Nacht der 1000 Lichter
Pilgergruppe im Herbst
Herbstlandschaft Mostviertel
 
 

Kurzreferat „Schritte in Richtung friedensfähige Geldordnung“

 „Christliche Verantwortung des Einzelnen und der Gemeinschaft“

Sehr geehrte Damen und Herren!

Zunächst möchte ich meine Bewunderung für Ihren Mut ausdrücken: Das Thema, das Sie sich vorgenommen haben, ist kein einfaches. Anstoß dazu gegeben hat unter anderem die Enzyklika „Evangelii gaudium“ von Papst Franziskus.

Papst Franziskus versteht es, wachzurütteln und den Finger auf die Wunde zu legen. Das hat er gerade auch im Zusammenhang mit den wirtschaftlichen Fragen getan, die er in der Enzyklika „Evangelii gaudium“ anschneidet. Seine Ausführungen haben zu Diskussionen geführt, weil manche meinten, in ihnen Züge einer Befreiungstheologie erkennen zu können, die zur katholischen Soziallehre im Widerspruch stehen. Es wurde aber von mehreren, mit dem Papst eng verbundenen Autoritäten betont, dass dies in keiner Weise seiner Intention entspreche.

Mir scheint es richtig, gut hinzuhören, was uns Papst Franziskus sagen will, welches wohl seine Botschaft für uns ist. Es ist ja zu bedenken, dass sein unmittelbarer Erfahrungsbereich und daher der Blickwinkel, von dem aus er schreibt, vermutlich von seinem Ursprungsland und von den Verhältnissen in Lateinamerika geprägt ist.

Er spricht von der Vergötterung des Geldes und vom Vorrang des Menschen. Er formuliert ein unmissverständliches Nein zu einem Geld, das regiert, statt zu dienen. Er geißelt das Unrecht der Ausgrenzung und der sozialen Ungerechtigkeit. Er findet beeindruckende Worte zum Thema Konsumismus und erläutert von seiner Sicht die Wirtschafts- und Finanzkrisen unserer Zeit.

Was bedeutet diese Botschaft für uns?

Es besteht kein Zweifel, dass gerade auch bei uns für viele Menschen das Materielle das Zentrum ihres Lebens ausmacht. Oft entschwindet aus diesem Grund Gott aus ihrem Denken und entsteht die für unsere Zeit geradezu charakteristische Sinnleere in den Herzen.

Der Konsumismus führt in einen Teufelskreis. Man erstrebt die Belebung der Wirtschaft, aber der Mensch verhungert geistig und dem auf diese Weise erreichten Aufschwung für die Wirtschaft fehlt die Nachhaltigkeit, weil die Reformen nicht geschehen, die für eine wirkliche Gesundung der Wirtschaft unerlässlich sind. Bei den dahinter stehenden Denkmustern und wirtschaftlichen Strategien bleibt die Familie auf der Strecke: Die Zahl der Kinder ist zu gering, um die Solidarität zwischen Generationen wirksam zu leben, und ob Migration dauerhaft das Problem der Alterspyramide lösen wird bzw. welch andere Probleme sich daraus ergeben, kann man jetzt schwer sagen.

Und Ausgrenzung? Kommt sie bei uns vor?

Mir kommen bei diesem Thema zunächst Assoziationen unterschiedlicher Art: Vor einigen Monaten – damals hatte gerade die Not der Unterbringung von Asylsuchenden unser Land erreicht – erzählte mir ein Ehepaar von einem Erlebnis in ihrem Dorf. Es waren durch eine Privatinitiative in einem außer Betrieb befindlichen Gasthaus 15  Flüchtlinge aufgenommen worden, was dazu führte, dass es in der Bevölkerung kräftig rumorte. Der Bürgermeister lud die Bevölkerung zu einem Abend mit Anwesenheit dieser Flüchtlinge ein. Viele kamen. Es gab kritische, ja aggressive Anfragen. Die Stimmung war derart lieblos, dass dem Ehepaar eine Wortmeldung nicht sinnvoll schien. Unter ihnen war eine Frau mit einem Baby, das während der Flucht zur Welt gekommen war. Da kam der Frau des Ehepaares, das mir über diesen Abend berichtet hat, ein Gedanke: Sie nahm das Kind in die Arme und begann es zu wiegen, so dass die Leute darauf aufmerksam wurden. Es wurde dann allmählich etwas stiller… Gott sei Dank hat sich seit damals die Stimmung bezüglich Menschen im Asylverfahren in vielen Orten positiv verändert…

Ich denke auch an den Menschenhandel, der sich vor unser aller Augen in den letzten Jahren abspielt. Fast niemand redet darüber. Ich beziehe mich auf die vielen Prostituierten vor allem aus östlichen Ländern, die Jahr für Jahr eingeschmuggelt werden…

In „Evangelii gaudium“ meint aber Papst Franziskus eine andere Art von Ausgrenzung, die in vielen Ländern vorkommt: Dass Millionen von Menschen am Fortschritt, am Wohlstand, am Reichtum der Welt keinerlei Anteil erhalten. Auch schon frühere Päpste, vor allem Johannes Paul II., haben häufig beklagt, dass sich in vielen Ländern die Schere zwischen Arm und Reich noch weiter auftut: Die einen werden noch reicher, die anderen womöglich noch ärmer als sie es schon zuvor waren, weil man sie ausnützt.

Es ist schon auch wahr, dass in unserem Land viele für die Nöte anderer offen und großzügig sind. Eine andere Frage ist, ob das genug ist.

Im Zusammenhang mit Entwicklungshilfe rangiert der österreichische Staat nicht unter den ersten Plätzen, obwohl wir – trotz des derzeit leichten Rückfalles - zu den reichen Ländern zählen. Die Entwicklungshilfe musste sogar reduziert werden, weil unsere Verschuldung groß ist. Derzeit wird, angesichts der jüngsten Katastrophenfälle über eine Anhebung diskutiert. Der Finanzminister leistet Widerstand und ich kann ihn verstehen, weil das Budget knapp kalkuliert ist und der Schuldenberg ja eigentlich abgebaut werden müsste.

Zudem erlaube ich mir zu sagen: Wenn wir die Millionen, die manche politische Gemeinden und manche Länder durch Spekulationen verloren haben, der Entwicklungshilfe geben hätten können, stünde es mit unserem Ranking besser.

Wir leben über unsere Verhältnisse, verschieben die Reformen und leisten für die Entwicklungshilfe nicht in der nötigen Höhe (0,7 % EU-Richtlinie) unseren Beitrag bzw. fragen uns zu wenig, was wir tun könnten, um zur Entwicklung unterentwickelter Länder beizutragen. Es geht ja oft nicht so sehr darum, einfach Geld zu geben. Benedikt XVI. hat in Bezug auf die Caritas festgehalten, dass ihre Aufgabe vor allem darin bestehe, in akuter Not zu helfen. Armen einfach Geld zu geben, ohne Anreiz zur Entwicklung, kann eine Perpetuierung der Not sein, genauso wie der Wohlfahrtsstaat, der die verschiedenen sozialen Absicherungen nicht mit der nötigen Ausgewogenheit festlegt, Fehlentwicklungen auslöst.

Noch zwei, drei andere Themen möchte ich kurz ansprechen: Derzeit verwendet im Gesundheitswesen ein Drittel der Länder – gemeint sind die hochentwickelten Industrienationen, dazu gehören auch wir - ca. 95 % der Gesamtaufwendungen, die in der ganzen Welt für diesen Bereich ausgegeben werden. Wir haben – gerade auch bei uns - großartige Einrichtungen mit einer derartigen Fülle an Personal, an Apparaten, an Medikamenten mit einer ständigen Steigerung, sodass man sich fragt, wer kann das alles Jahr für Jahr bezahlen? Und wenn man dann andere Länder besucht, in denen es gar nichts gibt, fragt man sich unwillkürlich: Müssten wir nicht etwas leiser treten und den anderen in größerem Maße beistehen? Ihnen wenigstens die Apparate, die wir nicht mehr verwenden, zur Verfügung stellen? Das geschieht ja zum Teil bereits. Wahrscheinlich wäre mehr möglich. Ähnliches gilt für viele soziale Einrichtungen, die alle wichtig sind. Es ist fantastisch, was wir haben. Müssten wir nicht über einen gewissen Ausgleich nachdenken?

Und noch ein Thema: Mein Bischofskollege Erwin Kräutler hat es gewagt, in Brasilien, der großen Fußballnation, vor der Fußballweltmeisterschaft die Frage zu stellen, in wie weit diese riesigen Investitionen in den Fußball angesichts der großen Armut vieler zu verantworten sei. Es war eine delikate, aber gute Frage. Sie ließe sich auch in Bezug auf andere Belange stellen, nicht nur in Brasilien und nicht nur in Bezug auf Fußball.

Was können wir tun?

Gefragt ist sicherlich eine bewusste Selbstbeschränkung des Einzelnen und der Staaten im Wissen um unsere persönliche und gemeinsame Verantwortung, sodass wir nicht nur nicht über unsere Verhältnisse leben, sondern auch unseren Beitrag zur Hilfe in Not und zur Entwicklungshilfe erhöhen können; damit wir nicht egoistisch nur um uns selbst kreisen und jene Entwicklungen eingeleitet werden, die zur friedlichen Entwicklung auch in anderen Ländern und in der ganzen Welt beitragen.

Diese Fragen sind freilich ohne Zweifel schwierig.

Papst Franziskus sagte in „Evangelii gaudium“ (184), dass „weder der Papst noch die Kirche das Monopol für die Interpretation der sozialen Wirklichkeit oder für einen Vorschlag zur Lösung der gegenwärtigen Probleme“ besitze. Er zitiert Paul VI., der in aller Klarheit betonte: „Angesichts so verschiedener Situationen ist es für uns schwierig, uns mit einem einzigen Wort zu äußern bzw. eine Lösung von universaler Geltung vorzuschlagen. Das ist nicht unsere Absicht und auch nicht unsere Aufgabe …“ (Octogesima adveniens zum 80. Jahrestages der Enzyklika „Rerum novarum“ 4).

Es gelten weiterhin die Prinzipien der katholischen Soziallehre, die nicht eine Lösung für alle Probleme aufzeigen, wohl aber Schritte in die richtige Richtung sind.

Im Vordergrund stehen muss das Gemeinwohl, das sich von der Würde, der Einheit und Gleichheit aller Personen ableitet und das Wohl aller Menschen und des ganzen Menschen zum Ziel hat.

Abzulehnen ist ohne Zweifel jene radikale Form des Kapitalismus, die nur den eigenen Vorteil zum Ziel hat und die Grundwerte des gesellschaftlichen Lebens – die Wahrheit, die Freiheit, die Gerechtigkeit – nicht achtet. Ein wichtiges Indiz für die Qualität einer Entwicklungshilfe und im allgemeinen der sozialen Einstellung ist dabei insbesondere die Wertschätzung der Familie als Grundzelle der Gesellschaft und die Achtung vor dem Schutz des Lebens.

Die Kirche hat in den verschiedenen Auseinandersetzungen unter Berücksichtigung der sozialen Verantwortung die freie Marktwirtschaft als Weg angesehen, der eine positive Entwicklung ermöglicht, wenn von den Staaten die Prinzipien der Subsidiarität und der Solidarität gepflegt und gefördert werden.

Gefragt ist das persönliche und gemeinsame Engagement von Christen und Menschen mit lauterer Gesinnung, die nicht nur persönlich helfen und Gutes tun, sondern sich auch auf nationaler und internationaler Ebene in den verschiedenen Bereichen der Politik und der Wirtschaft für eine gerechte soziale Ordnung einsetzen, mithelfen, um Handelsbeziehungen zu etablieren, die nicht nur den Profit im Auge haben, sondern bei allem legitimen Wettbewerb auch fair sind, das heißt, darauf achten, dass jene, die der Hilfe bedürfen, zum Zug kommen und eine Chance haben, ihre Produkte und ihre Arbeit unter gerechten Bedingungen einzubringen.

Damit möchte ich schließen im Bewusstsein, dass dies alles nur Denkanstöße sind, dass die Thematik sehr komplex ist und es viel zu sagen gäbe. Ich halte es aber für wichtig und sehr dringend, dass ein Nachdenkvorgang einsetzt, der dazu führt, im eigenen Leben, aber auch in den gesellschaftspolitischen Fragen neue Akzente zu setzen.