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Er hat nie davon geredet, was in ihm vorgeht...

Das Schweigen der Männer

Selbsttötung aus Verzweiflung und Hilflosigkeit

- Roman Leitner -

Jährlich nehmen sich allein in Oberösterreich etwa 300 Menschen das Leben. Dreiviertel davon sind Männer, die zumeist nicht sonderlich aufgefallen sind. Im Nachhinein weiß man zwar, dass es da mehr oder weniger massive Lebensprobleme gegeben hat, viele der Betroffenen selbst haben aber wenig davon gesprochen, mitunter nur sehr versteckte Hilfesignale ausgesendet und oft eher den Eindruck einer „be-herr-schten“ Person gemacht, der man diesen Schritt kaum zugetraut hätte

Aggressive, medial dramatisch aufgemachte Mordberichte, in denen sich der Täter anschließend selber richtet, verzerren die reale Situation. Die meisten Selbsttötungen passieren unerwartet und ohne dramatische Vorzeichen. „Er hat nie davon geredet, was in ihm vorgeht“, „Er hat Probleme gehabt, aber darüber wollte er nicht reden“, „Gerade ihm hätt`ich das nicht zugetraut“, „In eine Beratung wolter er nie mitgehen“ ... So und ähnlich berichten Angehörige bei Anrufen in der Telefonseelsorge, wenn sie über das tragische Schicksal ihres Partners, Vaters oder Bruders reden, das ihnen oft noch Jahre danach Beklemmung und Schuldgefühle verursacht und Rätsel aufgibt.

Die Problematik des Verschweigens

„Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ ist wohl eine jener Spruch-“Weisheiten“, die gerade bei psychischen Belastungen am Allerwenigsten hilft. „Was kann man denn tun, wenn er nicht darüber reden will?“, fragen Frauen oft verzweifelt in den Beratungsstellen. „ER“, der seine inneren Belastungen bagatellisiert, Probleme ,mit untauglichen Mitteln (Alkohol, Nikotin, Arbeitswut ...) bekämpft und jeden kommunikativen Weg meidet, der zu mehr Ent- lastung, zu einer Neuorientierung oder wenigstens zur kurzzeitigen Befriedigung der seelischen Unrast führen könnte. Zutiefst sitzt in manchen Männerköpfen offensichtlich noch die Überzeugung, dass ein Mann mit Problemen selber zurecht kommen müsse oder die Meinung, ein Mann dürfe sich keine psychische Schwäche leisten. So praktizieren nicht wenige die problematischen Verhaltensmuster des Verbergens, Überspielens, Bagatellisierens oder des beziehungsmäßigen Rückzugs. Während manche mit aggressiven Aktionen (Schuldprojektionen, Vorwürfe, Tätlichkeiten ...) ihrem inneren Druck „Herr“ zu werden versuchen und damit nächste Angehörige in ihr heimliches Leid auf verrückte Art und Weise hineinziehen, suchen gefühlsmäßig gehemmte Männer ihr vermeintliches „Heil“ in der emotionalen Abkapselung. Sie flüchten in virtuelle (Schein-)Welten, decken sich mit unzähligen Arbeitsverrichtungen ein und entfliehen auf diese Weise den sozialen Kontakten. Sie verstummen immer mehr, obwohl hier das Reden (können) „Gold“ wäre. Nicht wissend um die gefährliche Dynamik emotionaler Vereinsamung verstärken sie damit vorhandene Zustände, ihr Gefühl der Sinnlosigkeit, des totalem Versagens und der scheinbaren Ausweglosigkeit. Hilfeschreie und Notsignale werden selbst in kritischen Stimmungsphasen noch mit letzter Kraft „mannhaft“ unterdrückt - nicht ahnend, wie stark damit das Selbstaggressionspotential genährt werden kann.

Die Fakten

Die Selbsttötungszahlen in Oberösterreich (1990-1998) zeigen im Geschlechter- und Altersvergleich folgendes Verhältnis zu Ungunsten der Männer: In der Altersgruppe der 15-35jährigen ist die ST-Rate „Männer“ um 4,5 mal höher als die der Frauen. Zwischen 35 und 45 Jahren liegt das Verhältnis gar bei 5:1. In der Altersgruppe der 45-65jährigen ist der Männeranteil dreimal höher. Der geringere Anteil bei den über 65jährigen (2:1) hängt auch mit der höheren Frauenpopulation in diesem Altersbereich zusammen.

Die unmittelbaren Auslöser

Motivanalysen zeigen eine Vielfalt von Erklärungen für das Faktum der Selbsttötung. Häufig genannt werden unter anderem: - die Hilflosigkeit und Panik bei Beziehungskrisen, die zu Scheidung oder zum Verlassenwerden führen; - gesundheitliche Schwierigkeiten (Depressionen) verbunden mit diffusen Ängsten vor allem bei zunehmendem Alter; - ein verstärkter Druck im Arbeitsbereich verbunden mit der Unsicherheit des Arbeitsplatzes; - persönliche Überforderungen durch spekulative Transaktionen und berufliches Scheitern bis hin zur Arbeitslosigkeit; - die belastende Situation des „einsamen Wolfes“, dem mitmenschliche Wärme und Kontakte verloren gegangen sind. Vor allem, wenn sich die genannten Umstände mehr oder weniger bündeln, entsteht ein hohes Selbstgefährdungs-Risiko, das in Verbindung mit Suchtmittelmissbrauch geradezu explosiv werden kann und die Gefühle der Ausweglosigkeit, der Hoffnungslosigkeit und die negative Sicht des Lebens mitunter ins Unerträgliche steigert.

Auswege in der Krise

Es gibt keine Patentrezepte mit Lebenskrisen fertig zu werden. Ein erster positiver Schritt besteht oft darin, dass ich die jeweilige Belastungssituation ehrlich als solche wahrnehme und mir eigene Fehler und persönliche Anteile offen eingestehe ohne mich zu verurteilen. Damit eine lebensbejahende Auseinandersetzung mit persönlichen Lebenskrisen gelingt, ist es notwendig, sich von alten Männer-Idealen und patriachalischen Beziehungsvorstellungen zu trennen. Der „neue“ Mann weiß, dass er nicht alles können und beherrschen muss. Er nimmt sich und andere ernst, wenn er in persönlichen Krisen nach (fachlicher) Hilfe sucht. Im vertrauensvollen Gespräch können sich verengte Sichtweisen weiten und bisher nicht vorstellbare Möglichkeiten bewusster werden. Das Augenmerk immer wieder darauf zu richten, was mich im Leben hält, welche Selbsthilfekräfte in mir stecken und schauen, für welche Menschen ich Bedeutung habe, wäre ein weiterer Schritt der Selbsthilfe. Dazu ist oft eine fachkundige Unterstützung und Begleitung nötig, damit „blinde Flecken“ und verborgene Schätze auch wirklich erkannt und entdeckt werden. Hilfreich kann schließlich die Erfahrung sein, dass ein nahestehender Mensch ein verzweifeltes Schweigen nicht diskret respektiert oder achtlos übersieht, sondern wahrnimmt und behutsam die Sorge um ... anspricht. Wenn der Betroffene zunächst abwehrt und sich unzugänglich zeigt - im Verborgenen sehnt er sich nach einem verständnisvollen Kontakt, der ihm wider alle Hoffnung ein Stück Halt und Zuwendung gibt. Für Betroffene und nahestehende Angehörige oder Freunde gilt hier eine neue Einsicht: „Schweigen ist Silber, das Reden jedoch Gold“. Viel Geduld, Einfühlungsvermögen und Zeit sind allemal vonnöten. Der Autor des Beitrages, Roman Leitner, ist als hauptamtlicher Telefon-Seelsorger, als Ehe- und Familienberater und geistlicher Begleiter im Pastoralamt der Diözese Linz tätig.

Die unmittelbaren Auslöser für den Selbstmord: Hilflosigkeit und Panik bei Beziehungskrisen, Depressionen, verstärkter Druck im Arbeitsbereich bis hin zu Arbeitslosigkeit.

Reden hilft:

Telefonseelsorge-
Notruf 142
(rund um die Uhr)

Männerberatung:
St. Pölten: 02742/353510
Scheibbs: 07482/42432 Waidhofen/Y.: 07442/53309
Zwettl: 02822/53971



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    Die KMB ist eine Gliederung der Kath. Aktion der Diözese St. Pölten
verantwortlich für den Inhalt: Josef Muhr