Gedenktag am 11. November
Der Mantel des heiligen Martin
Die meisten von uns kennen schon von Kindheit an die Erzählung
von der Begegnung des Heiligen Martin mit dem Bettler: Martin teilt
seinen Mantel und gibt dem armen Mann eine Hälfte davon.
So tut er - ohne zu überlegen - ein Werk der Barmherzigkeit. Später
erinnert er sich an das Evangelium, wo Jesus sagt: „Ich war nackt
und ihr habt mir Kleidung gegeben“ und „Was ihr für einen meiner
geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,36.40).
Wir haben diese Legende schon oft gehört oder gelesen, wir haben
auch viele Bilder gesehen, wo diese Szene dargestellt ist und wir
verstehen grundsätzlich auch die Botschaft dieser Begebenheit für
uns.
Die meisten von uns haben sich wahrscheinlich schon an Kleidersammlungen
für Notleidende beteiligt, jeder von uns hat schon für einen guten
Zweck Geld gespendet. In unserem Land gibt es - Gott sei Dank -
viele gut organisierte und unterstützenswerte Einrichtungen für
Notleidende, die den Ausgegrenzten und Armen zu Hilfe kommen. Ich
denke z.B. an die Caritas oder an die Emmausgemeinschaft. -
Aber haben wir den Aufruf Jesu zu Werken der Barmherzigkeit ausreichend
erfüllt, wenn wir Geld geben?
Ein erfahrener Sozialarbeiter hat mich einmal schockiert: Er hat
mir eindringlich gesagt, ich solle einem Bettler auf der Straße
kein Geld geben, weil die meisten Bettler sich dann Alkohol oder
Drogen kaufen würden, wodurch sich ihr Leid nur vergrößere. Außerdem
wären genügend Hilfseinrichtungen vorhanden, an die sich die Notleidenden
wenden könnten. Der Sozialarbeiter hat damit auf einen erschwerenden
Umstand hingewiesen. Die Not der Menschen von heute ist oft nicht
in erster Linie die der Kleidung und der Nahrung. Vielmehr ist es
psychische Not, Not in Beziehungen, Not der Arbeitslosigkeit, Not
der je eigenen Geschichte...
Der Mantel, den wir den Armen unserer Gesellschaft geben können,
ist neben den - auch not-wendenden - Geld-spenden der Mantel unserer
Offenheit für das Leid in der Welt und der Mantel unserer persönlichen
Zuwendung. Die Geschichte vom Mantel der persönlichen Zuwendung
habe ich schon auf verschiedene Varianten erzählt bekommen. Wir
können sie aber vor allem immer wieder neu und ganz konkret leben.
Oft habe ich z.B. schon gehört, dass jemand einem Bettler auf der
Straße zwar kein Geld gegeben hat, dafür mit ihm zum nächsten Würstelstand
gegangen ist und ihm etwas gekauft hat.
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Martin ist ein Mann
des einfachen Volks
und wird vom einfachen Volk geliebt und verstanden.
Er verzichtet nicht auf alles,
er teilt.
Verantwortung wahrnehmen,
die Not des anderen sehen
und handeln -
das ist auch die
Botschaft für heute:
Mit Teilen lässt sich leben.
R. Pernoud
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