem Weg keine Schwangerschaft zustande gekommen war. Fast gleichzeitig bürgerte sich immer mehr die pränatale Diagnostik ein. Sie war gedacht für Risikoschwangerschaften; und wurde auch im Gedanken an die Möglichkeit von therapeutischen Maßnahmen an kranken Föten bzw. Neugeborenen eingeführt. Letzteres kommt bis auf den heutigen Tag praktisch nicht vor. Wahr ist, dass Nackenfaltentest, Organscreening, Combined Test und Amniozentese heutzutage fast routinemäßig Schwangeren angeboten und bei geringstem Verdacht auf Vorliegen einer Anomalie ein „Schwangerschaftsabbruch“, das heißt eine Abtreibung, empfohlen wird. Inzwischen ist es auch für die Ärzte gefährlich geworden, pränatale Diagnostik nicht zu empfehlen und/oder vor einer möglichen Behinderung des Kindes nicht zu warnen, weil sie im Falle der Unterlassung und Lebendgeburt eines behinderten Kindes belangt und zu Schadenersatz verpflichtet werden können.

Ein Dammbruch ergibt den nächsten.

In weiterer Folge wurde außerdem das Partnerschaftsgesetz sowohl für hetero- als auch für homosexuelle Menschen beschlossen, künstliche Befruchtung aber nur heterosexuellen Paaren in anerkannter Partnerschaft bewilligt. Das wiederum war Auslöser für das Urteil des Obersten Gerichtshofes, auch lesbischen Paaren dieses Recht zu geben wegen des Vorliegens einer Diskriminierung auf Grund der sexuellen Orientierung.

Der aktuellste Schritt ist das nur noch vom Parlament zu beschließende Fortpflanzungsmedizingesetz, das die Gesellschaft weiter in Richtung einer vermeintlich liberalen, und immer freizügigeren Gesetzgebung ohne Blick auf das Kindeswohl treibt. Die bisher streng verbotene, eigentlich verpönte Präimplantationsdiagnostik erlaubt den umfangreichen Gencheck von künstlich befruchteten Eizellen im Labor. Beim geringsten Verdacht werden Embryonen im ersten Stadium ihres Lebens in großer Zahl „verworfen“ und entsorgt. Lesbischen Paaren wird nun künstliche Befruchtung erlaubt, sowie für alle Ehepaare und Partnerschaften Eizellspenden und Samenspenden von Dritten. Die Kinderwunschmedizin wird immer mehr zur „Kinderwunschindustrie“, wo nach Marktinteressen mit menschlichen Ressourcen gehandelt wird. All das ist auch ein lukratives Geschäft.

Es ist nicht schwer zu prophezeien, welches die nächsten Liberalisierungsschritte sein werden. Österreich wird von den Verfechtern dieser Politik als europäisches Schlusslicht in der diesbezüglichen Entwicklung apostrophiert. Wie schön wäre es, wenn Österreich im Gegensatz dazu führend würde, indem wir sagen: Wir wollen einen konsequenten Lebensschutz, der auch den Anfang und das Ende des natürlichen Lebens einschließt. Wir wollen keine „Designerbabys“, wir wollen keinen assistierten Suizid, sondern achtsamen Lebensschutz am Beginn des Lebens und eine menschenwürdige Betreuung der Kranken und Sterbenden. Das ist ein Fortschritt, das ist ein Land mit Zukunft. Wir achten jeden Menschen, auch bezüglich seiner sexuellen Orientierung, aber wir wollen und fördern die Familie, die auf der Ehe zwischen Mann und Frau begründet ist. Damit wollen wir niemanden diskriminieren und tun es auch nicht.

Im alten Gotteslob gab es ein Lied mit dem Titel „Wacht auf ihr Christen“, vielleicht sollten wir es von neuem singen. Es gibt aber auch im neuen Gotteslob ein ähnliches Lied. Es heißt: „Wacht auf, ruft uns die Stimme“.

Wahr ist auch, dass zum Wohle der Menschen und zum Wohle der Gesellschaft eine mutige, neue Verkündigung des christlichen Glaubens in unserem Land dringend erforderlich ist. Vielen Menschen fehlt der tiefere Einblick und die Kenntnis der Zusammenhänge. Wer leidet, das sind vor allem die Kinder und die Frauen. Mit dem Fortschreiten der Entwicklung betrifft es aber immer größer werdende Teile der Gesellschaft.

Es ist eine große Bitte an Gott notwendig für Papst Franziskus, damit er uns bestärkt, für die Kirche in der ganzen Welt und insbesondere für die Kirche bei uns, damit wir aufstehen und weitergehen voll Zuversicht und im Vertrauen auf die Hilfe des Herrn. Seien wir dankbar für all das Gute, das wir empfangen haben, und bitten wir für all die erwähnten Anliegen. Wir beginnen das Neue Jahr mit dem Hochfest der Gottesmutter Maria. Bitten wir sie um ihre Fürsprache. Sie wird uns beistehen.