Solidarität - Fundament einer menschlichen Gesellschaft
Ein bestimmtes Maß an Solidarität ist Voraussetzung für ein friedliches
Zusammenleben in einer Gesellschaft. Solidarität ist mehr als bloße
Toleranz. Sie hilft Gegensätze und Spannungen zu überwinden.
- Hans Ströbitzer -
Ja, sie gehört zum Fundament einer menschlichen Gesellschaft.
Im Grunde ist die Solidarität in seinem Begriffsinhalt weitgehend
„nur“ ein anderes Wort für Nächstenliebe. Und würden wir uns alle
(einigermaßen) an die 10 Gebote halten, es wäre nicht schwer, „Wege
zu einer solidarischen Politik“ zu finden und zu gehen, wie sie
Univ.-Prof. Paul Zulehner in der im Tyrolia-Verlag herausgebrachten
Studie zeichnet.
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Die Studie des Ludwig-Boltzmann-Institutes für Werteforschung,
an der neben Zulehner auch der Politologe Anton Pelinka, sowie Hermann
Denz und Reinhard Zuba mitgearbeitet haben, kommt übrigens zu dem
Schluss, dass Österreichs Wähler in so manchen Bereichen zu mehr
Solidarität bereit wären als die von ihnen gewählten Parteien dies
verlangen. Jedenfalls gibt es zwischen den Parteien und deren Wählern
mitunter Unterschiede im Solidarverhalten. Die ÖVP-Wähler zeichnen
sich durch ein hohes Solidaritätspotenzial aus. Die Volkspartei
hat einen beachtlichen Anteil an Wählern mit kirchlicher und religiöser
Bindung. Die Bereitschaft zur Solidarität, heißt es in der Studie,
werde von ihrer Partei nur teilweise genützt, speziell gegenüber
Flüchtlingen sowie bei Maßnahmen der Umverteilung und der Resozialisierung.
Bei Ausländern, Arbeitslosen und sozial Schwachen zeige sich die
Parteispitze allerdings solidarischer als die Basis. Deutlich weniger
Solidarität findet man laut Studie bei den SPÖ-Wählern. Sie zeigen
etwa deutlich weniger Bereitschaft zu Solidarität mit Arbeitslosen
und sozial Schwachen am Arbeitsplatz als die Parteispitze - vor
allem SPÖ-Gewerkschafter treten hier für mehr Solidarität ein. Auch
gegenüber Flüchtlingen und Ausländern ist die Solidaritätsbereitschaft
bei SPÖ-Wählern nicht allzu groß. Daher versucht die Parteispitze
durch „widersprüchliche Wortmeldungen“ eine „zu deutlich demonstrierte“
Solidarität mit diesen Gruppen zu vermeiden, um nicht Stammwähler
zu verärgern, stellen die Autoren der Studie fest.
Die „Unsolidarischen“
Man bräuchte keine Untersuchung, um festzustellen, dass es heute
auch eine breite Schichte von Mitbürgern gibt, die von Solidarität
nicht viel wissen wollen. Die Studie ortet die größte Zahl an „Unsolidarischen“
bei den FPÖ-Wählern. Demnach machen sie bei diesen 42 Prozent aus,
bei der SPÖ sind es immerhin auch ein Drittel. Beim Liberalen Forum
stellen die „Unsolidarischen“ ein Viertel der Wähler, bei der ÖVP
sind es dagegen nur 18 Prozent, bei den Grünen noch weniger. Kein
gutes Zeugnis stellt die Studie der FPÖ-Parteispitze in Sachen Solidarität
aus: „Sie kommt in ihrer Ablehnung von Ausländern und dem Verunglimpfen
von Arbeitslosen und sozial Schwachen als Sozialschmarotzer der
Stimmung der Wähler voll entgegen.“ Allerdings werden manche Sozialpotentiale
nicht ausgeschöpft: ein Drittel der Wähler zeige sich fernsolidarisch
was von der Partei kaum berücksichtigte werde. FPÖ-Wähler zeigen
auch deutlich mehr Zustimmung zur Umverteilung als die Parteispitze
mit ihren wirtschaftsliberalen Ansätzen. Die liberalen Wähler zeigen
sich stark „fernsolidarisch“, was mit den Aussagen der Parteispitze
zu Flüchtlingshilfe und Ausländern übereinstimmt. Wenig Solidaritätsbereitschaft
gibt es gegenüber Arbeitslosen. In Fragen Umverteilung und Familie
sind die LIF-Wähler toleranter als die Partei. Hohe Werte an Solidaritätsbereitschaft
in „Nah und Fern“ weisen die Grünen auf. Hier kommt die Parteispitze
den Wünschen der Basis in ihren Forderungen voll entgegen.
Für „Ungeborene“
Es ist verständlich, dass diese grundsätzlichen Feststellungen
nur recht allgemein das Solidaritätsverhalten von Parteien und deren
Wählern umschreiben können. Auch ein hier als „unsolidarisch“ eingestufter
Bürger kann in konkreten Fällen solidarisch sein und Hilfsbereitschaft
zeigen. So etwa wenn es darum geht, einer durch einen tragischen
Todesfall in Not geratenen Familie in seiner Nachbarschaft unter
die Arme zu greifen. Und würden nicht immer wieder auch manchen
„Unsolidarischen“ die Aufrufe zur Linderung von Not und Leid unter
die Haut gehen, wären die Österreicher nicht „Weltmeister“ im Spenden
- wie das die Aktionen „Licht ins Dunkel“ und vor allen „Nachbar
in Not“ beweisen. Dass das Solidaritätsverhalten der Wähler auch
stark vom jeweiligen Thema abhängt, zeigt die Zulehner-Studie deutlich
auf: So hat es doch etwas überrascht, dass in Bezug auf die Frage
des Lebensschutzes der Ungeborenen drei Viertel der Wähler aller
Parteien sich für „Solidarität mit Ungeborenen“ ausgesprochen haben
und auch für Maßnahmen zur Vermeidung von Abtreibungen. Dieses Ergebnis
ist auch deshalb bemerkenswert, weil die „Fristenlösung“ ja bereits
seit den siebziger Jahren in Kraft ist. Das signalisiert Handlungsbedarf.
Leider denkt hier die SPÖ-Spitze - seit 1970 die Mehrheitspartei
in Österreich - anders als der Großteil ihrer Wähler. Am stärksten
bleibt in dieser Frage die Führung der Liberalen hinter den Solidaritätswerten
ihrer Wähler zurück, auch die FPÖ-Spitze hinkt nach. ÖVP und Grüne
entsprechen hier in ihren Aussagen weithin den Wünschen ihrer Anhänger.
Laut Studie.
Wichtige Rolle
Es ist eine Tatsache, dass die Solidaritätsgesinnung einer Gesellschaft
eine wichtige Rolle für die praktische Politik der Parteien und
damit eines Volkes bildet. Der Bogen spannt sich hier von der Steuerpolitik
(„Umverteilung“) über die Familienpolitik bis zu den Fragen der
gesetzlichen Versicherungen, der Pensionen und der diversen Förderungen
und Ausgleichszahlungen. Die soziale Marktwirtschaft und die soziale
Partnerschaft „made in Austria“ hätten sich ohne einem beachtlichen
Maß an gegenseitigen Verständnis, an Solidaritätsgesinnung nicht
entwickeln können. Allerdings besteht heute die Gefahr, dass durch
den Einfluss einer neoliberalen Gesinnung, durch den raschen Übergang
zu einer globalen Wirtschaft, den weiteren Strukturwandel der Gesellschaft,
dem Anstieg der Alterspyramide und nicht zuletzt der Verdünnung
ethischer Werte der Egoismus des Einzelnen und auch der Interessensgruppen
fröhliche Urständ’ feiert.
Solidaritätskampagne
Prof. Zulehner betont in der Studie, dass es ohne Solidarität keinen
Weg in gerechte, friedliche und freie Verhältnisse gebe. „Ohne Solidarität
haben Frieden und Freiheit keine Chance - nicht in Österreich wie
auch in allen anderen Ländern der Welt“. In Österreich sei noch
immer die Bereitschaft zu solidarischem Verhalten relativ groß.
So sehen 85 Prozent der Bevölkerung „teilen lernen“ als wichtiges
Erziehungsziel an. Freilich beziehe sich die Solidarität vor allem
auf den Nachbarbereich Familie und Arbeitsumgebung. „Sie ist oft
nur als Wunsch, nicht als Tat vorhanden.“ Die beiden „Solidaritätssäulen“
Familie und Sozialsystem seien in der Krise und im Wandel. Doch
es brauche eine ständige neue Balance zwischen wirtschaftlicher
Effizienz und sozialer Absicherung. Der Pastoraltheologe und Wissenschaftler
Prof. Zulehner fordert „nach dem Wahlkampf eine parteiübergreifende
Solidaritätskampagne“, ähnlich der Informationskampagne zum EU-Beitritt.
„Man kann Solidarität auch bewerben.“ In diese „Pädagogik der Solidarität“
sollen auch Medien, Schulen und Kirchen einbezogen werden.
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Appell an die Kirche
Die Kirchen könnten Solidarität nur fördern, wenn sie Menschen
zu einer Religiösität verhelfen, „die Angst mindert“. Von den christlichen
Kirchen wird ein stärkeres gesellschaftspolitisches Engagement anstelle
einer „vorschnellen Spiritualisierung“ und einer bloßen Ich-bezogenen
„Wellness-Spiritualität“ verlangt. Die kirchlichen Jugendorganisationen
müssten dem Land „politisch aktive Leute geben“. Die katholische
Kirche müsse sich wieder dem dramatischen gesellschaftlichen und
kulturellen Wandel stellen. Zulehner forderte in dem Zusammenhang
einen zweiten Sozialhirtenbrief der österreichischen Bischöfe.
Aus „Wege zu einer solidarischen Politik“. (Das
Buch ist zum Preis von S 144,-- im Buchhandel erhältlich)
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