Globalisierung - Chance oder Fluch?
Eines der häufigsten Schlagwörter der Gegenwart ist das Wort von
der Globalisierung. Kein Vortrag über wirtschaftspolitische Fragen,
kein Fachartikel zu Themen der Wirtschaft und des Handels kann auf
dieses Wort verzichten. Dabei könnten die Meinungen zu diesem Thema
gegensätzlicher nicht sein.
- Ing. Hubert Müller -
Die einen sehen in diesem Wort die Lösung aller Probleme, das Anbrechen eines
goldenen Zeitalters; die anderen wieder befürchten mit dieser Entwicklung
den Anfang vom Ende, den Untergang der Zivilisation schlechthin.
Entwicklung der Globalisierung
Was verbirgt sich hinter dem Begriff „Globalisierung“? Wir beobachten
zunächst einen schon seit Jahrhunderten bestehenden, in den letzten
Jahrzehnten besonders auffälligen Trend zu wachsender Kommunikation,
zur Aufnahme von Beziehungen, zur Zusammenarbeit zwischen Völkern
und Staaten, wirtschaftlich und politisch, über Landesgrenzen und
Kontinente hinweg. Die großen Kriege unseres Jahrhunderts mit dem
Irrweg der nationalistischen Ideologien haben diesen Trend zur Zusammenarbeit,
vor allem nach dem 2. Weltkrieg zunehmend verstärkt. Der lange Weg
der europäischen Einigung in den vergangenen 50 Jahren, bestätigt
diese Entwicklung und man kann feststellen, daß für die Länder Europas
die Globalisierung zunächst eine „Europäisierung“ war und noch ist.
Dies zeigt uns etwa die Entwicklung der Außenhandelsbeziehungen,
wenn z.B. Deutschland über 70%, oder Österreich mehr als zwei Drittel
der Importe und Exporte mit Ländern der EU tätigt. Trotzdem darf
nicht außer acht gelassen werden, daß sich die wirtschaftlichen
Beziehungen in Zukunft zunehmend über Kontinente hinweg entwickeln
werden. Dies schon allein deshalb, weil sich die politischen Rahmenbedingungen
seit der großen Wende im Jahr 1989, wesentlich geändert haben. Aber
auch die rasante Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologien
verstärkt die weltumspannende Veränderung der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik.
Das Internet kennt keine Grenzen mehr, und ermöglicht den weltweiten
Zugriff zu Informationen, Daten und Einflußnahmen verschiedenster
Art.
Motor dieser Entwicklungen
Motor dieser Entwicklungen ist aber im letzten der Mensch als Konsument,
als Investor und Kapitalanleger. Jeder, der zum Frühstück Kaffee
aus Kolumbien, Orangensaft aus Südafrika trinkt, jeder der eine
Kamera aus Japan verwendet, Textilien aus Taiwan trägt, nützt die
int. Verflechtung und Arbeitsteilung und beschleunigt sie. Wer sein
Geld anlegen will, sucht sich eine Investmentgesellschaft, die eine
möglichst hohe Rendite verspricht und die das Geld rund um den Globus
dort investiert, wo möglichst hohe Kapitalerträge erwartet werden.
So sind es die vielen individuellen Kaufentscheidungen, Anlage-
und Investitionsmöglichkeiten, die die Globalisierung vorantreiben.
Kein Wunder daher, daß am Außenhandel orientierte Unternehmungen
heute nicht mehr national, sondern global denken und handeln. Kennzeichen
dafür ist der Anstieg des Volumens an Direktinvestitionen von zunächst
nationalen Firmen und Konzernen in den verschiedensten Ländern rund
um den Erdball. So betrug das Ausmaß dieser Investitionen 1980 rund
519 Mrd. Dollar, 1990: 1.691 Mrd. und 1996 bereits 3.178 Mrd. Dollar.
Vor allem sind es große Konzerne der Industrieländer, die ihre Produkte
rund um den Globus fertigen lassen. Was dabei zählt, sind die niedrigeren
Löhne und Produktionskosten, sowie die Präsenz auf den Auslandsmärkten
durch eigene Tochterfirmen.
Gefahren der Globalisierung
Globalisierung ist vor allem eine weltweite Vernetzung wirtschaftlicher
Interessen, die selbst unter zunehmenden Druck des int. Wettbewerbes
stehen und alle Entscheidungen nach rein ökonomischen Gesichtspunkten,
ohne Rücksicht auf soziale Auswirkungen treffen. Was zählt, ist
der höchstmögliche Gewinn, der mit Hilfe von Standortvorteilen gegenüber
Mitbewerbern am Weltmarkt erzielt wird. Damit aber wird die ursprünglich
positive Entwicklung weltweiter Zusammenarbeit und Arbeitsteilung
durch die Ausrichtung auf reines Gewinnstreben zunichte gemacht,
da es nicht nur Gewinner, sondern zunehmend auch Verlierer dieser
rein kapitalistischen Wirtschafts- und Handelsbeziehungen gibt.
Globalisierung dieser Form nützt vor allem denen, die in ihrem wirtschaftlichen
Handeln mächtig genug sind, die viel Kapital haben und so ihre wirtschaftliche
Macht auch nach dem Motto „die Schnellen fressen die Langsamen“
bedenkenlos einsetzen können.
Gewinner und Verlierer
Zu den Gewinnern dieses Systems zählen die Industrie-länder, wie
sich aus den weltweiten Handelsströmen nachweisen läßt. Die große
Masse des Welthandels läuft zwischen Europa, Nordamerika und Ostasien
(vor allem Japan) ab, während der Anteil aller anderen Staaten eher
bescheiden ausfällt, diese bleiben weitgehend „draußen vor der Tür“.
Die Auswirkungen der Globalisierung auf die Entwicklungsländer sind
auch deswegen problematisch, weil sich viele dieser Staaten durch
den weltweiten Wettbewerb um die niedrigsten Produktionskosten,
gezwungen sehen sich gegenseitig bei den Lohnkosten zu unterbieten.
Folge dieses Lohndumpings ist die Verarmung großer Teile der Bevölkerung.
Die Zahl der Menschen, die von Armut und Hunger betroffen sind,
nimmt zu und soziale Spannungen, Bürgerkriegsgefahr, Kriegsgefahr
zwischen einzelnen Ländern sind Folgeerscheinungen. Zu den Verlierern
zählen aber nicht nur Dritte-Welt-Länder. Auch einzelne Regionen
und Bewohner der Industrie-länder sind von dieser Entwicklung betroffen.
Fachleute sehen vor allem Gefahren für die ländlichen Räume mit
ihren derzeitigen Strukturen, ein- schließlich der Landwirtschaft.
Zu den Verlierern zählen auch alle, die keine oder nicht gefragte
berufliche Qualifikationen mitbringen: Arbeitslose, Behinderte,
Kranke, alle, die keinen bezahlten Arbeitsplatz haben usw. Der Einzelne
ist nicht mehr wichtig, im Spiel der Kräfte einer weltweit organisierten
Wirtschaft, in der nur die Höhe der Profite als maßgebliche Größe
anerkannt wird. Das Beispiel der Fa. Semperit zeigt uns diese Abhängigkeiten
und Unsicherheiten für den betreffenden Arbeitnehmer deutlich auf.
Kein Wunder, wenn ein Kritiker bitter meint: „Globalisierung ist,
wenn du deinen Arbeitsplatz verlierst, damit es der Firma gut geht!“
Globalisierung ist steuerbar
Angesichts solcher Situationen stellt sich die Frage: „Wie kann
man solche Negativauswirkungen vermeiden oder wieder reparieren?
Was kann zu einer positiven Entwicklung für die Menschheit führen?“
Der Theologe Prof. Dr. Hans Küng stellt dazu in seinem Buch „Ja
zum Weltethos“ fest: „Die Globalisierung ist kein Naturphänomen,
dem man machtlos gegenüber steht, wie einer aufziehenden Gewitterfront.“
Er fordert eine Globalisierung im Ethischen und stellt die Frage:
„Wie kann eine Welt friedlich und gerecht werden, in der in verschiedenen
Gebieten widersprüchliche ethische Normen und Rahmenbedingungen
gelten?“ Wenn beim gegenwärtigen Globalisierungsprozeß das Gewinnstreben
als wichtigstes Kriterium gilt, dann sind auch weltweit schwere
soziale Konflikte und Krisen, wirtschaftliche Spannungen und politische
Auseinandersetzungen gefährlicher Art vorprogrammiert. Bei den Wiener
Friedensgesprächen 1999 forderte eine Arbeitsgruppe einen eigenen
Unterrichtsgegenstand „Globalisierung“ um damit jungen Menschen
das Rüstzeug mitzugeben, den Chancen und Risiken dieses Prozesses
einmal erfolgreich begegnen zu können. Zu der viel diskutierten
Frage, ob bei diesem Prozeß der „Primat der Politik“ oder eher der
„Primat der Wirtschaft“ Vorrang haben sollte, meinte bei eben dieser
Veranstaltung in Wien, der frühere Mercedes-Chef Edzard Reuter,
er sei zwar ein begeisterter Marktwirtschaftler, aber: die Wirtschaft
stehe im Dienst des Gemeinwohles und dieses sei immer noch Sache
der Politik! Beide Seiten sind also gefordert, um den wirtschaftlichen
Entwicklungen einer weltweit kapitalistischen Wirtschaft steuernde
Grenzen zu setzen.
Aufgaben für die Kirche
Einerseits die christlichen Kirchen als einzige wirklich weltumspannende
Institutionen, deren Auftrag ja von Christus her ein globaler ist!
(„Geht hinaus in alle Welt und lehret alle Völker ...) Wer, wenn
nicht die Kirche, hat die grundlegende Kompetenz, auf die Gefahren
eines schrankenlosen Kapitalismus hinzuweisen? Wer, wenn nicht die
Kirche, hat auf die Verantwortung in Wirtschaft und Politik gegenüber
den Menschen in aller Welt hinzuweisen; auf die Verantwortung der
Ökonomie gegenüber den verschiedensten Nationen, gegenüber ökologischen
und gesellschaftspolitischen Erfordernissen? Wer, wenn nicht die
Kirche, hat mahnendes Gewissen zu sein für die politischen Entscheidungsträger
und für die ethische Verantwortlichkeit der Ökonomen gegenüber dem
Menschen als Subjekt der Arbeit und nicht als beliebig einsetzbares
Objekt? (Siehe Enzyklika „Laborem exercens, Papst Johannes Paul
II, 1981)
Forderungen an die Politik
Andererseits sind aber auch die politischen Kräfte, vor allem der
demokratischen Länder gefordert, genau diese ethischen Fragen in
ihren gesetzgebenden Funktionen zum Wohl der Menschen zum Tragen
zu bringen. Eine global geltende Rah-menordnung etwa für die Finanzmärkte
gehört hier ebenso berücksichtigt, wie die allmähliche Angleichung
der Standards hinsichtlich der Sozial-, Umwelt- und Steuergesetzgebung
über Ländergrenzen hinweg! Vor allem gilt es, die Verlierer der
Globalisierung, so wie sie sich derzeit darstellen, nicht allein
zu lassen. Dies gilt sowohl für die Menschen im eigenen Land, die
z.B. als Arbeitslose allzuleicht ausgegrenzt werden, wie für Menschen
in den Ländern der 3. Welt, denen oft genug gerechte Entlohnung
und menschenwürdige Behandlung verwehrt werden. Es wird an den Menschen
liegen, ob sich der Trend zur Globalisierung als Chance oder als
Fluch erweist, ob es gelingt, nicht nur eine wirtschaftliche, sondern
auch eine ethische Globalisierung zum Wohle aller Menschen zu erreichen!
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