Herausforderung für die
europäische Landwirtschaft
Wenn in diesen ersten Dezembertagen (30.11.-3.12.99) in Seattle,
USA, die Eröffnung der nächsten WTO-Verhandlungsrunde beginnt, für
die zunächst ein Zeitraum von etwa 3 Jahren anberaumt ist, dann
wird besonders wieder der Bereich „Landwirtschaft“ einer der schwierigsten
Verhandlungspunkte sein.
- Hubert Müller -
Organisation der WTO
WTO ist die Welthandelsorganisation, der bereits mehr als 130 Staaten
der Erde angehören. Allerdings umfassen die WTO-Abkommen nicht nur
den Handel mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen, sondern ganz allgemein
mit Handelsgütern aller Art, die im sogenannten GATT (=Allgemeines
Zoll- und Handelsabkommen, begründet 1947) zusammengefasst sind.
In die WTO-Abkommen fällt aber auch der Handel mit Dienstleistungen,
umfassend: Bereiche wie Bankwesen, Telefongesellschaften, Fluggesellschaften
usw.; Kurzbezeichnung GATS = Allgemeines Abkommen über international
gehandelte Dienstleistungen; englisch: General Agreement on Trade
in Services. Schließlich gehört zu diesen WTO-Abkommen auch noch
der Bereich des „Geistigen Eigentums“, der bestimmten Schutzbestimmungen
unterstellt ist; Kurzbezeichnung „TRIPS“. Dazu gehören beispielsweise
Autorenrechte, registrierte Handelsmarken, Patentschutz und vieles
andere mehr. (Engl: Trade Related Aspects of Intellectual Proberty
Rights”). Der Sitz der Welthandelsorganisation ist in Genf bei den
dort befindlichen UN-Organisationen. Seit der Gründung des GATT
wurden bisher 8 Verhandlungsrunden durchgeführt, wobei sich jede
über mehrere Jahre hinzog. Die letzte Verhandlungsrunde hatte bereits
den Schwerpunkt Landwirtschaft als besonders umstrittenen Bereich,
es war die sogen. URUGUAY-Runde (weil sie 1986 in Uruguay eröffnet
wurde, danach benannt), die sich von 1986 bis Ende 1993 hinzog.
Das Ergebnis war ein Vertragswerk von mehr als 500 Seiten mit 26
verschiedenen Abkommen und 45 Verträgen. Nun ist es wieder soweit;
trotz großer Schwierigkeiten im Vorfeld der Verhandlungsvorbereitungen,
sollte die Eröffnungstagung bei Drucklegung dieser Rufer-Nummer
bereits im Gang sein. Weil sich die Verhandlungen über die nächsten
Jahre hinziehen werden, wird bereits jetzt die Bezeichnung „Millenniumsrunde“
verwendet.
Was will die WTO?
Das erklärte Ziel der neuen Verhandlungsrunde ist es, weitere Liberalisierungsschritte
im Welthandel durch Zollabbau und Abbau sonstiger, sogenannter nichttarifärer
Handelshemmnisse zu setzen. Besonders die Bereiche „Landwirtschaft“
und „Dienstleistungen“ sollen in dieser Milleniumsrunde eine starke
Absenkung von Handelsbeschränkungen erfahren. Dieser geplante Abbau
von noch vorhandenen Schutzmaßnahmen beunruhigt natürlich die Landwirtschaft,
und dies nicht nur in Österreich, sondern mehr oder weniger in ganz
Europa. Befürworter und Betreiber dieser geforderten Änderungen
sind neben den USA besonders die Länder der sogen. Cairns-Gruppe
wie Australien, Argentinien, Brasilien, Kanada, Neuseeland u.a.
Schon bei der Uruguay-Runde zeigte sich dieser fast unüberbrückbare
Interessenskonflikt zwischen den europäischen Ländern und den oben
genannten extremen Freihandelsvertretern.
Absichten und Auswirkungen
Die von der WTO vertretene Freihandelstheorie geht davon aus, dass
eine weitestgehende Liberalisierung des Handels für alle Beteiligten
zu einer wirtschaftlichen Verbesserung führt. Dies trifft aber nur
bedingt zu, denn überall wo es Gewinner einer Entwicklung gibt,
dort gibt es auch Verlierer. Zu letzteren gehören neben verschiedenen
Entwicklungsländern vor allem auch die europäischen Bauern. Amerikanische
Agrartechnokraten können es nämlich nicht verstehen, dass die agrarische
Produktion in europäischen Ländern nicht nur wegen ihrer kleinen
Betriebsstrukturen, sondern auch wegen ihrer außerökonomischen Leistungen,
wie Erhaltung der Besiedelung, Pflege der Kulturlandschaft, Auflagen
für umweltschonende Bewirtschaftung usw., schützenswert ist! Länder
in denen landwirtschaftlich genutzte Flächen zumindest scheinbar
noch unbegrenzt zur Verfügung stehen, bringen kaum Verständnis dafür
auf, dass auch in sogenannten Ungunstlagen europäischer Länder noch
Landwirtschaft betrieben werden muss, wenn wir die damit zusammenhängenden
volkswirtschaftlichen und gesellschaftlichen Nutzungen, wie etwa
den Tourismus, erhalten wollen. Diese Länder, allen voran die USA,
verlangen daher von den Europäern möglichst ungehinderten Marktzutritt
für ihre agrarischen Produkte. Dass sie aber gleichzeitig selbst
Schutzmaßnahmen für die eigene Landwirtschaft setzen, wird scheinbar
als selbstverständlich angesehen. So haben die USA seit der letzten
Uruguay-Runde für Zucker und Milchprodukte so hohe Zölle eingeführt,
dass Importe praktisch unmöglich sind. Was das beispielsweise für
unseren Hartkäse- (Emmentaler-) Export in die USA zur Folge hat,
braucht nicht näher erläutert zu werden.
Forderungen der Länder
Den Forderungen der Länder der Cairns-Gruppe versucht die EU das
europäische Modell einer multifunktionalen Landwirtschaft entgegenzusetzen,
für das die Maßnahmen einer umweltschonenden Landwirtschaft auch
weiterhin gefördert werden müssen. Dem gegenüber, wollen aber die
extremen Freihandelsvertreter, diese im Uruguay-Abkommen als GREEN-
und BLUE-BOX Maßnahmen vertraglich zugesicherten Schutzbestimmungen
neuerlich zur Diskussion stellen und möglichst reduzieren. Bleibt
nur zu hoffen, dass sich die europäische Agrarpolitik in den zu
erwartenden Verhandlungen behaupten kann, zum Wohle nicht nur des
Bauernstandes, sondern der gesamten Gesellschaft.
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