Interview mit Julia Stemberger
„Gewalttätige Männer verletzen sich selbst“
Julia Stemberger ist eine der bekanntesten und beliebtesten Schauspielerinnen
Österreichs. In jüngster Zeit war sie im TV-Mehrteiler „Der König
von St. Pauli“ zu sehen. Der rufer sprach mit Stemberger über einen
Aspekt des Streifens: über die Gewalttätigkeit der Männer. Zur Zeit
nimmt Stemberger keine Engagements für Filme oder Theater an, um
sich ganz ihrer Tochter Fanny widmen zu können.
rufer: Bei Dreharbeiten zu einem Film wie „Der König von St.
Pauli“ stößt man unweigerlich auf das Thema Männergewalt. Was sind
aus ihrer Sicht die Gründe dafür, dass „Brutalität“ männlich ist?
Stemberger: Man muss nicht ins Rotlicht-Milieu gehen, um Gewalt
an Frauen und Kindern zu begegnen. Gewalt finde ich als Ausdruck
einer extremen Hilflosigkeit der Männer. Wenn man nie gelernt hat,
Probleme auf der Ebene des Gesprächs auszumachen, überschreitet
man leicht die Grenze zur körperlichen Gewalt. Ist das Tabu erst
einmal gebrochen, hat man sich selbst soviel angetan, dass Männer
immer wieder in dasselbe Muster zurückfallen. Gewalttätige Männer
waren vermutlich in ihrer Kindheit selbst häufig Opfer von Schlägen
und Prügel. Es geht im Leben aber darum, dass man die Kraft aufbringt,
nicht alles weiterzugeben, was man erlitten hat.
rufer: Sie bringen den Männern gegenüber viel Verständnis auf
...
Stemberger: Wenn es soweit kommt, dass ein Mann nicht redet, sondern
zuschlägt, ist er auch nicht ansprechbar. So verletzt er nicht nur
die Frau, er verletzt ganz tief innen drinnen auch sich selbst.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Mann, der seine Frau schlägt,
in irgendeiner Weise darüber froh ist. Es schafft ihm vielmehr selbst
eine Last.
rufer: Was sind Markierungen für einen Weg der Partnerschaft
zwischen Mann und Frau?
Stemberger: Ich fände es am Schönsten, wenn es zwischen Frauen
und Männer ein gutes Miteinander gäbe - aber das ist harte Arbeit
auf beiden Seiten und dieser Prozess bringt Spannungen mit sich.
In unserem Fall ist auch eine künstlerische Auseinandersetzung damit
verbunden. (Anm: Stembergers Ehemann, Christian Altenburger, zählt
zu den besten Geigern Österreichs). Die Generation meines Mannes,
der jetzt gut vierzig ist, steht in einer völlig anderen Situation
als ihre Väter, wo die Rollen zwischen Mann und Frau noch konventionell
verteilt waren. Für meinen Mann wäre das traditionelle Rollenbild
unvorstellbar gewesen - Stemberger lachend - da hat er sich lieber
die Schwierigkeiten eingehandelt, die er jetzt hat. Ich glaube,
er leidet aber nicht allzu sehr. Manche Männer bekommen wegen der
Tatsache, dass die Frauen selbständiger werden, eine solche Heidenangst,
dass sie sich erst recht in den Beruf und die Karriere hineinwerfen.
Aber das ist nicht das ganze Leben. Wer immer nur Hektik hat und
dem Erfolg nachhechelt, der geht am Leben vorbei.
rufer: Was sind die gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen
Gründe für die gewaltbereite Männerwelt?
Stemberger: Wenn man das wüsste - dann hätten wir Frieden auf der
Welt, denn die Fortsetzung der Gewaltbereitschaft ist der „Wahnsinn“
Krieg, den Männer führen und bei dem die Frauen mitspielen. Natürlich
sind selten Frauen Generäle. Doch das ist eine Seite von Frauen,
die ich nicht verstehe: dass Frauen ihre Kinder oder Söhne in den
Krieg ziehen lassen. Die Frauen müssten aufstehen und sagen: Krieg
findet nicht statt.
|
 |

Julia Stemberger,
bekannt aus Film und Fernsehen, spricht mit dem rufer über
Männergewalt
|