Alles hat seine Stunde und alles hat seine Zeit!
Der Tod gehört zu unserem Leben
- Dr. Franz Schmatz -
Wir leben in einer Gesellschaft, in der vieles was mit Sterben
und Tod zusammenhängt verdrängt wird. Das Sterben hat sich weitgehend
in das Krankenhaus verlagert und wir haben kaum mehr Sterbe- und
Trauerrituale.
Aber hat uns das alles etwas für unser Leben gebracht? Ich denke:
nein! Ganz im Gegenteil! Je weniger wir mit Sterben und Tod umgehen
können, desto weniger erfahren wir auch dichtes Leben. Ich darf
seit über 25 Jahren sterbende Menschen begleiten. Ausgangspunkt
für diesen Einsatz war für mich meine eigene schwere Krankheit und
das eigene Stehen an der Grenze des Lebens. Bei langen Klinikaufenthalten
über Jahre hindurch, habe ich Ohnmacht, Hilflosigkeit und Angst
bei mir, aber auch bei denen erlebt, die mit mir zu tun hatten.
Oft habe ich mich gefragt, wann endlich jemand kommen würde, der
mich verstehen könnte. Ich habe viele schöne Worte, viele Phrasen
und viele Rat-schläge gehört. Aber die haben mich eher erschlagen
als getröstet. Auf diesem eigenen Erfahrungshintergrund kann ich
auch vieles gut verstehen, was schwerkranke, leidende, sterbende
und trauernde Menschen beklagen. Viele von ihnen erleben sich unverstanden,
allein gelassen und mitunter auch abgeschoben. Dabei könnten wir
für uns und unser Leben so viel lernen, wenn wir uns mit den betroffenen
Menschen begleitend auf den Weg machen. Die über 3000 sterbenden
Menschen, die ich bisher begleiten durfte, vom Säugling bis zu über
hundert Jahre alten Menschen, haben mir nicht nur vieles abverlangt,
sondern auch unbeschreiblich viel geschenkt und gelehrt.
Ich bin zutiefst überzeugt, dass sterbende Menschen für uns, die
wir sie ganzheitlich begleiten Lehrer-Innen und Lehrer für wahres
Leben sein können.
Sie sind gleichsam eine lebendige Einladung, rechtzeitig bewusster
und intensiver zu leben. Wir Menschen haben die Möglichkeit, dem
Furchtbarsten unseres Lebens, nämlich dem Tod, das Fruchtbarste
abzuringen, was es gibt, nämlich rechtzeitig intensiv und wahrhaft
zu leben. Weil unsere Lebenszeit begrenzt ist, ist sie auch so kostbar.
So fordert mich meine Sterblichkeit heraus, jetzt zu leben und mich
um Lebensdichte und Lebensqualität zu bemühen und mein Leben verantwortungsvoll
zu verkosten. Die entscheidende Frage am Ende meiner Lebenszeit
wird nicht sein, wie viele Jahre ich für mein Leben bekommen habe,
sondern die entscheidende Frage wird sein, ob ich meinen Jahren
Lebensqualität gegeben habe. Weil der Tod zu unserem Leben gehört,
sollten wir aufhören, ihn zu verdrängen! Um des Lebens willen, sollten
wir uns mit ihm auseinandersetzen. So können wir ihm einiges von
seiner Macht und Furchtbarkeit nehmen und ihn auch gestalten lernen.
Leider wurde der Tod auch oft eingesetzt, um den Menschen zu drohen
und ihnen Angst zu machen. Damit sollte es vorbei sein.
Der Tod ist nicht Strafe, sondern Teil des Lebens und der Natur.
Er ist aus glaubender Sicht nicht Ende und Abbruch, sondern Übergang
und Durchbruch auf Neues hin. Wir sind nicht geschaffen, um im Tod
unterzugehen und im Nichts zu versinken, sondern um wahrhaft zu
leben. Das Licht wird stärker sein als das Dunkel, das Leben stärker
als der Tod und der Karfreitag wird von Ostern abgelöst! Haben wir
den Mut, in einer offenen, lebensbejahenden und positiven Form über
unser Leben miteinander ins Gespräch zu kommen, in unserer Partnerschaft,
in unseren Familien, im Freundeskreis und in der Gesellschaft. Lernen
wir unsere Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken, stehen wir auch
zu unseren Tränen und begegnen wir einander umfassender! Alles hat
seine Stunde und alles hat seine Zeit! Wenn wir in diesem Sinn mit
den guten und den schweren Tagen besser umgehen lernen, dann erfahren
wir auch viel mehr Lebensqualität! Je umfassender wir die guten
Tage und Zeiten unseres Lebens genießen und verkosten, desto mehr
Kraft werden wir auch für die schweren Tage zur Verfügung haben.
Wenn wir Ja sagen zum Leben in seiner ganzen Vielfalt und Möglichkeit,
dann können wir auch leichter los-lassen.
Dann können wir auch das Sterben (= Loslassen) besser einüben.
In der modernen Leistungsgesellschaft scheint es nur das Schöne,
Gesunde und Starke zu geben. Deshalb werden Leid, Krankheit und
Tod ausgeklammert. Wir müssen diese Einseitigkeit überwinden und
uns wieder dem Ganzen des Lebens zuwenden. Nicht das Ausklammern
von Sterben und Tod lässt uns gelassen und gut leben, sondern die
Auseinandersetzung mit Sterben und Tod. Bei guter Begleitung können
sogar sterbende Menschen noch gute und wertvolle Momente guten Lebens
erfahren. Eine sterbende Frau, die zärtlich eine Blume streichelte,
die ich ihr auf die Brust legte (worum sie mich vorher gebeten hatte),
sagte während dieses Streichelns der Blume zu mir: „Wie schön und
wunderbar doch das Leben ist!“ Das ist doch zum Staunen! Geben wir
doch dem Tod den Platz, der ihm von Natur aus zusteht. Dann dürfen
wir uns trotz und gerade wegen aller Ängste dem Leben zuwenden und
alles tun, um rechtzeitig bewusst, intensiv und wahrhaft zu leben!
|
 |

Franz Schmatz, geb. 1950, verheiratet, Vater von
zwei erwachsenen Kindern ist Psychotherapeut, Theologe, Universitätsdozent,
seit 25 Jahren in der Sterbe- und Lebensbegleitung tätig, bekannt
durch umfangreiche Vortrags- und Seminartätigkeit und Autor vieler
Publikationen; dieses ist sein 15. Buch.
"Zeit zu leben", Effata Verlag

Lebenskostbarkeiten aus 25 Jahren Lebens- und Sterbebegleitung.
Lebenshilfen gibt es heute viele. Dieses Buch bietet in berührender
und bewegender Form Lebenskostbarkeiten und Lebenshilfen an, die
Franz Schmatz in 25 Jahren Begleitung von schwerstkranken und sterbenden
Menschen geschenkt bekommen bzw. mit ihnen erfahren hat. Das macht
diese Lebenshilfen so unglaublich kostbar. Hier werden Lebensbausteine
angeboten, die nicht in der Theorie entworfen wurden, sondern aus
Lebenserfahrungen kommen. Sie zeigen, wie Leben trotz aller Widerwärtigkeiten
gelingen kann und laden ein, rechtzeitig mit dem Leben zu beginnen.
|