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Interview Tagespost

„Ohne Umkehr werden die Sakramente unfruchtbar“

Österreichs dienstältester Diözesanbischof, Klaus Küng, ist zuversichtlich: „Es gibt viele, die den Glauben neu suchen“

Von Stephan Baier

Exzellenz, eine Frage an den dienstältesten Diözesanbischof Österreichs: Statistisch machen die Katholiken heute noch zwei Drittel der Bevölkerung aus – Tendenz rasch fallend. Bald werden weniger als 50 Prozent der Einwohner Österreichs katholisch sein. Was lief da schief?

Ja, die Entwicklung ist dramatisch. Als ich 1989 Bischof in Feldkirch wurde, habe ich rasch bemerkt, dass es da eine gar nicht leicht beeinflussbare Entwicklung gibt. Viele Faktoren spielen dabei eine Rolle: Zunächst eine starke Veränderung der Lebensverhältnisse durch das Ansteigen des Lebensstandards mit einer sich ständig verschiebenden Werteskala. Gott geriet an den Rand. Dazu kommt die Machbarkeitsideologie: Alles scheint erreichbar, einschließlich illusorischer Vorstellungen. Gott scheint dagegen nicht mehr notwendig. So lichten sich die Reihen und es kommt zu einem rapiden Nachlassen der Glaubenspraxis.

Zum Quantitativen kommt die Frage nach dem Qualitativen: Wie katholisch sind die Katholiken noch? Wie viel weiß die Mehrheit der Getauften über die Basics unseres Glaubens?

Der Rückgang der Katholikenzahl ist nur ein Aspekt. Gleichzeitig entdecken wir aber auch einen Sammelvorgang von Personen, die den Glauben für sich neu entdecken. Da ist bei Familien und Jugendlichen etwas im Gange, das ich mit Freude beobachte.

Wie auskunftsfähig sind Katholiken heute gegenüber der rasch wachsenden Zahl der Konfessionslosen und Muslime in Österreich?

Einerseits kann ich nur bestätigen, dass das Absinken des Glaubenswissens, insbesondere bei den jüngeren Generationen, dramatisch ist. Das hängt mit dem binnen wenigen Jahrzehnten passierten Rückgang der Glaubenspraxis zusammen. Wir hatten doch sehr stark auf die Schule gebaut, aber wenn es in einer Gemeinde weniger als zehn Prozent praktizierende Katholiken gibt, dann sind in einer Schulklasse vielleicht noch zwei, die ein Kreuzzeichen machen können. Das ist eine dramatische Situation! Früher diente der Religionsunterricht auch der Glaubensweitergabe. Das ist heute – weil die Erfahrung des Glaubens nicht da ist – kaum noch möglich. Das hat zu einer Verflachung geführt. Gleichzeitig sehe ich, dass etwas in Bewegung geraten ist. Es gibt viele, die den Glauben neu suchen.

Steigt durch das Anwachsen des muslimischen Bevölkerungsanteils in Österreich auch das grundsätzliche Interesse am Phänomen der Religion?

Das ist schon ein Aspekt. Ich habe aber auch Sorge, was bestimmte Entwicklungen im Zusammenhang mit dem Islam betrifft. Ich setze auf das Erwachen des missionarischen Geistes in der Kirche, was ja auch Papst Franziskus möchte: Das ist die eigentliche Triebkraft der Erneuerung.

Trotz katholischer Mehrheit und Landestradition: Die Deutungshoheit über Werte, Normen, Recht und Gesellschaft scheint heute anderswo zu liegen. Der Lebensschutz ist ein Beispiel dafür: Gegen die Einführung der Fristenregelung waren noch Massen mobilisierbar; heute gilt Abtreibung weithin als Recht der Frau.

Gerade im Lebensschutz, aber auch bezogen auf die Familie, glaube ich, dass die Grundfragen letztlich in unserem Wesen verankert sind. Das Ringen um Erkenntnis und Wahrheit ist immer aktuell. Die Unruhe ist da! Sobald man sich zum Lebensschutz äußert, werden Emotionen geweckt. Da ist ein schlechtes Gewissen wahrnehmbar, aber auch die Sehnsucht nach dem Wahren. Deshalb sind diese Trends nicht unumkehrbar. Ein Blick in die USA macht klar, dass auch in einer total säkularisierten Gesellschaft etwas in Bewegung geraten kann. Bei uns gibt es leider auch noch zu wenig Zusammenhalt zwischen den Lebensschützern.

Auch mit Blick auf Ehe und Familie scheint die Kirche die Deutungshoheit verloren zu haben: Patchworkfamilien sind keine Randerscheinung mehr, sondern gelten als Normalfall. Die Hälfte der Parlamentsparteien in Österreich will die „Ehe für alle“. Warum kann die Kirche ihr Ehe- und Familien-Ideal nicht mehr mehrheitsfähig machen?

Manche Kräfte haben eine ganz gewaltige Lobby-Arbeit geleistet, auch mit Methoden der Einschüchterung. Wir haben hier nicht das richtige Rezept gefunden. Vieles wird aber auch verfälscht dargestellt: Fast 70 Prozent der Familien mit Kindern im Haushalt sind Ehepaare, aber wenn man die Berichterstattungen anschaut, glaubt man, das ist ein Minderheitenprogramm. Die Familie auf der Grundlage einer festen Beziehung zwischen Mann und Frau ist und bleibt unsere Brücke in die Zukunft. Daran wird sich nichts ändern! Leider ist im Sinn des Wortes eine Dekadenz in unserem Land erkennbar: sichtbar an einer viel zu geringen Kinderzahl, die seit vielen Jahren durch Migration ausgeglichen wird. Das stellt eine große Anfrage an die Politik dar.

In Österreich wurde die Homo-Ehe unter Wahlkampfvorzeichen gerade nochmal abgeschmettert, in Deutschland mit Zustimmung vieler Christdemokraten gebilligt.

Ich gebe zu, dass mich schon verwundert hat, wie schnell in Deutschland die Ehe aufgegeben wurde. Ich halte das für ganz kurzsichtig mit Blick auf die gesellschaftliche Entwicklung.

Zerfällt unsere Gesellschaft in Parallelwelten: christliche Familien neben Homo-Ehen neben salafistischer Vielweiberei neben sukzessiver Polygamie etc.? Was passiert da mit der Gesellschaft?

Diese Trends sind in den letzten Jahren unglaublich schnell angewachsen. Dennoch hat die Jugend auch heute eine große Wertschätzung und Sehnsucht nach Familie im traditionellen Sinn und nach einer dauerhaften Beziehung im Herzen. Die Voraussetzungen und notwendigen Anstrengungen dafür müssen aber neu bewusst gemacht werden. Der Glaube wäre eine riesige Ressource, um den Weg zu einer dauerhaften Beziehung zwischen Mann und Frau zu finden und Kindern eine Heimat zu geben.

Sogar innerkirchlich ist eine gewisse Konfusion wahrnehmbar: Die Fokussierung auf die Frage der wiederverheirateten Geschiedenen und unscharfe Formulierungen in „Amoris laetitia“ (AL) haben den Eindruck entstehen lassen, Zweitehen seien jetzt auch kirchlicherseits irgendwie legitimiert.

AL führt in keiner Weise zur Legitimierung von Zweitehen oder zur Förderung anderen Familienformen, sondern hat das Ziel der Wiederentdeckung der Ehe als Sakrament, als Mittel zum Heil, das sehr schön dargestellt wird. Das Ziel ist die Hinführung aller – auch jener, die sich noch nicht im vollen Sinn in einer ehelichen Beziehung befinden – zur Ehe. Papst Franziskus hat immer betont, dass er die Lehre der Kirche nicht ändern will, aber einen Perspektivenwechsel anstrebt. Wir sollen allen mit Liebe begegnen, damit sie den Weg finden, denn es gibt für jeden Menschen eine Chance. Wahr ist freilich, dass die Frage der wiederverheirateten Geschiedenen sehr dominant ist in der Diskussion nach AL.

Nicht die vielgescholtenen Medien, sondern die Bischofskonferenzen in Deutschland, Polen, Malta, Italien oder Kasachstan haben AL ganz unterschiedlich ausgelegt. Was gilt jetzt eigentlich: Dürfen wiederverheiratete Geschiedene zur Kommunion gehen – und unter welchen Bedingungen?

Wir werden sehen, wie die Klärungsvorgänge weiter gehen. Wichtig ist, dass man AL studiert. Im Grunde besteht ja ein Konsens der Aussagen des Lehramtes: Papst Franziskus betont die Notwendigkeit, dass Paare, die nicht im vollen Sinn eine Ehe leben, begleitet werden, um im Blick auf Jesus den richtigen Weg finden zu können. Das wird auch in „Familiaris consortio“ gesagt. Wenn festgestellt wird, dass bereits eine gültige Ehe vorliegt, dann geht es darum, zu unterschieden, zu begleiten und zu integrieren. Bisher galt das enthaltsame Leben als Voraussetzung dafür, dass diese Paare die Kommunion empfangen können. Da scheint Papst Franziskus eine neue Türe zu öffnen, was in der berühmten Fußnote angedeutet wird, aber auch da geht es eben darum, im Leben der Gnade zu wachsen. Gemeinsam ist also das Ziel der Hinführung zu einer positiven Entwicklung im Leben des Einzelnen wie auch eines Paares. Da geht es um die Entdeckung des Gebets, um Umkehr und das Bemühen um ein christliches Leben. Kommunionempfang setzt immer die Versöhntheit mit Gott voraus. Ohne Umkehr werden die Sakramente unfruchtbar. Dieser Prozess ist bei uns leider weit fortgeschritten.

Verstehen Sie, dass vier Kardinäle den Papst angesichts der Unklarheiten und unterschiedlichen Interpretationen um eine Klarstellung bezüglich AL gebeten haben?

Franziskus will kein laissez-faire fördern. Im Gegenteil, AL stellt wirklich Ansprüche. Aber er will mit großer Liebe auf alle Menschen in Not zugehen. AL enthält große Hilfen. Dass AL unterschiedlichst interpretiert wird, darin sehe ich ein großes Problem. Die Anliegen der vier Kardinäle sind wichtig, aber mir tat es leid, dass das in die Öffentlichkeit kam. Das erschwert Klärungsvorgänge.

Die Ehevorbereitung in Österreich ist heute in Inhalt, Qualität und Länge höchst unterschiedlich. Bräuchte es nicht ein gründlicheres Ehe-Katechumenat?

Das ist richtig. Wir haben viele Anstrengungen unternommen und uns zu Standards der Ehevorbereitung durchgerungen. Die Umsetzung ist das große Problem. Wir sollten hier viel proaktiver sein, das sind wir den jungen Menschen schuldig, denn das Ehesakrament ist ein Schatz. Ich bin überzeugt, dass ein Ehekatechumenat notwendig ist. Die Paare müssen über die wesentlichen Fragen von Ehe und Familie ins Gespräch kommen. Das ist ein prozessartiger Vorgang und braucht Zeit, wenigstens ein halbes Jahr. Man darf sich nichts vormachen: Auch bei einer langen Vorbereitung ist nicht alles erledigt, es braucht kirchliche Beheimatung und Vernetzung, auch eine Ehe-Begleitung nach der Trauung. Das wird ein ganz wichtiges Projekt der Zukunft sein.

Spielt in der Ehevorbereitung „Humanae vitae“ noch eine Rolle?

Verschiedene Aspekte von Mann und Frau, die einfach der Schöpfungsordnung entsprechen, müssen angesprochen werden. Die Fragen von HV betreffen die Person von Mann und Frau. Sexualität kann zu einer tiefen Verbundenheit führen, doch der Egoismus kann zur Gefahr für die Beziehung werden, weil da jeder nur sich selber sucht. Darum ist HV wichtig und gehört in ein Ehe-Katechumenat hinein – in einer Form, die verstanden und als lebbar erfahren wird. Die „Theologie des Leibes“ von Johannes Paul II. in eine allgemeinverständliche Sprache zu übertragen, ist noch eine notwendige Aufgabe, die zu erfüllen wäre. Diese Fragen hängen eng damit zusammen, was überhaupt Liebe und der Sinn des Lebens ist. Diesbezüglich gibt es in Österreich und Deutschland positive Beispiele, die ansteckend sein können.

Innerkirchlich ist die „Theologie des Leibes“ in Österreich sicher ein Minderheitenprogramm. Könnte das damit zusammenhängen dass HV von Anfang an in Watte gepackt wurde? Auch von bischöflicher Seite in der Mariatroster Erklärung.

Ich habe da mehrere Anläufe im Laufe meiner Bischofsjahre gemacht. Die Mariatroster Erklärung entstand – parallel zur Königsteiner Erklärung in Deutschland -, weil man fürchtete, dass viele an HV scheitern. Das ist nie überwunden worden, aber ich bin zutiefst davon überzeugt, dass wir diese Fragen nicht beiseite lassen dürfen. Es gibt noch immer kein volles Verständnis für das, was in HV steht, es geht letztlich um ein ganzheitliches Menschenbild, um eine Ökologie des Menschen, wie Bendedikt XVI. sagt.

Wäre das christliche Verständnis von Person, Ehe, Familie nicht ein attraktives Angebot der Kirche in einer zunehmend ent-christlichten Gesellschaft?

Wir haben allen Grund zum Optimismus, denn unsere Angebote können Menschen ansprechen und auch ein Weg zum Glauben sein. Das betrifft die Würde und den Schutz des Lebens, die Verletzungen, die etwa in einer Frau durch Abtreibung entstehen, oder die Suche nach einer tieferen Beziehung. Mit Hilfe des Glaubens an Christus, mit Hilfe des Gebets und der Sakramente lässt sich ein Weg finden, dass Menschen ans Ziel kommen. Das ist, was uns die Kirche, ja letztlich Gott bietet. Der christliche Glaube bringt Licht auch in die verworrensten Verhältnisse, er öffnet und ist Wachstum. Es gibt keinen Menschen, der unrettbar verloren wäre.

Wo nehmen Sie heute in Österreich missionarisches Potenzial wahr? Wo sind Kräfte, die sich nicht bloß fromme Reservate schaffen, sondern evangelisierend in die Gesellschaft hineinwirken?

Jeder Einzelne, in dem das Samenkorn des Glaubens keimt, ist ein Hoffnungsträger. Ich kenne viele Familien, die in positive Unruhe gerieten durch ein Kind, das den Glauben gefunden hat. Es gibt viel Potenzial für Erneuerung. Wir haben viele Impulse zur Auferweckung des Glaubens in Bewegungen und Klöstern. Eine große Rolle spielt auch die eucharistische Anbetung. Ich kenne Orte, wo sich die Beichten – gegen den allgemeinen Trend – in den zurückliegenden Jahren vervielfacht haben. In der Diözese St. Pölten hatten wir die „33 Schritte“, an denen sich 10.000 Leute beteiligt haben. Ich denke an die „Abende der Barmherzigkeit“, an die Pfingsttreffen der Lorettos in Salzburg, an die Alpha-Kurse. Das Phänomen Pilgern spielt wieder eine Rolle. Überall sind positive Entwicklungen wahrnehmbar. Gott richtet es immer wieder so ein, dass wir auf das Wesentliche kommen.

Haben Sie nach fast drei Jahrzehnten im Bischofsamt – zunächst in Vorarlberg, dann in Niederösterreich – bereits Pläne für die Zeit nach Ihrer Emeritierung?

Ich gehe zurück nach Wien und möchte mich priesterlichen Aufgaben widmen. Ich werde in der Peterskirche Beichte hören und – auch für Priester – Exerzitien halten.