P. Clemens Hainzl OSB und Ministranten mit Adventkranz
Krippenausstellung im Diözesanmuseum
Adventmarkt
 
 

Predigt Jubiläum 225 Jahre Phil.-Theol. Hochschule

Liebe Mitbrüder im bischöflichen, priesterlichen und diakonalen Dienst,
liebe Ehrengäste, liebe Professoren und Studenten! Liebe Brüder und Schwestern!

Als Kaiser Josef II. alle Seminare und alle theologischen Hauslehranstalten sowohl der Klöster als auch der Diözesen in der ganzen Monarchie zusperren ließ und verlangte, dass alle Seminaristen und alle Ordensleute, die Priester werden wollten, in den Zentralseminaren studieren sollten, waren es von der Diözese St. Pölten -einschließlich Ordensleute- nur 6, die in Wien eintraten, obwohl eigentlich 19 Plätze reserviert waren, was an sich beim bestehenden Bedarf sehr wenig war. (etwa 70  % der Pfarren waren unbesetzt). Das Problem war nicht bloß die zu geringe Anzahl an Berufungen. Es lag auch daran, dass sich die christlichen Familien sträubten, ihre Söhne dem als aufklärerisch verschrieenen Seminar anzuvertrauen.

Es waren für die Kirche schwierige Zeiten. Als 1791, drei Monate nach dem Tod Kaiser Josefs II., Leopold II. die Errichtung eines Priesterseminares in St. Pölten doch wieder erlaubte, wurde die Situation nicht viel besser. Der Kaiser ernannte die Professoren und Regenten, bestimmte den Lehrplan. Die Alumnen mussten jeweils am Ende des Kurses die Prüfungen in Wien ablegen. Zunächst war ein 5-jähriger Studiengang vorgesehen, der aber bald auf vier und schließlich auf zwei Jahre reduziert wurde, da der Priesterbedarf zu groß war. Bischof Kerens, der 1. Bischof von St. Pölten, war an sich prinzipiell bemüht, den Weisungen des Kaisers Folge zu leisten, versuchte aber die Anliegen der Kirche einzubringen. Das zeigt sich schon darin, dass er, da große Finanzierungsprobleme für das Seminar bestanden, aus seinem Privatvermögen 40.000 Gulden für den Alumnatsfonds stiftete. Außerdem richtete er einen Fonds ein, der vom Klerus bzw. Spenden der Gläubigen getragen wurde. Das war die Grundlage für eine allmählich größer werdende Unabhängigkeit, ja später weitgehende Befreiung aus der kaiserlichen Umarmung. Das hat auch heute noch seine Bedeutung. Die Hochschule empfängt keine staatlichen Gelder, das ist schade, hat aber seine Vorteile.

Der Beginn war zögerlich, es waren nur wenige Eintritte, zunächst die 6 aus Wien, man erreichte 1791 24 mit einem allmählichen Anstieg in den Folgejahren auf 50, später waren es 70. Es ist aber interessant festzuhalten, dass damals – ähnlich wie heute – nur mit Hilfe anderer Diözesen der Monarchie und aus einer Diözese Deutschlands (Fulda) Priesteramtskandidaten und Priester gefunden werden konnten, um die Seelsorge aufrecht zu erhalten bzw. neu aufzubauen. Nach dem Revolutionsjahr 1848 sank die Zahl der Hörer in der Lehranstalt wieder auf 20. Später kam mit Bischof Feigerle eine neue Blüte, was in der Folge zu einem neuerlichen Ansteigen der Seminaristen- und der Hörerzahl führte, und zwar mit Seminaristen aus der Diözese. Es war eine echte Stabilisierung der religiösen Verhältnisse. Danach waren abgesehen von den Beeinträchtigungen während der beiden Weltkriege die Entwicklungen mehr oder weniger konstant. Der große Einbruch erfolgte in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

1971 wurde die Hauslehranstalt auf Grund eines neuen Studiengesetzes in eine Philosophisch-Theologische Hochschule umgewandelt, was nach und nach zu einer gewissen Neuorientierung geführt hat, unter anderem zum Einzug der Religionspädagogik.

Braucht es überhaupt eine Philosophisch-Theologische Hochschule in St. Pölten? Diese Frage ist in den vergangenen Jahren manchmal leise, andere Male etwas deutlicher ausgesprochen worden.

Persönlich bin ich davon überzeugt, dass die Philosophisch-Theologische Hochschule für die Diözese wichtig ist, so wichtig wie damals, und dass sie in der Bildungslandschaft von Niederösterreich nicht fehlen darf. Es braucht m.E. eine solche Hochschule und es bestehen auch gute Chancen, sie den heutigen Bedürfnissen entsprechend zu entwickeln. Die Frage ist, ob wir die Chance erkennen und nützen.

Papst Franziskus sagt im Zusammenhang mit der Notwendigkeit eines neuen missionarischen Aufbruchs, dass sich die Verkündigung einer Seelsorge in missionarischen Gegebenheiten auf das Wesentliche konzentrieren muss, „auf das, was schöner, größer, anziehender und zugleich notwendiger ist“ (EG 35), und er fügt hinzu, dass die Aussagen einfach und verständlich sein müssen, ohne dadurch an Tiefe und Wahrheit einzubüßen. So werde die Botschaft „überzeugender und strahlender“ (vgl. EG 35).

Im gleichen Zusammenhang spricht er auch von der Notwendigkeit, in solchen Gegebenheiten wie wir sie haben „die Rangordnung der Wahrheiten“ zu beachten und den Aspekt der Barmherzigkeit hervorzuheben und zu bedenken, dass sich auch dann, wenn die Glaubensgeheimnisse dieselben bleiben, die Ausdrucksformen den jeweiligen Menschen anpassen müssen. Papst Franziskus folgt In diesen Aussagen Thomas von Aquin, dessen Fest wir heute feiern.

Jeder, der mit Seelsorge zu tun hat, weiß, wie wahr und wichtig ist, was da von Papst Franziskus gesagt wird. Das bedeutet aber, dass alle, die mit Verkündigung beschäftigt sind, einer gründlichen philosophisch-theologischen Ausbildung bedürfen. Gerade die gut verständliche Darlegung sowie die Beachtung der Rangordnung der Wahrheiten erfordern – wenn es nicht zu falschen Vereinfachungen und Verfälschungen kommen soll – eine profunde Kenntnis der Lehre und der Zusammenhänge.

Es gibt noch einen anderen Aspekt: Papst Benedikt schrieb noch als Präfekt der Glaubenskongregation in einem Artikel für die FAZ, dass heute „die altmodische Frage nach der Wahrheit des Christentums neu gestellt werden müsse“, weil durch manche Erkenntnisse der modernen Wissenschaften die Religion in ihren Grundfesten in Frage gestellt wird. Als Beispiele nennt Kardinal Ratzinger die Evolutionstheorie: Durch sie scheint die Schöpfungstheorie überholt, oder die Erkenntnis über den Ursprung des Menschen: Sie stellt die Erbsündenlehre in Frage. Er erwähnt auch die Exegese, die die Gestalt Jesu in Bezug auf seine Gottheit relativiert und den Ursprung der Kirche in Jesus als zweifelhaft erscheinen lässt. Papst Benedikt betont, dass wir uns diesen und anderen, die Grundlagen des Christentums und der Religion betreffenden Anfragen stellen müssen. Auch dafür ist eine gründliche philosophisch-theologische Ausbildung conditio sine qua non. Ohne mit diesen Fragestellungen vertraut zu sein, ist heutzutage eine Verkündigung schwer möglich.

Es zeigt sich außerdem, dass heute nicht wenige Ärzte, Juristen, Wirtschaftstreibende, Lehrer, Journalisten, solche, die als Therapeuten wirken, an theologischen Fragen durchaus interessiert sind, weil es für ihre berufliche Arbeit wertvoll ist. Ja, man muss sagen: Dass Menschen mit einer ganzheitlichen Sicht die Probleme unserer Zeit angehen, ist wichtig für das ganze Land.

Aber wird eine kleine Philosophisch-Theologische Hochschule wie die von St. Pölten dazu in der Lage sein? Meines Erachtens hängt das weitgehend von uns selbst ab. Von der Leitung der Diözese, von der Hochschule, von jenen, die sich dieser Aufgaben annehmen. Es braucht ein den heutigen Bedürfnissen entsprechendes Leitbild und geeignete Personen, sicherlich den Beistand des Heiligen Geistes, auch die nötigen finanziellen Ressourcen. Der Ausbildung der Priester, Diakone, Pastoralassistenten, Religionslehrer und der anderen Mitarbeiter in den verschiedenen Bereichen der Pastoral kommt eine prioritäre Bedeutung zu und kan meines Erachtens nicht ohne weiteres anderen Diözesen und anderen Einrichtungen überlassen werden.

Jedenfalls sind diese Anliegen für unsere Diözese so dringend und wichtig wie vor 225 Jahren, wenn auch unter etwas anderen Vorzeichen. Wir dürfen zudem davon überzeugt sein, dass so etwas, wenn gute Arbeit geleistet wird, und auch wissenschaftlich von großem Interesse sein kann. Es kann weit über die Diözese hinaus eine große Wirksamkeit entfalten.

Ich wünsche es jedenfalls der Diözese St. Pölten, dass sie ihre Philosophisch-Theologische Hochschule pflegt, ja weiterentwickelt und stärker entfaltet und bete dafür. Ich möchte Sie alle einladen, darüber nachzudenken. Wenn wir uns an den hl. Thomas von Aquin wenden, wird er uns ganz gewiss mit seiner Fürsprache beistehen.