Mir geht es gut ...
Gedanken zur Familie 2000
Meine Frau ist zu jeder Tages- und Nachtzeit für die Kinder da.
Sie putzt, wäscht, bügelt, kauft ein, kocht, räumt weg - Tag für
Tag. Sie ist im Karenzurlaub, ich gehe arbeiten und bin den ganzen
Tag nicht daheim. Komme ich am Abend nach Hause, bin ich müde von
der Arbeit und von der Wegstrecke. Ich habe mir mit einem arbeitsreichen
Tag einen geruhsamen Abend verdient. Ich lasse mich bedienen und
faulenze vor dem Fernseher. Mir geht es gut. Wird ein Kind krank
- geht meine Frau zu den Ärzten. Schreit ein Kind in der Nacht -
steht meine Frau auf und beruhigt es. Wird ein Haushaltsgerät kaputt
- sorgt meine Frau für die Reparatur. Steht ein Kinderfest an -
organisiert meine Frau dazu alles. Gibt es Schulprobleme - löst
sie meine Frau. Will ein Kind einen Freund in einer anderen Ortschaft
besuchen - fährt meine Frau. Braucht ein Kind Bastelmaterial - besorgt
dieses meine Frau. Mir geht es gut. Ich sitze am Abend vor dem Fernseher,
die Kinder tollen umher - meine Frau sorgt für Ruhe. Mir geht es
aber nicht wirklich gut, weil ich weiß, daß meine Frau schon seit
den frühen Morgenstunden hart arbeitet und sich etwas Unterstützung
verdient. Nun sind das ja auch meine Kinder - ich möchte die Kinder
auch in meinem Sinne erziehen. Ich stehe auf und spiele mit den
Kindern. Plötzlich merke ich, wie die Kinder sehnsüchtig darauf
gewartet haben. Von Tag zu Tag beschäftige ich mich mehr mit ihren
Anliegen und der Zugang wird allmählich besser. Ich verstehe ihre
Probleme besser, ich kann besser mit ihnen plaudern, spielen und
herumtollen. So mitgenommen bin ich doch noch nicht von meiner Arbeit.
Nach dem Abendessen herrscht Chaos - die Kinder gehen Zähne putzen
und sollten schön langsam ins Bett kommen. Die Reste des Essens
und das benutzte Geschirr steht am Tisch. Soll ich mich in dieser
Situation vor den Fernseher begeben und faulenzen? - Nein, soviel
ist mir meine Familie wert - ich räume den Tisch ab und versorge
das schmutzige Geschirr. Spät am Abend, die Kinder schlafen schon,
räumt meine Frau die Waschmaschine aus und beginnt die feuchte Wäsche
aufzuhängen - zur Zeit ist sie seit dem Erwachen schon 15 Stunden
pausenlos beschäftigt. Mir geht es nicht gut. Ich lebe mit meiner
Frau zusammen, weil wir uns sehr gut verstehen und uns gegenseitige
Achtung entgegenbringen. Es ist auch meine Wäsche dabei, und es
wäre eine tiefe Mißachtung all dessen, was sie heute schon geleistet
hat, würde ich sie nun allein weiterarbeiten lassen. Ich helfe ihr,
und im Nu ist die Arbeit getan. Schreit ein Kind in der Nacht, kann
ich genau so gut aufstehen wie meine Frau und es beruhigen. Darauf
bin ich stolz, daß meine Kinder mich genauso gern haben wie ihre
Mutter. In diesen Momenten geht es mir wirklich gut - da weiß ich,
daß ich etwas erreicht habe - die Zuneigung der ganzen Familie.
Mein Lernprozeß geht unaufhaltsam weiter - ich kann nun schon Mülltrennen
ohne Aufsicht. Ich darf allein Einkaufen gehen und mir ab und zu
eine kleine Belohnung mitnehmen. Beim Arzt bin ich mit den Kindern
gern, bei Schulproblemen kann ich nun auch schon helfen. Jetzt weiß
ich, was gut gehen heißt - ohne Gewissensbisse, ohne Wegsehen -
mitzuhelfen im gemeinsam Haushalt. Das Vertrauen in mich wächst
ins uferlose, wenn ich fallweise ganz allein mit den Kindern zu
Hause bin und meine Frau einige Stunden Entspannung von der Familie
sucht. Wird meine Frau zukünftig wieder berufstätig, steht einem
gemeinsamen Führen des Haushaltes - jeder nach seinen Fähigkeiten
- nichts mehr im Weg. Das ist Zusammenleben der 90er-Jahre - gegenseitige
Achtung, Rücksicht auf individuelle Wünsche, so kann Familie auch
im nächsten Jahrtausend funktionieren.
Entnommen aus „Neulengbach aktuell“ von Gerhard Prochazka
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Seit ich mich mehr mit den Kindern beschäftige, verstehe ich ihre
Probleme besser
„Schreit ein Kind in der Nacht, kann ich genauso gut aufstehen
wie meine Frau und es beruhigen“
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