Bauerntag in Seitenstetten
Im repräsentativen Rahmen des Maturasaales von Stift Seitenstetten,
trafen sich auch heuer wieder die Bäuerinnen und Bauern aus dem
Mostviertel, um unter dem Generalthema „Gebet und Arbeit“, ihren
religiösen und wirtschaftlichen Gegebenheiten und Sorgen nachzuspüren.
- Hubert Müller -
Bischofsvikar Kan. Wilfried Kreuth behandelte das Thema aus theologischer
Sicht und von den praktischen Auswirkungen der gesellschaftlichen
und kirchlichen Entwicklungen unserer Zeit.
Er wies auf das seit dem 2. Vatikanum veränderte Kirchen- und
Gottesbild hin, das weniger den strafenden, als vielmehr den gütigen,
liebenden und barmherzigen Gott in den Vordergrund stellt.
Aus dieser Sichtweise ist es heute nicht mehr möglich, mit
Verboten und Geboten die Menschen zu einem religiös geprägten
Leben anzuhalten, als viel mehr aus dem gelebten Beispiel und Vorbild
heraus, das Bedürfnis nach religiöser Betätigung
und Beheimatung zu wecken, z.B. für junge Menschen die Mitfeier
der Sonntagsmesse und das Erleben des Wertes der Sonntagsruhe.
Das Gebet hat in erster Linie die Feier des Sonntags als Tag der
Arbeitsruhe, der Gemeinschaft und der Auferstehung zu prägen,
wobei die sonntägliche Eucharistiefeier die Mitte dieses Feiertages
darstellt.
Unser Beten ist aber auch Antwort auf das, was Gott uns immer schon
gegeben hat, es muß daher zunächst einmal Anbetung bzw.
Lobgebet sein und erst in weiterer Hinsicht auch Bitt- und Dankgebet.
Beten heißt auch Zeit nehmen für Gott, was durch feste
Gebetszeiten erleichtert wird, durch Morgen- oder Abendgebet, durch
das Tischgebet, durch die vom gemeinsamen Gebet geprägten Zeiten
im Kirchenjahr mit ihren verschiedenen Andachtsformen, wie Herbergsuche
im Advent, Kreuzwegandachten in der Fastenzeit und Maiandachten,
die Feier der Bittage und vieles mehr!
Arbeit darf man nicht als vom Gebet abgehobene getrennte Tätigkeit
sehen, sondern als gegenseitige Ergänzung.
So liegt der Sinn der Arbeit nicht nur in der Beschaffung des Lebensunterhaltes,
den wir ja auch in der Vater Unser Bitte: Gib uns das tägliche
Brot erbitten, sondern sie ist auch Teilnahme am Schöpfungswerk
Gottes, ein Mitwirken an der Vollendung der Welt, eine Möglichkeit
der Begegnung mit Jesus, dem Arbeiter und des Zuganges zu Gott,
wenn man etwa die vielfältigen Gleichnisse in der Bibel aus
der Arbeitswelt zu Jesu Zeiten betrachtet.
Der Nachmittag war der Thematik der wirtschaftlichen Entwicklungen
unserer Zeit gewidmet. Der Generaldirektor der oberösterr.
Raiffeisenlandesbank Dr. Ludwig Scharinger ging zunächst auf
den Untertitel seines Themas ein und stellte fest, daß man
durchaus nicht so sicher sagen könne, ob in den wirtschaftlichen
Entwicklungen wirklich die Großen alle Kleinen schlucken,
aber mit Sicherheit ist festzustellen, daß in der sich rasch
verändernden Wirtschaftswelt die Schnellen gegenüber den
Langsamen, die Mutigen gegenüber den Ängstlichen und die
Veränderungsbereiten gegenüber den Bewahrern,
sich durchsetzen werden. Allerdings ist es wichtig, daß die
jeweils ersteren sehr profunde Wertvorstellungen haben müssen,
wenn der Mensch und nicht das Gebet im Zentrum des wirtschaftlichen
Geschehens stehen soll.
Die in den letzten 10 Jahren stark gestiegenen Freiheiten der Menschen
und der Wirtschaft in Europa, erfordert eine klare Orientierung
an Werten und den absoluten Willen zur Solidarität und Subsidiarität.
Dr. Scharinger wies darauf hin, wie sehr auch im agrarischen Bereich
und in den zwischenmenschlichen Beziehungen der Bauern, diese Werte
gelebt werden müssen!
Die Bewältigung der agrarischen Probleme die auf uns zukommen,
sieht Scharinger im Aufbau starker Marken bei der Verwertung landwirtschaftlicher
Rohprodukte, mit denen man dann in die Verkaufsregale in- und ausländischer
Handelsketten kommen kann, weiters in der Verfolgung der notwendigen
Billigschiene bei landwirtschaftlichen Erzeugnissen, weil lt. Erhebungen
über das Einkaufsverhalten der Konsumenten 72 % nach der Billigware
greifen und leider nur 28 % auf die teurere Marken- und Bioware.
Die dritte Komponente der Direktvermarktung bäuerlicher Produkte
dürfte für kaum mehr als 15 % der landwirtschaftlichen
Betriebe eine sinnvolle Alternative darstellen, einerseits vom Einkaufsverhalten
der Konsumenten her, andererseits auch von der oft unzumutbaren
Belastung für bäuerlichen Familien, insbesondere der Frau.
Eine klare Absage gab der Referent der oft spürbaren Resignation
und dem Jammern über gegebene Zustände, da damit überhaupt
nichts verbessert oder gelöst wird. Es sei vielmehr wichtig
sich den nächstliegenden Aufgaben zu stellen, mehr Mut machen
statt mies machen und mit Hirn, Herz und Hand an die Dinge herangehen
die zu bewältigen sind. Das heißt mit Verstand, mit innerer
Überzeugung und Freude (Motivation) und mit der Bereitschaft
auch schwierige Probleme anzufassen. Wir brauchen heute vor allem
Menschen, die nicht nur reden, sondern auch vorbildhaft handeln
und Orientierung geben, meinte Scharinger abschließend.
In der Diskussion zu beiden Referaten wurden viele heiße Eisen
der Agrarpolitik, aber auch der kirchlichen Situation angeschnitten
und über ihre Auswirkungen und Lösungen debattiert.
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Beten heißt auch Zeit nehmen für Gott, was durch feste Gebetszeiten
erleichtert wird
In der sich rasch verändernden Welt werden sich die Schnellen
gegenüber den Langsamen, die Mutigen gegenüber den Ängstlichen durchsetzen
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