Kantig geschrieben für Männer
Von Gipfelstürmern,
Grenzgängern und Steinen...
- Leopold Krendl -
Steine waren es, und zwar besonders kantige, die mich vergangenen
Sommer immer wieder beschäftigten. Steine waren es, die mich in
meinem Mann-Sein herausforderten.
Der eine Stein war sehr groß, es war eigentlich ein Berg, der
Dachstein, der höchste Berg Oberösterreichs. Ich war, wie schon
seit sieben Jahren, im Sommer mit zwei guten Freunden unterwegs
auf dem Ost-West-Weitwanderweg. Weitwandern, eine starke Sache,
die Ausdauer, Beständigkeit und einen langen Atem erfordert. Alles
Eigenschaften, die Männer brauchen können. Einen Weg beginnen, ein
Projekt anpacken, eigenständig und doch im Team, ein Ziel vor Augen.
Das Ziel ist in weiter Ferne, aber unterteilt in Teilziele. Gehen
ist eine Lebensschule.
Du kannst dich fragen:
Wie schnell will ich auf das Ziel zugehen?
Wie weit darf das Ziel weg sein?
Möchte ich dort alleine ankommen oder mit anderen?
Stört es mich, wenn andere schon dort sind?
Nach sieben Jahren Weitwandern kam uns heuer ein Stein in die Quere,
ein kantiger, widerständiger. Der Dachstein forderte uns heraus.
Ignorieren wir ihn, lassen ihn links liegen oder nehmen wir seine
Herausforderung an? Nach einigem Zögern entschieden wir uns für
den Gipfelsturm. Meine Gedanken dazu: Darf ich als Mann zögern,
Angst eingestehen? Ich spürte am eigenen Leib das Dilemma vieler
Männer heutzutage: Von den einen als „Weichei“, als „Warmduscher“,
als Zauderer etc. verunglimpft, von den anderen verdächtigt, wenn
er zu forsch, zu kantig, zu eigenmächtig agiert. Wir nahmen uns
für die Gipfeltour übrigens einen Bergführer. Vielleicht hätten
wir es auch allein geschafft, aber es ist ein gutes Gefühl, bei
aller Eigenständigkeit die Hilfe eines erfahrenen Mannes in Anspruch
zu nehmen. Es ist wichtig für Männer die Klarheit im Leben zu gewinnen,
wann Alleingang und wann Zuhilfenahme anderer angesagt ist.
Übrigens: Ich glaube, die eigenen Grenzen auszuloten und verborgene
Energien aufzuspüren und zu aktivieren ist etwas sehr Männliches.
Wichtig war mir, zwischen mutigem, eigenständigem Vorangehen und
der Hilfe des Bergführers Regisseur meines eigenen (Lebens)-Weges
zu bleiben.
Nun zum zweiten Stein meines letzten Sommers.
Dieser war auch kantig, jedoch so klein, dass er in meine Hand passte.
Es war auf einer Selbsterfahrungswoche mit Männern und Frauen. Wir
bekamen die Aufgabe, im Schweigen einen 4 km entfernten Hügel zu
erklimmen. Wir sollten einen Gegenstand suchen, welcher unsere derzeitige
Lebenssituation gut symbolisiert. Als ich den kantigen Stein am
Wegrand sah, wusste ich: „Das ist mein Thema.“ Und schon war ich
wieder bei der Männlichkeit! Wie kantig, eigenständig, selbstbewusst
und bestimmend darf ich sein, um nicht als patriarchal oder machohaft
zu gelten? Wie gefühlvoll, weich, verständnis- und rücksichtsvoll
darf ich sein, um nicht als „Weichei“ zu gelten? Oder sollte mir
das als Mann eigentlich alles egal sein? Ich glaube, es kann mir
als Mann in der heutigen Welt nicht egal sein!
Übrigens: Für mich stellte sich bei meinem 4 km langen Schweigemarsch
die Frage: Bleibe ich hinten, um die schwächeren Gruppenmitglieder
zu begleiten und aufzubauen oder darf ich ohne schlechtes Gewissen
auch mal voran marschieren, meine Energien mobilisieren und meine
Grenzen ausloten? Ich entschied mich in diesem Fall für zweiteres,
weiß aber bis heute nicht, ob es richtig war. Ehrlich: Geht es nicht
gerade uns Männern oft so in unserem Leben?
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