Geld und Ethik:
Es ist nicht egal, was mit meinem Geld geschieht
rufer: Sehr geehrter Herr Doktor, Sie sind Referent bei einer
Veranstaltung zum Thema Geld und Ethik. Gibt es diese Kombination
überhaupt?
Schulmeister: In diesem Zusammenhang möchte ich zunächst zwei Formen
der Verwendung von Geld unterscheiden: Die erste bezieht sich auf
Geld als Tauschmittel. Diese Form des Geldes ist wertneutral. Die
zweite Form von Geld bezieht sich auf das Vermögen, das die Besitzer
nicht in Gestalt von Sachgütern halten - sondern als Geld- oder
Finanzvermögen. Während der Zweck der ersten Form von Geld darin
besteht, dieses auszugeben bzw. einzunehmen, es also „fließen“ zu
lassen, wird Geld in seiner Form als Vermögen in solchen Formen
gehalten, die eine möglichst hohe Rendite abwerfen. Die Existenz
von Finanzkapital und seine „Renditeansprüchlichkeit“ gerät insbesondere
aus folgendem Grund mit ethischen Postulaten in Konflikt: höhere
Renditen können zumeist nur dann erzielt werden, wenn andere Menschen
härter arbeiten und ihre Entlohnung nicht entsprechend ihrer zusätzlichen
Produktivität erhöht wird. Anders gesagt: Geld arbeitet eben nicht,
sondern nur Menschen. Eine „Kombination“ profitabler Finanzveranlagung
und der Verwirklichung ethischer Postulate scheint mir deshalb nicht
möglich: Finanzkapital will möglichst stark vermehrt werden, und
damit steigt auch - nolens, volens - die soziale Ungleichheit, soziale
Ethik zielt aber auf die Unterstützung der Schwachen, also auf weniger
Ungleichheit ab.
rufer: Wer sind jene Sparer und wieviele sind es, die ihr Geld
dennoch auch unter ethischen Gesichtspunkten anlegen?
Schulmeister: Genaue Zahlen darüber gibt es nicht, doch handelt
es sich aus den eben angeführten Gründen um eine verschwindend kleine
Gruppe. Wer mit seinem Geld sozial handeln will, der spendet es
zumeist gleich oder gründet - wenn er sehr reich ist - einen eigenen
Wohltätigkeitsfonds. Dieser ist aber dann überhaupt nicht auf eine
Gewinnerzielung ausgerichtet.
rufer: Welche Möglichkeit hat der kleine Sparer, Einfluß auf
die Weiterverwendung seiner Gelder zu nehmen?
Schulmeister: Praktisch keine. Wenn er sein Finanzvermögen etwa
auf einem Sparkonto hält, so hat er natürlich keinen Einfluss darauf,
wem die Bank einen Kredit gibt und zu welchem Zweck. Ähnliches gilt
für das Halten von Staatsanleihen und die Verwendung der Staatsausgaben.
Am ehesten besteht ein Einfluss dann, wenn man sich direkt an Unternehmen
beteiligt, welche etwa ökologische Projekte wie Energiegewinnung
aus erneuerbaren Ressourcen (z.B.: Wind- und Sonnenenergie) betreiben.
Eine andere Möglichkeit bestünde darin, sein Geld bei einer „Öko-Bank“
zu halten, doch gibt es in Österreich keine solchen Institutionen.
rufer: Muss ich, wenn ich mein Geld in soziale Gerechtigkeit
oder in den Umweltschutz investiere, auf finanzielle Rendite verzichten?
Schulmeister: Im ersten Fall sicherlich, der Einsatz für soziale
Gerechtigkeit ist nun einmal kein „Geschäft“, im zweiten Fall muß
man zumindest merkliche „Abstriche“ in Kauf nehmen.
rufer: Wissen Sie wie die Kirche oder kirchliche Einrichtungen
ihr Geld anlegen?
Schulmeister: Nein, jedenfalls nicht im Detail. Ich bin aber überzeugt,
daß die Kirche in ihrer Eigenschaft als Besitzer von Finanzvermögen
dieses im wesentlichen wie alle anderen „Finanzkapitalisten“ möglichst
gewinnbringend anlegt (etwa über ihrem Einfluss unterstehende Banken).
Sehr geehrter Herr Doktor, wir danken für das Interview!
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Dr. Stephan Schulmeister, Institut für Wirtschaftsforschung, Wien
ist bei der Tagung
„Geld und Ethik“
am 22. und 23. Oktober im Bildungshaus St. Hippolyt,
St. Pölten.
Programm:
Fr 22. Okt. 19.30-22 Uhr: „Wie Geld arbeitet“ Dr. Stephan Schulmeister
Sa 23. Okt. 9-17 Uhr:
„Ethische Geldanlage“
Mag. Reinhard Friesenbichler ab 10.30 Uhr Workshops
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