Jahrbuch 2018 - Jugend in der Kirche
Pilgergruppe im Herbst
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Predigt Fatimafeier Dom zu St. Pölten

Liebe Brüder und Schwestern!

Fatima vermittelt eine fordernde Botschaft. Von der ersten bis zur letzten Erscheinung ist sie genkennzeichnet durch die eindringliche Ermahnung zu Gebet, Buße und Umkehr, mit unmissverständlichen Hinweisen auf die Gefahren für den Menschen. Maria zeigt den Kindern die Hölle, die vor diesem Anblick so erschaudern, dass sie gewissermaßen nur mehr beten und opfern können. Papst Franziskus hat dies in seiner Predigt anlässlich der Heiligsprechung von Francico und Jacinta eingehend beschrieben.

Papst Franziskus hat zu Fatima eine persönliche Beziehung. Kurz nach seiner Wahl hat er den Wunsch geäußert, sein Pontifikat Maria von Fatima zu weihen, und der Patriarch von Lissabon hat diese Weihe am 13. Oktober 2013 in Fatima vollzogen. Papst Franziskus selbst hat am 13. Mai d. J.  bei seinem Besuch in Fatima die Welt Maria anvertraut. Die Bedrohung der Welt gehört zur Botschaft der Erscheinungen. Maria hat damals angekündigt, dass das baldige Ende des 1. Weltkrieges bevorstehe und dass sich am Ende Russland bekehren werde. Sie hat aber auch vorausgesagt, dass ein noch größerer Krieg kommen werde, wenn die Bekehrung der Menschen ausbleibt, und so war es: es kam der II. Weltkrieg, was aber nicht bedeutet, dass damit die Fatimabotschaft passé ist..

Bei seinem Besuch in Fatima am 13. Mai 2010 hat Benedikt XVI. festgestellt: „Wer glaubt, dass die prophetische Mission Fatimas beendet sei, der irrt sich.“

Und tatsächlich: Wenn wir unsere Augen der Wirklichkeit nicht verschließen, nehmen wir wahr, dass die Aktualität der Botschaft von Fatima unvermindert anhält, auch in Bezug auf unser eigenes Land, das ein wunderbares Land ist, mit unglaublich positiven Entwicklungen in vielfacher Hinsicht, mit wunderschönen Kirchen und Klöstern, auch mit Zeichen echter Gläubigkeit bei vielen. Trotzdem wäre es Blindsein zu übersehen, dass bei einem hohen Prozentsatz der Bevölkerung die Glaubenspraxis nachgelassen hat und dass die Glaubensunkenntnis bei vielen erschreckend ist. Dass auch die entsprechenden Folgen erkennbar sind. Auch die Gefahr von Krieg besteht weiterhin: Wir müssen sehr dankbar sein, dass wir in den letzten Jahrzehnten vor Terror und Krieg verschont geblieben sind, aber wahr ist auch, dass Terror und Krieg vor unserer Haustür stehen. Garantie haben wir keine.

Vor etwas mehr als 1 Jahr hat der Rosenkranz-Sühne-Kreuzzug die Anregung gegeben, die einzelnen Diözesen Österreichs in einer Art Weiheakt Maria anzuvertrauen. Für mich war das – so wie das gesamten Jubiläumsjahr – so etwas wie ein Anruf Gottes, der durch Maria an uns herangetragen wird.

An erster Stelle ist ein solcher Weiheakt eine Einladung, den Glauben zu erwecken. Mir kommt es in letzter Zeit manchmal so vor, als würde Gott uns fragen: Glaubst Du an Gott, der die Welt erschaffen hat? Oder können wir alles in Frage stellen? Was der Mensch ist; ob es zwei oder drei Geschlechter gibt; was Familie ist; ob wir tun und lassen können, wie es uns beliebt, so als wäre es gleich gültig, ohne dass das Folgen hätte? Mir kommt auch vor, als würde uns Gott ebenso fragen: Glaubst du, dass mein Sohn – Jesus – Mensch geworden ist, durch seinen Tod am Kreuz und durch seine Auferstehung die Welt erlöst hat? Glaubst du, dass als Folge davon der auferstandene Herr in der Kirche gegenwärtig und wirksam ist? Glaubst du es tatsächlich? Wenn du es wirklich glaubst, dann muss man das auch an deiner Lebens- und Verhaltensweise merken!

Wir haben für den Weiheakt den gleichen Text verwendet, den Benedikt XVI. 2007 bei seinem Besuch in Mariazell benützt hat. Er beginnt mit den Worten: „Heilige Maria, makellose Mutter unseres Herrn Jesus Christus. In dir hat Gott uns das Urbild der Kirche und des rechten Meschseins geschenkt.“ Und dann folgt: „Dir vertraue ich das Land Österreich und seine Bewohner an: Hilf uns allen, deinem Beispiel zu folgen und unser Leben ganz auf Gott auszurichten! Lass uns, indem wir auf Christus schauen, ihm immer ähnlicher, wirklich Kinder Gottes werden!“

Das ist ein Programm für die Kirche, das uns alle angeht. Auch wenn es vielleicht ein gewagtes Wort ist, kann man es auch so sagen: Christus muss in gewissem Sinn auch jetzt zur Welt kommen und wir sind daran beteiligt. Was in Maria begonnen hat, setzt sich als Frucht der Menschwerdung des Gottessohnes und der durch ihn bewirkten Erlösung fort in der Kraft des gleichen Heiligen Geistes, der Maria überschattet hat. Er muss auch die Kirche überschatten, sodass der gleiche Sohn Gottes, der geboren wurde von der Jungfrau Maria, der unter uns gelebt und uns erlöst hat, gegenwärtig wird auf den Altären und in den Herzen der Gläubigen, in unseren Herzen. Das ist die Grundlage der Wirksamkeit des Christen. Durch Taufe und Firmung kommt es zur Verbundenheit mit Jesus und durch die Eucharistie können wir mit ihm wirklich eins werden, auch den Heiligen Geist können wir auf uns herabflehen. Wirksam wird das aber nur, wenn wir Jesus auch aufnehmen im Wort. Es ist notwendig, dass wir auf ihn hören und mit seiner Hilfe lernen, unser Leben wirklich auf Gott auszurichten. Wenn wir auf ihn „schauen“ – wie es im Weihegebet ausgedrückt wird, gemeint ist ein ganzheitliches Hinschauen mit der ständigen Bereitschaft sich zu ändern –, werden wir ihm nach und nach ähnlicher. Bei jenen, die glauben und wirklich verbunden mit Christus leben, entsteht eine wunderbare Realität, die sich im Schriftwort widerspiegelt: „Wir heißen nicht nur Kinder Gottes, wir sind es.“ Das ist zugleich der Weg zum „rechten Menschsein“. Es macht froh und frei, fähig zu wahrer Liebe. Und so geschieht es, dass Christus in einer neuen Weise gegenwärtig wird, auch heute und jetzt, in den Häusern, an den Arbeitsplätzen, auf den Straßen, in den Städten. So gelangt er zu anderen. Und jene, die ihn im Herzen tragen, sind immer auch verbunden mit Maria und der Kirche. Darin besteht ein Wesensbestandteil der Wirksamkeit der Kirche; durch das Leben der Gläubigen. Jesus Christus, der derselbe ist gestern, heute und in alle Ewigkeit, Er kommt zur Welt!

Gerade, wenn wir über diese Zusammenhänge nachdenken, werden wir zuversichtlich, auch in Hinblick auf unsere Zeit und die Zeit, die auf uns zukommt. „Die Kirche erwacht in den Seelen der Gläubigen“ wie es Romano Guardini formuliert hat. Sie erwacht auch in den Häusern. Jeder Christ, jede Christin, die entsprechend ihrem Christsein leben und lieben, werden zu Hoffnungs-, zu Christusträgern, und jede christliche Familie, die diesen Namen zurecht trägt, bringt Christus zur Welt, ist jedenfalls von diesem Wunsch erfüllt.

Vergessen wir dabei nicht: Sich Maria anvertrauen bedeutet, sich ihre Logik, ihre Denkweise zu eigen zu machen. Sie ist die Magd des Herrn, ihr Kennzeichen ist das Ja-Wort: „Mir geschehe nach deinem Wort“. Auch wir müssen unser Ja-Wort geben zu einem konsequenten Christsein, auch dann, wenn das Opfer abverlangt. Den Kindern von Fatima wurde empfohlen, täglich den Rosenkranz zu beten. Es war eine Empfehlung für alle. Es mag sein, dass heute vielen der Zugang zu diesem Gebet und die Gewohnheit fehlt. Ein Gesätzchen jeden Tag wäre schon ein Anfang.

Im Anvertrauungsgebet heißt es am Ende: „Dann können auch wir, erfüllt mit allem Segen seines Geistes, immer besser seinem Willen entsprechen und so zu Werkzeugen des Friedens werden, für Österreich, für Europa und für die Welt.“ Und ich füge hinzu: Auch für die eigene Familie, für die Verwandten und Bekannten, für die eigene Gemeinde, für unsere Diözese.

In diesem Sinn möchte ich Euch alle einladen, sich Maria anzuvertrauen mit ganzem Herzen, mit dem ganzen Leben. Gerade so wird mit der Diözese gut gehen, es werden sich die rechten Wege finden. Wichtig ist nur, dass wir wirklich auf Ihn schauen, auf Jesus. Maria, seine Mutter, unsere Mutter, wird uns beistehen.