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   Das Online Magazin der Katholischen Männerbewegung St. Pölten
     

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Wer ist ein Fundamentalist?

Wird jemand als Fundamentalist bezeichnet oder eine Gruppe als fundamentalistisch charakterisiert, ist fast immer derselbe Aufschrei zu hören: Wir verteidigen eben die Grundsätze und Fundamente unserer Weltanschauung oder unseres Glaubens.

- Pfr. Karl Gravogl -

Wenn das Fundamentalismus ist, dann sind wir gerne Fundamentalisten. Aber so einfach kann das wohl nicht sein. Jeder von uns hat etwas, was ihm „heilig“ ist, was er mit Überzeugung vertritt und wenn nötig auch verteidigt. Aber deshalb sind wir noch lange keine Fundamentalisten. Es muß sicher näher hingeschaut werden, welche Werte und Überzeugungen vertreten werden (ob es tatsächlich die fundamentalen sind), und vor allem wie sie vertreten werden.

Wo kommt der Begriff Fundamentalismus her?

Seit in Persien der Schah vertrieben wurde und Ayatollah Comeini mit den Mullahs den islamischen Gottesstaat zu errichten begann, ist uns der Fundamentalismus im Islam ein Begriff geworden. In Deutschland hat man bei den Grünen von „Fundis“ und „Realos“ gesprochen, und auch von „katholischen Fundis“ ist immer öfter die Rede. Der Begriff geht wahrscheinlich auf die in den USA ab dem Jahre 1910 von protestantisch-evangelikalen Kreisen verbreitete Zeitschrift „The Fundamentals“ zurück. Unter den später formulierten „Five Fundamentals“, den fünf von diesen Christen als fundamental gesehenen Glaubenswahrheiten, gehört die Lehre von der Verbalinspiration und Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift. Bibeltexte wurden und werden heute noch von den Vertretern dieses „historischen“ Fundamentalismus wortwörtlich genommen (Bibelfundamentalismus). Die historisch-kritische Auslegung der Bibel,die heute in den Großkirchen unumstritten ist, wird abgelehnt: auch Hymnen, Bilderzählungen und Allegorien werden gelesen wie historische Berichte. Ein Paradebeispiel ist das Schöpfungslied in Genesis 1, auf der ersten Seite der Bibel, wo die Erschaffung der Welt in sechs Strophen besungen wird. Bibelfundamentalisten, von den christlichen Sondergruppen (Sekten) über die Baptisten zu den anderen freikirchlich-evangelikalen Christen, sind überzeugt: Gott hat die Welt in sechs Tagen erschaffen, und die Menschheit ist erst an die 6000 Jahre alt. Wenn die Naturwissenschaft von Milliarden Jahren spricht, dann irrt sie eben. Und wer diesen Glauben nicht teilt, der ist kein wahrer Christ und kann auch nicht gerettet werden. Diese Gruppen sind in den USA relativ stark. Vor einigen Jahren forderten sie eine gesetzliche Regelung dafür, daß die Schüler nicht nach den Erkenntnissen der Naturwissenschaft, sondern nach (ihrem Verständnis) der Bibel unterrichtet werden sollten. Interessant ist, daß dieser Fundamentalismus schon in den 20er Jahren die Vertreter der gesellschaftlich-sozialen Auslegung, des Evangeliums als „Feinde“ gesehen hat. Nicht nur die Verteidigung des „wahren“ Glaubens, auch die Erhaltung bestimmter (oft autoritärer) Gesellschaftsformen ist das Ziel. Die US-Regierung hat lange Zeit fundamentalistische Gruppen und Sekten massiv unterstützt und nach Mittel- und Südamerika geschickt, damit diese dort das gesellschaftspolitische Engagement der katholischen Kirche (Befreiungstheologie) zurückdrängen.

Warum der starke Trend zum Fundamentalismus?

Thomas Mayer (Fundamentalismus, rororo aktuell 1989) spricht von einem „Aufstand gegen die Moderne“. Vor der Zeit der Aufklärung bildeten Welterklärung, Lebensführung und die Erwartung des Heils eine Einheit In den letzten Jahrhunderten - und diese Entwicklung hat in den letzten Jahrzehnten alle Schichten der Bevölkerung erfaßt - sind diese Bereiche auseinander gefallen. Die Menschen wissen viel mehr, haben viel mehr Freiheit in der Lebensführung, mehr Chancen zur persönlichen Entfaltung, aber in der Suche nach Halt und Orientierung, nach Geborgenheit und Tröstung werden sie allein gelassen, auf sich selbst zurückgeworfen. Nicht wenige sind durch die gewonnene Freiheit überfordert, sehen ihre Identität bedroht. Gotthard Fuchs (Wiesbaden) hat die Sehnsucht, aber auch die Angst vieler Menschen unserer Zeit in folgenden Bereichen festgestellt:
* Die Sehnsucht nach Gewißheit und die Angst vor Veränderung.
* Die Sehnsucht nach Einheit und die Angst vor der Vielfalt.
* Die Sehnsucht nach Entschiedenheit und die Angst vor der Offenheit.
* Die Sehnsucht nach Geborgenheit und die Angst vor dem Erwachsenwerden.
* Die Sehnsucht nach Bewahrung und die Angst vor dem Neuen.
* Die Sehnsucht nach Führung und die Angst vor der Freiheit.
Bei so viel unerfüllter Sehnsucht und so vielen Ängsten liegt die Versuchung nahe, in Schein-Sicherheiten zu flüchten. Der Fundamentalismus bietet sich dafür an.

Gibt es einen „katholischen Fundamentalismus“?

Fast zur selben Zeit wie evangelikale Christen in den USA hat auch die Leitung der katholischen Kirche auf den Liberalismus und die Wissenschaftsgläubigkeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts (z.B. Darwinismus) mit Einigelung und Verboten reagiert.

Der berühmt-berüchtigte „Syllabus“ Pius IX. und die Enzyklika Pius X. (1907) markieren diesen (Irr-)Weg der Kirche. Diese Form des katholischen Fundamentalismus nennt man Antimodernismus oder Integralismus. Alle Theologen und alle Priester mußten bis knapp vor dem II. Vatikanischen Konzil den „Antimodernisten-Eid“ ablegen. Mit dem II. Vatikanischen Konzil ist die Kirche einen anderen Weg gegangen, den Weg des Dialogs, den Weg des offenen Gesprächs mit den Wissenschaften und den Strömungen der Zeit. Die zentralen Wahrheiten und Fundamente unseres Glaubens wurden dabei keineswegs verlassen. Im Gegenteil: sie wurden neu entdeckt und hervorgehoben. Der Ernst und die Forderungen, aber auch die Schönheit und Faszination des Evangeliums und der Reichtum unserer katholischen Tradition wurden neu entdeckt und den Menschen unserer Zeit nahe gebracht. Eine zwar kleine, aber nicht unbedeutende Gruppe von Katholiken wollte (oder konnte von ihrer Persönlichkeitsstruktur her) diese entwicklung nicht mitmachen. Sie betrachteten alles in der Kirche, wie sie in den letzten Jahrhunderten geworden war, als unaufgebbar, auch die lateinische Sprache und die bis ins kleinste vorgeschriebenen Riten der Meßfeier. Das II. Vatikanische Konzil wurde nicht nur abgelehnt, sondern als der große Sündenfall der Kirche gesehen und regelrecht „verteufelt“; durch die Zulassung der Handkommunion ist der „Rauch Satans“ in die Kirche eingedrungen;- Fundamentalismus in Reinkultur. Erzbischof Lefebvre wurde nach unerlaubten Bischofsweihen mit der von ihm gegründeten Priesterbruderschaft Pius X. aus der Kirche ausgeschlossen. Andere konnten durch Zugeständnisse in der Kirche gehalten werden (Petrusbruderschaft), haben aber ihre fundamentalistischen Positionen weithin beibehalten.

Wie zeigt sich „katholischer Fundamentalismus“?

Dazu kommt, daß stark fundamentalistisch geprägte kirchliche Gruppen wie das „Opus Dei“, in den letzten Jahren von Rom sehr gefördert wurden ihrerseits den Einfluß auf Papst und Kurie verstärkten. Nicht wenige Bischofsernennungen dürften ein Produkt dieses Einflusses sein. Beobachter der innerkirchlichen Entwicklung der letzten Jahre meinen: Der katholische Fundamentalismus ist nicht nur als Randerscheinung bei bestimmten Gruppen anzusiedeln, er ist in der Mitte der Kirche aufgebrochen. Einige Schreiben der Glaubenskongregation, auf die hier nicht näher eingegangen werden kann, sind ein Indiz für diese Entwicklung.

Was ist charakteristisch für den Fundamentalismus?

Eingangs haben wir uns zwei Fragen gestellt, ob a) tatsächlich die fundamentalen Werte verteidigt werden und b) wie sie verteidigt werden.

a) es ist kennzeichnend für den Fundamentalismus, daß er nicht zwischen Wesentlichen und Unwesentlichen unterscheidet, sich auf nebensächlichen Dingen fixiert und sie verteidigt, als ginge es um Leben und Tod. Genauso wie der Traditionalist nicht die ganze Tradition sieht, sondern einen Teil der Tradition absolut setzt, so hat auch der Fundamentalist weithin nicht die wirklichen Fundamente und zentralen Wahrheiten im Blick, sondern das, was er für unveränderlich und unaufgebbar hält (z.B. das Latein in der Liturgie, die Zelebration mit dem Rücken zum Volk u.a.m.). Typisch ist auch, daß negative Entwicklungen in Kirche und Gesellschaft, die sicher viele Ursachen haben, an einem oft unbedeutenden Faktum festgemacht werden. In nicht wenigen Kleinschriften oder Leserbriefen wird behauptet: Weil der Papst die Handkommunion erlaubt hat, darum hat der Niedergang der Kirche begonnen und ist nicht aufzuhalten.

b) Der Fundamentalismus kann es nicht zulassen, daß auch nur irgend ein Teil seines Gedankengebäudes in Frage gestellt wird, sonst würde für ihn alles zusammenbrechen. Er lehnt darum nicht nur jede Kritik, sondern auch jedes offene Gespräch ab; er ist unfähig, einen Dialog zu führen. Fundamentalisten polarisieren, grenzen aus, sehen im Andersdenkenden den „Gegner“, den sie nicht selten beschimpfen, verurteilen und verteufeln. Die Beiträge und Leserbriefe in der Zeitschrift „der 13.“ sind ein sprechendes Anschauungsmaterial für diese Geisteshaltung. Aber auch sogenannte Progressive können fundamentalistisch sein, wenn sie ihren Standpunkt absolut setzen und nicht mehr in Frage stellen lassen. Was meist nur verbal geschieht, kann gefährlich werden, wenn Fundis zur Tat schreiten. In den USA haben fundamentalistische „Lebensschützer“ Mordanschläge auf Abtreibungsärzte verübt. Religiöse Fundamentalisten lehnen jede Ökumene und jedes Gespräch mit anderen Religionen ab. Als der Papst vor 10 Jahren in Assisi mit Vertretern aller christlichen Konfessionen und anderer Religionen zum Friedensgebet zusammenkam, wurde er von Evangelikalen und Lefevreanern in gleicher Weise verteufelt.

Wo und wie sind wir durch den Fundamentalismus herausgefordert?

Die Nr. 104 der Zeitschrift „Bibel heute“, aus der ich viele Elemente für meinen Beitrag entnommen habe, bringt Auszüge aus der Ansprache Johannes XXIII. „Gaudet Mater Ecclesia“ zur Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils (11.10.1962). Auch hier einige Gedanken aus der Rede dieses großartigen Papstes, die auch heute noch, fast 40 Jahre später, als Antwort auf die Herausforderung durch den Fundamentalismus in unserer Kirche gelten können: Absage an die Unglückspropheten, die undifferenziert nur das Negative in der Entwicklung der Kirche sehen. Nicht nur den Schatz des Glaubens bewahren, als ob wir uns nur um Altertümer kümmern würden, sondern mit Eifer und ohne Furcht an die Aufgaben gehen, die die Zeit erfordert. Einen Sprung nach vorwärts machen zu einem vertieften Glaubensverständnis. Irrtümern nicht mit Strenge begegnen, sondern eher als Heilmittel der Barmherzigkeit gebrauchen. Mehr Beachtung für den überragenden Wert und die Würde der menschlichen Person. Absage an jede Gewalt. Nach diesen Grundsätzen zu leben bleibt eine Aufgabe, der wir uns jeden Tag neu zu stellen haben.

 
 


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    Die KMB ist eine Gliederung der Kath. Aktion der Diözese St. Pölten
verantwortlich für den Inhalt: Josef Muhr