Der Mann 2000
„Ewig potent!“ Mit so dummen Sprüchen wird derzeit ein Buch vermarktet,
das nicht ganz so dumm ist. Trotzdem hinterlässt der Bestseller
ein zwiespältiges Gefühl.
- Markus Hofer -
Männer und Gesundheit
Keine Frage: Männer gehen oft sorglos mit ihrer Gesundheit um und
pflegen nicht selten einen ausbeuterischen Umgang mit ihrem Körper.
Viele leben nach der alten Devise zwanghafter Männlichkeit, wie
sie Herb Goldberg formuliert hat: Je weniger Schlaf ich benötige,
je mehr Schmerzen ich ertragen kann, je mehr Alkohol ich vertrage,
je weniger ich jemanden um Hilfe bitte, je weniger ich von jemandem
abhängig bin, je mehr ich meine Gefühle kontrolliere und unterdrücke,
je weniger ich auf meinen Körper achte, desto männlicher bin ich.
Männer gehen weniger zum Arzt als Frauen, denn schließlich kennen
Indianer ja keine Schmerzen; und was könnte der von mir denken.
Umgekehrt liegen Männer, wenn sie im Spital sind, dort länger als
Frauen, die Notfallpatienten sind zu 2/3 Männer und auch chronisch
Kranke gibt es unter den Männern mehr als unter Frauen. Wenn der
neue Bestseller dazu beiträgt, dass Männer aufmerksamer mit ihrer
Gesundheit umgehen und mehr auf ihren Körper achten, dann hat er
viel erreicht. Teile des Buches sind durchaus als medizinisches
Hausbuch für Männer geeignet.
Ein männlicher Holzweg
In typisch männlicher Manier enthält das Buch so viele „Lösungen“
und Ratschläge, dass es das Gegenteil dessen bewirkt, was es vorgibt.
Die mehrfach ausgesprochene Warnung „Vorsicht vor Stress!“ ist das
beste Mittel, um Stress zu produzieren. Paul Watzlawick nennt solche
Äußerungen „doublebinds“: Wie ich es mache, mache ich es falsch.
Allein der Appell schon versetzt mich in den Stress, den ich vermeiden
will. Das Buch befindet sich auf einem typisch männlichen Holzweg.
Der Mann, der alles richtig machen will, macht es bereits wieder
falsch. Eine der vielen Anti-Stress-Regeln hätte vielleicht gereicht:
Lernen Sie „Nein!“ zu sagen. Diese Regel muss auch für das Buch
selbst gelten. Wer es ernst nimmt, müßte es eigentlich in der Mitte
zuklappen und weglegen.
Der Körper als Maschine
Das Buch, von Medizinern geschrieben, folgt letztlich einem rein
mechanistischem Männerbild. Der Körper ist eine Maschine und die
darf man eben nicht kaputtfahren. Man muss sie ständig und aufmerksam
warten und pflegen. Das Ziel ist und bleibt aber das Funktionieren
der Maschine. Auch hier gilt für Teile des Buches: Es ist das Problem,
für dessen Lösung es sich ausgibt. Letztlich ist es nur wieder eine
Anleitung zu noch mehr Leistung und Perfektion zu dem, was uns Männer
eben kaputt macht. Das Männerbild selbst wird nicht hinterfragt.
Es gibt auch keine Kritik an den ausbeuterischen Formen unserer
Arbeitswelt. Der Blickwinkel bleibt auf der traditionellen und mechanistischen
Ebene, politische oder gar spirituelle Dimensionen gibt es keine.
Es ist keine Rede von Muße, Natur, Kreativität, Gefühlen, Empfindungen,
Kindern, Beziehungen, Werten, Sinn oder Spiritualität. Es ist ein
Buch von der und für die Gesundheitsindustrie. Schließlich darf
es kein Problem geben, an dem nicht mindestens jemand verdienen
kann.
Altern ist keine Krankheit
Die Medizin und ihre Mittel sind gut gegen Krankheiten. Aber, und
hier liegt eines der grundliegenden Missverständnisse dieses Bestsellers,
das Altern ist keine Krankheit und sogar der Tod gehört zum Leben.
Das Leben besteht aus Aufstieg und Abstieg. Mit letzterem tun wir
Männer uns schwer. Wo sind auch die weisen, alten Männer, die uns
das lehren könnten? In der zweiten Lebenshälfte werden Männer in
der Regel mit Erfahrungen des Scheiterns konfrontiert und mit ihrer
Zerbrechlichkeit. Wer das ignoriert, sich dem Abstieg nicht stellt,
durch diesen Übergang nicht durchgeht, landet in der zynischen Verbitterung
oder er wird zum alten Narren mit junger Freundin und rotem Porsche.
Wer sagt denn, außer der Werbeabteilung der Pharmaindustrie, dass
wir ewig potent und immer jung sein müssen? Statt mit Hormonpillen
eine ewige Jugendlichkeit installieren zu wollen, statt einem lächerlichen
Jungsein um jeden Preis, sollten wir es uns gestatten, älter und
milder, weise und barmherzig zu werden - auch uns selbst gegenüber.
Wir werden gerettet
Das Leben schlägt Wunden, die wir nicht durch Medikamente beseitigen
können, sondern die wir verwandeln müssen in innere Kraft und Weisheit.
Das wird möglich, indem wir loslassen, aufgeben, uns hingeben, indem
wir einsehen, dass wir die Dinge nicht kontrollieren oder reparieren
können, sondern nur verstehen. Letztlich wird es auch dadurch möglich,
dass wir merken, dass wir Teil eines größeren Ganzen sind, dass
wir uns nicht selbst retten können, sondern bereits gerettet sind,
wenn wir uns retten lassen.
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"Der Mann 2000"
Siegfried Meryn,
Markus Metka,
Georg Kindel;
Verlag Ueberreuter
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