Ist der Sonntag noch zu retten?
„Ich glaube, der Sonntag ist schon gefallen. Es ist die Frage,
ob er überhaupt noch zu retten ist.“ Diese Ansicht vertrat der Linzer
Pastoraltheologe Dr. Wilhelm Zauner bei einer Podiumsdiskussion
am Vorabend des 1. Mai in St. Pölten, mit der die KMB der Diözese
St. Pölten einen inhaltlich interessanten Beitrag zur Diskussion
um die Sonntagsarbeit leistete.
- Mag Leopold Schlager -
„Ich trete für die Erhaltung des Sonntags ein, weil er ein Kulturgut
ist, das zwar keine christliche Wurzel hat, aber eine Neuschöpfung
der Christen ist,“ stellte Zauner fest. Er verglich die kulturelle
Errungenschaft des Sonntags mit einem über Jahrtausende gewachsenen
Baum und fügte hinzu: „Ich bin ganz dagegen, daß dieser große Baum
jetzt umgeschnitten wird.“ Der Mensch hat sich dieses Kulturgut,
bei dem es um eine Rhythmisierung der Zeit geht, selber gegeben.
Die Menschheit habe das Kulturgut Sonntag heute „in einer Weise
nötig, wie es früher nicht war“, es sei „so unerläßlich, daß ich
mit schwersten Schäden rechnen würde, wenn die Menschen diesen Rhythmus
verlieren“. „Auch ich bin grundsätzlich gegen die Sonntagsarbeit
eingestellt. Ich denke, wir sollten retten, was zu retten ist“,
sagte Kommerzialrat Ing. Josef Schirak als Vertreter der Sektion
Handel der NÖ Wirtschaftskammer. Es ist so, daß wir uns in weiten
Teilen der Wirtschaft einen arbeitsfreien Sonntag vorerst sehr wohl
leisten können. Eine Notwendigkeit zur Öffnung am Sonntag könnte
sich sehr wohl aber „aus Gründen des Wettbewerbs“ ergeben. „Wir
müssen versuchen, wettbewerbsfähig zu bleiben.“ „Daß der Sonntag
frei ist, ist für mich kein Thema“, stellte der Diözesansekretär
der Kath. Arbeiter/innen-Jugend St. Pölten, Christian Haslauer,
fest. „Wenn, dann geht es darum, daß Samstag und Sonntag frei ist.“
Aber er meinte auch: „Es gibt Arbeit, die den Sonntag zum Sonntag
macht.“ Als Kernpunkt des Sonntags kristallisierte sich die Sinnfrage
heraus. KMB-Obmann DI Dr. Leopold Wimmer pointiert: „Das ist das
Kernthema des Sonntags: daß der Mensch wieder zu sich selbst und
- da der Mensch nicht in sich selbst ruht - wieder zu Gott finden
kann.“ Und es geht nicht um irgendeinen freien Tag, sondern um einen
gemeinsamen. Die Sinnentleerung des Sonntags dürfe nicht einfach
den „bösen Großkapitalisten“ zugeschrieben werden, meinte auch das
Vorstandsmitglied der Kath. Arbeitnehmerbewegung Österreichs (KABÖ)
Karl Ebner, sondern wir, die Christen, „müssen uns fragen: Was haben
wir getan, daß wir den Sinn des Sonntags entleert haben?“ Als Symptome
der „Sinnentleerung“ nannte der Psychiater Dr. Dietmar Jünger Suchterkrankungen
und das „Zumachen“, das die Sinnleere überbrückt. Es sei gefährlich,
wenn im Bild gesprochen das Dach nur auf einer Säule ruht, ob sie
nun Arbeit oder Konsum heißt. Für KMB-Obmann Wimmer ist das ein
Anstoß, Arbeit als sinnerfüllend zu erleben, denn „der Sinn kommt
vom Menschen her. Das ist die Kontraposition zu „Reich und schön“:
daß der Mensch als Gottes Bild zählt.“
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