November
Weingarten
Bischof Alois Schwarz im Radio NÖ Interview
 
 

Predigt Gebetswoche Einheit der Christen Tulln

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

Zunächst darf ich mich sehr herzlich für die Einladung bedanken. Ich freue mich darüber, dass wir heute, im Rahmen der Weltgebetswoche für die Einheit der Christen, hier in der Evangelischen Kirche in Tulln versammelt sind, um gemeinsam zu beten.

Es freut mich auch, dass als Grundlage dieses Gebetsabends Texte verwendet werden, die von der Karibischen Kirchenkonferenz zusammengestellt wurden. Die Karibische Kirchenkonferenz hat sich aus den ökumenischen Aufbrüchen der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts entwickelt, ist eine Frucht gemeinsamen Leidens und gemeinsamen Suchens, mit dem Wunsch, wirksame Wege zu finden, die aus den großen Nöten dieser Länder – Unterdrückung, Diskriminierung, Ungerechtigkeit, Armut, Drogen, Gewalt, Verstöße gegen die Menschenwürde – herausführen. Wir haben beim Gebet um Versöhnung das Klirren der fallenden Ketten gehört, für uns ein Zeichen des Schmerzes über diese traurigen Gegebenheiten und vor allem ein Zeichen der Hoffnung, mit der Hilfe Gottes Wege zu finden, die von den Kalamitäten unserer Zeit befreien.

Wir leben in einer anderen Welt, in geordneten Verhältnissen, erfreuen uns eines beachtlichen Wohlstandes, können uns auch nicht über mangelnde politische Freiheit beklagen, haben aber trotzdem viele triftige Gründe, um über die unterschiedlichen Konfessionen hinweg zusammenzurücken mit dem Verlangen nach größerer Einheit und Verbundenheit, vor allem nach größerer Wirksamkeit als Christen inmitten einer weitgehend säkularisierten Gesellschaft.

Auch wir in Europa dürfen mit Dankbarkeit feststellen, dass sich insbesondere in der zweiten Hälfte des 20. Jhdt. eine zunehmend stärker werdende ökumenische Bewegung entwickelt hat. Auch hier waren wahrscheinlich die wichtigsten Wegbereiter gemeinsame Leiden; vor allem die Bedrängnisse des 2. Weltkrieges waren es, die Freundschaften zwischen katholischen und evangelischen Pfarrern, zwischen katholischen und evangelischen Christen entstehen ließen. Und auch bei uns gibt es Nöte trotz Wohlstand, Knechtschaften trotz politischer Freiheit, innere und äußere Bedrängnisse trotz der vielen Möglichkeiten, die ein wohlhabendes, gut sozialisiertes Land zu bieten hat. Es sind Nöte, die auftreten, wenn der Glaube an Gott vernachlässigt oder marginalisiert wird.

Viele leben so als wäre Gott weit weg oder als gäbe es keinen Gott. Das berufliche Leben nimmt sie, Männer und Frauen, stark in Anspruch, die Leistungs-, Konsum- und Werbegesellschaft verleiten dazu. Es muss hart gearbeitet werden, um nach oben zu kommen, verdient werden, um zu erlangen, was man meint, haben zu müssen. Dazu kommt noch etwas anderes: Wissenschaft und Technik sind so weit, dass fast alles auch ohne Gott erklärbar und machbar scheint, auch wenn das nicht zutrifft und nie zutreffen wird. Und so kommt es, dass die Menschen zwar vieles, fast alles haben und doch nicht glücklich sind, sich fast jede Freiheit nehmen, aber zunehmend unfrei werden. Sie geraten in Abhängigkeiten und Süchte. Vor allem scheitern viele Beziehungen, geraten viele in die Tragödie des Alleinseins, des Verlassenseins. Alle diese Trends machen uns zu schaffen, Katholiken und Protestanten. Vor allem die Jugend tut sich schwer, den Weg zu dem zu finden, was dauerhaft Hoffnung und Halt gibt. Es betrifft aber nicht nur die Jugend. Und doch bestehen unter den Gläubigen und Nicht-So-Gläubigen Sehnsucht nach dem Erfüllenden, Verlangen nach Hilfe und Heilung. Alle sind wir als Christen angefragt, die gute Nachricht von Jesus neuerlich zu verbreiten, die gute Nachricht von Gott, der die Welt erschaffen hat und unser Ziel ist. Nicht, dass in den letzten Jahren nichts geschehen wäre. Es ist schon auch beeindruckend, wie viele ökumenische Initiativen sich in den vergangenen Jahrzehnten auch bei uns wegen der vorhandenen Nöte entfaltet haben: Ich denke z. B. an die Pfingstbewegung: Sie war und ist ein Aufbrechen der Sehnsucht nach Gott, ich denke an das Taizé-Gebet, die Alphakurse, die aus der anglikanischen Kirche stammen und sich auch bei uns als sehr wertvoll erweisen. Es freut mich, dass seit mehreren Jahren ein überkonfessioneller Arbeitskreis für Lebensschutz besteht. Wir sind in Österreich vielleicht noch nicht sehr weit gekommen, aber Potenzial für das Entstehen größerer Umkehrbewegungen ist vorhanden. Ich denke auch an manche Einrichtungen für Hilfestellungen bei Vorliegen von sexuellem Missbrauch oder die Initiative Safer Serving zur Prävention gegen Pornographie oder die großartige Initiative Young Mum oder die Hoffnung auf das Wachstum einer christlichen Hauskirchenbewegung, die sehr fruchtbar werden kann.

In den Schriftstellen, die wir heute Abend verwendet haben, kommen die wesentlichen Aspekte zum Ausdruck: In der 1. Lesung aus dem Buch Exodus stand das Vertrauen in die Allmacht Gottes im Vordergrund. Das Leitmotiv für die Welt-Gebets-Woche lautet dieses Jahr: „Deine Rechte, Herr, ist herrlich an Stärke.“ Mit Gott lassen sich alle Probleme der Welt überwinden. Ich denke, dass es wichtig ist, uns gegenseitig Mut zu machen. In der 2. Lesung aus dem Römerbrief wurde die Sehnsucht des menschlichen Herzens angesprochen, die nur von Gott wirklich erfüllt wird, die Hoffnung, die auch angesichts von Leid, Krankheit und Tod standhält. Und im Evangelium wurde uns einmal mehr beeindruckend vermittelt, wie Jesus fähig ist zu heilen. Sogar den Tod vermag er zu besiegen.

Es ist notwendig, dass wir Christen Mut fassen, füreinander und miteinander beten, auch um die volle Einheit, die ein Werk des Heiligen Geistes ist, freilich auch unsere Bereitschaft zur Umkehr voraussetzt. Und es ist gut, ja dringend notwendig, dass wir soweit möglich gemeinsam unterwegs sind, damit vielen Menschen Hilfe gebracht wird und das Licht Christi in der vom Egoismus verdunkelten Welt nicht nur nicht verlöscht, sondern stärker aufleuchtet und die Menschen anzieht. Möge uns der Herr mit seiner Gnade, mit seiner Stärke, mit seiner Rechten beistehen.