Entzündung der 2. Kerze am Adventkranz
Krippenschau im Diözesanmuseum
Winterwald
 
 

Predigt Vollversammlung Bischofskonferenz

Liebe Brüder und Schwerstern!

Die Schriftstellen des heutigen Tages enthalten eine Botschaft mit gemischten Untertönen. Der Grundtenor ist ernst –jedenfalls beim ersten Hinhören- sowohl in der Lesung als auch im Evangelium. Das Wort des Propheten ist eine eindeutige Ermahnung zu Umkehr. Es ist eine fordernde Botschaft. Diese Botschaft ist aber zugleich ermutigend, denn es geht um Vergebung und am Ende der Lesung steht die Verheißung: „Wenn ihr bereit seid zu hören, sollt ihr den Ertrag des Landes genießen.“

Dieses prophetische Wort scheint mir durchaus passend für unsere Situation und auch in Hinblick auf die Familien-Synode im kommenden Herbst.

Es braucht Umkehr bei vielen Menschen, wahrscheinlich bei jedem und bei uns allen. Es gibt Entwicklungen in unserer Gesellschaft, die eindeutig dekadent sind. Z.B. war wohl noch nie in der Geschichte der Menschheit so viel Pornographie im Umlauf wie jetzt. Bedrängend ist die Orientierungslosigkeit, insbesondere vieler junger Menschen, denen anscheinend oft niemand beisteht. Vor einiger Zeit war ich in einer großen Berufsschule Niederösterreichs. Beim Mittagstisch sagte mir der Schulpsychologe: „Sie können sich nicht vorstellen, wie viele dieser jungen Leute Probleme haben. Sie haben kein Zuhause“. Es ist schon beeindruckend, wie stark in den letzten Jahrzehnten die Eheschließungen zurückgegangen sind, wie die Erosion und die Atomisierung der Gesellschaft fortschreitet und wie das auch der Kirche zusetzt.

Und dennoch: Es gibt nicht nur Probleme: Es gibt auch hoffnungsvolle Keime, junge Familien, die sich echt Gedanken machen, wie sie in dieser unserer Gesellschaft christlich leben können. Sie beginnen sich zu sammeln, hier und dort, und sie haben Strahlkraft. Wie Leuchttürme bieten sie die Möglichkeit zu Orientierung. Ich hoffe sehr, dass die Synode im kommenden Herbst diese jungen Familien, und viele andere mit ihnen, ermutigen wird und einen neuen Aufbruch einleitet, der bewusst macht, dass es mit der Hilfe Gottes möglich ist, den Weg zu einer wahren, dauerhaften Liebe zu finden trotz aller Schwachheit und trotz allem Gegenwind, inmitten einer säkularisierten und individualistischen Gesellschaft.

Gerade in diesem Zusammenhang sollten wir auch das heutige Evangelium betrachten. Jesus legt den Finger auf die Wunde. Er warnt vor der größten Krankheit eines religiösen Lebens; es ist auch eine Gefahr für jeden Apostel, eine Gefahr für den, der die Aufgabe der Verkündigung hat. Es ist die Gefahr, pharisäisch zu sein oder zu werden.

Was will uns Jesus sagen? Heißt das im Zusammenhang mit Ehe und Familie, dass das Problem, auf die Kirche bezogen, darin besteht, dass sie Gebote verkündet, die niemand einhält, den Menschen Lasten auferlegt, die niemand tragen kann? Bedeutet es, dass es höchste Zeit sei, die Kluft abzubauen, die in den letzten Jahrzehnten zwischen kirchlichem Lehramt und der Realität entstanden ist?

Wenn wir genauer hinhören, bemerken wir: Jesus hat das nicht gesagt. Er sagt vielmehr: „Der Größte von euch soll euer Diener sein. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhört.“ Was heißt das? Das heißt, dass keiner einen Grund hat, sich als höher anzusehen. Das bedeutet sicher auch nicht, sich ständig, im Sinne einer Pseudodemut, auf die Brust zu klopfen. Theresia von Avila lehrt, dass Demut nichts anderes ist als „Wandel in der Wahrheit“. Und wer die Wahrheit achtet, wer ehrlich ist, Gott und sich selbst gegenüber, kommt zum Schluss, ich bin auch nicht besser.

Ich hoffe, dass die Synode im kommenden Herbst keine einzige Wahrheit zurücknimmt. Das kann sie gar nicht. Und dass sie uns zugleich bewusst macht: für jeden Menschen gibt es Hoffnung. Zugleich müssen wir lernen, uns gegenseitig zu sagen: Du, auch ich bin schwach, hab Mut. Gott vergibt. Vielleicht sollen wir uns gegenseitig daran erinnern, dass der Herr feierlich seinem Volk und uns allen verspricht: „Wären eure Sünden auch rot wie Scharlach, sie sollen weiß werden wie Schnee.“ Vergessen wir es nicht und sagen wir es den anderen: Gott ruft uns zu hohen Idealen, und zwar ruft er uns so wie wir sind, mit unseren Fehlern und Schwächen. Er hilft uns auch durch seinen Mensch gewordenen Sohn und durch den Beistand des Heiligen Geistes.

Im Tagesgebet der heutigen Messe hieß es: „Herr unser Gott, behüte deine Kirche und verlasse sie nicht.“ Bitten wir die Muttergottes Maria, sie möge diese unsere Bitte unterstützen, Papst Franziskus, seinen Mitarbeitern und uns allen beistehen, damit die Kirche in aller Treue ihrem Sendungsauftrag in der heutigen Zeit entspricht und wir zusammen mit Papst Franziskus und der ganzen Kirche einen beherzten Neuaufbruch wagen.