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Pilgergruppe im Herbst
Herbstlandschaft Mostviertel
 
 

Predigt Begräbnis

Predigt von Diözesanbischof DDr. Klaus Küng beim Requiem für den Verstorbenen

Liebe Mitbrüder im bischöflichen, priesterlichen und diakonalen Dienst,
liebe Äbte,
liebe Mitglieder des Domkapitels,
sehr geehrter Herr Landtagspräsident,
liebe Vertreterinnen und Vertreter der Stadtgemeinde St. Pölten,
liebe Angehörige und Freunde von Weihbischof Heinrich,
liebe Brüder und Schwestern!

Weihbischof Heinrich hat für die Diözese gelebt, er hat sie geliebt und hat auch für sie und mit ihr gelitten. Das scheint mir eine gute Zusammenfassung seines Lebens.

Um besser zu verstehen, was damit gemeint ist, hilft ein Blick auf seine Kindheit und Jugend, seinen Werdegang als jemand, der schon vor Schuleintritt manchmal gesagt hat, dass er gerne Priester werden möchte.

Er ist – jedenfalls mit unseren Augen betrachtet – unter sehr schwierigen Verhältnissen aufgewachsen. Geboren ist er in Oberösterreich. Sein Vater war ein Waldviertler, der nach seiner glücklichen Heimkehr aus dem 1. Weltkrieg eine Frau aus Pabneukirchen (Oberösterreich) kennengelernt und geheiratet hat. Er ließ sich in der Heimat seiner Frau nieder, pachtete zunächst gemeinsam mit ihr einen Hof. Als Heinrich zur Welt kam, hatten sie gerade einen bescheidenen, eigenen Hof (Pfarre Pierbach) erworben. Der kleine Heinrich hatte einen Nabelbruch, aber sie hatten so wenig Geld, dass eine Operation in Linz nicht in Frage kam. Und so wurde das zwei Monate alte Baby von der Mutter in mühsamer Reise zu den Großeltern ins Waldviertel gebracht, wo er dann in Buchbach aufwuchs. Eine Operation war dann doch nicht nötig, durch den klugen Rat eines Knechtes. Mit drei Jahren war er kurz bei seinen Eltern, wurde aber von einer Tante bald wieder zurückgebracht. Bei Ausbruch des 2. Weltkrieges wurde er neuerlich zu seinen leiblichen Eltern geschickt. Man fürchtete ein Kriegsgeschehen von Böhmen her und da schien es besser, dass er bei seinen eigenen Eltern sei. Weihbischof Heinrich hat später erzählt, dass er erst damals, mit 9 Jahren, seine leiblichen Eltern wirklich kennenlernte.

So hat der junge Bub ein Jahr die Volksschule in Pierbach besucht. Als dann ein jüngerer Bruder zur Welt kam, ist er erneut zu seinen Großeltern ins Waldviertel gebracht worden, wo er zunächst in Buchbach die Volksschule beendete und dann die Mittelschule in Waidhofen/Thaya besuchte, mit einem täglichen Fußweg von 6 Kilometern. Weihbischof Heinrich hat diese Zeit nicht als „schwere“ Kindheit betrachtet. Offenbar haben ihn seine Großeltern und Verwandten, aber auch seine eigenen Eltern und Geschwister – mehrere von ihnen haben nur sehr kurz gelebt, alle sind früh gestorben – sehr gerne gehabt. Er hatte im Laufe seines Lebens immer herzlichen Kontakt zu seiner Familie auch zu seinem Bruder in Oberösterreich mit dessen Kindern, insbesondere aber zu den Verwandten im Waldviertel, die ihm bis ans Lebensende treue Weggefährten gewesen sind.

Nach dem 2. Weltkrieg, den er als Bub miterlebt und, abgesehen von einem kleinen Schockerlebnis, mit großem Glück ohne Einsatz an der Front heil überstanden hat, wurde er 1945 von Propst Emilian Neissl für das Seminar in Melk angemeldet. Die Fahrt von Buchbach dorthin war damals eine kleine „Weltreise“. Für ihn waren die Aufenthalte in Melk und danach im Priesterseminar St. Pölten eine schöne Zeit. Er lernte musizieren, fasste Zuneigung zur Kunst und studierte gerne. Am 29. Juni 1954 ist er im Dom zu St. Pölten zum Priester geweiht worden. Besonders genossen hat er es, als er 1957 bis 1960 in Rom studieren durfte. Er erwarb ein Doktorat in Kirchenrecht. Diese Periode öffnete ihm den Blick für die Weltkirche und schenkte ihm einige Freunde, mit denen er sein Leben lang verbunden war.

Nach seiner Rückkehr aus Rom war seine erste Aufgabe das Ehegericht, er hielt auch einige Vorlesungen über Kirchenrecht an der Theologischen Hochschule St. Pölten. 1970 wurde er dann zum Direktor des Diözesanbauamtes und zum Ordinariatskanzler bestellt. Diese Ämter entsprachen ganz seinen Fähigkeiten und Neigungen; sie haben ihn selbst in gewissem Sinn geprägt, er aber hat seinerseits in diesen Bereichen der Diözese St. Pölten tiefe Spuren hinterlassen. Wie sehr er mit ganzem Herzen diözesaner Baudirektor war, sieht man z. B. daran, dass er während des Urlaubs, den er immer zusammen mit seinen Verwandten, den beiden Kapuziner-Patres Johannes und Gottfried Undesser und deren Schwester Gertrud verbrachte, oft Kunstfahrten unternahm. Sie besuchten dekanatsweise die verschiedenen Kirchen und kirchlichen Gebäude. Überall, wo es etwas Sehenswertes und Interessantes gab, machten sie einen Halt. Als Ordinariatskanzler hat Weihbischof Heinrich das Matrikenreferat aufgebaut und das Archiv der Diözese hervorragend organisiert. Dieses ist bis heute ohne Konkurrenz. Es war ihm ein Anliegen, dass das kirchliche Leben gut dokumentiert wird, auch die Geschichte der Vergangenheit nicht verloren geht. Er hat zugleich durch seine Arbeit mit dem Klerus der ganzen Diözese intensive persönliche Kontakte gehabt. 1976 wurde er Mitglied des Domkapitels. So entstand eine große Liebe zu den kirchlichen Baudenkmälern im Land, ganz besonders zum Dom, zu ihrer Geschichte und zu den Priestern und Diakonen in der Diözese. Für ihn war wirklich die Diözese sein Leben.

1991 wurde er dann vom neuen Bischof Kurt Krenn zum Generalvikar bestellt. Bischof Kurt hat ihn sicher deshalb für diese Aufgabe ausgewählt, weil keiner wie er die Priester und die Gegebenheiten der Diözese kannte und weil er mit seiner Loyalität rechnen konnte. Einige Jahre später, 1993, wurde dann Dr. Heinrich Fasching von Papst Johannes Paul II. zum Weihbischof der Diözese St. Pölten ernannt. Und Weihbischof Heinrich hat jeweils JA gesagt, weil er der Kirche dienen wollte.

Wir wissen, dass in dieser Zeit alle sehr gelitten haben – Bischof Kurt, Weihbischof Heinrich, fast die ganze Diözese, alle wahrscheinlich auf ihre Weise. Es gehört zu den Geheimnissen des Lebens, auch der Kirche, warum das manchmal so ist, obwohl alle oder fast alle es gut meinen, ja, davon fest überzeugt sind, dass sie in dieser oder jener Weise handeln müssen. Sicher ist, dass für Weihbischof Heinrich die Zeit als Generalvikar und Weihbischof wirklich eine schwere Zeit gewesen ist.

In der Bischofskonferenz war er als Vorsitzender in der Kooperation für Entwicklungshilfe, Referatsbischof für „Missio“ und Präsident von Pax Christi sehr bemüht und engagiert.

Gleichzeitig mit meiner Ernennung zum Diözesanbischof wurde sein Rücktritt als Weihbischof der Diözese St. Pölten angenommen, auch wenn er dann noch einige Jahre die Aufgabe als Domkapitular und Dompropst, als Vorsitzender des Caritaskuratoriums und der Diözesankommission für die Ständigen Diakone wahrgenommen hat und mir immer ein wichtiger Gesprächspartner gewesen ist.

Sehr bewundernswert war seine Haltung während seiner allmählich fortschreitenden Krankheit. Alle haben wir seine Zähigkeit bewundert: Wie er sein Lebenswerk über die „Wiener Konstitutionen der Augustiner Chorherren im 15. Jahrhundert“ mit 800 Seiten Umfang fertiggestellt und auch noch später, solange er irgendwie konnte, an verschiedenen anderen Themen weitergearbeitet hat.

Es war schön zu beobachten, wie sich bald ein Helferteam gebildet hat, das ihm ermöglichte, am Hauptgottesdienst im Dom an allen Sonn- und Feiertagen teilzunehmen; zwei Ärzte kamen – total ehrenamtlich – Woche für Woche, um ihn zu mobilisieren. Sehr dankbar war er für die treue Hilfe seiner Verwandten Gertrud Undesser, die mit großer Opferbereitschaft immer, wenn er sie brauchte, zur Verfügung stand. Dankbar war er auch für die Hilfe der Damen und Herren vom Ordinariat, die öfters für das Mittagessen sorgten, oder des Archivs, mit dem er immer besonders verbunden war. Dankbar war er selbstverständlich den Betreuerinnen, die ihn jahrelang rund um die Uhr in seiner Wohnung pflegten, und sehr großer Dank gebührt allen im Caritasheim St. Elisabeth, die sich bis zum Schluss in aufopfernder Weise um ihn gekümmert haben. Auch persönlich sehr froh und dankbar war und bin ich, dass in diesen Jahren des Leidens Weihbischof Heinrich von Bischofsvikar Franz Schrittwieser mit großer Aufmerksamkeit und Umsicht freundschaftlich und geistlich begleitet wurde.

Dass sein 85. Geburtstag und sein diamantenes Priesterjubiläum kurz vor seinem Tod noch gut gefeiert werden konnten und er bei der Messe dabei war, aufrecht im Rollstuhl saß und mit voller Aufmerksamkeit mittun konnte, war nochmals eine Freude für ihn und für uns alle. Ein Trost ist auch zu wissen, dass er in den letzten Wochen seiner Krankheit offensichtlich ruhiger geworden ist. Am Samstag – am Tag vor seinem Tod – sagte er zu seinem Pfleger bei der Verabschiedung – der Pfleger hat dies im Logbuch festgehalten: „Jetzt ist die Zeit gekommen, aber jetzt geht es mir gut“ und er bat für den nächsten Tag um die Krankenkommunion, die er dann auch tatsächlich 2 Stunden vor seinem Tod empfangen hat. Es war die Wegzehrung.

So haben wir allen Grund, Gott zu danken. Zugleich wollen wir Gott bitten, er möge den Verstorbenen in seine Herrlichkeit aufnehmen und ihm all das Gute, das er auf Erden bewirkt hat, mit seinem göttlichen Lohn vergelten.