Kantig geschrieben für Männer
Das Weizenkorn muss sterben...
- Robert Krendl -
Der Tod des Vaters, eine Tatsache, die für jeden einmal unausweichlich
eintritt. Du empfängst die Nachricht - und die Erde hört sich auf
zu drehen und die Zeit steht still.
Du spürst den Schmerz der ganzen Welt und fällst in ein dunkles
Loch. In dir stirbt etwas mit. Es geht um Abschiednehmen und Loslassen,
um Trennung und Erinnerung. Du beginnst zu hadern und zu verhandeln,
mit Gott oder dem Schicksal, du stellst die Frage nach Sinn und
Tod. All dies ist bei mir abgelaufen, als mein Schwiegervater vor
kurzem gestorben ist und es erinnerte mich an den Tag vor acht Jahren,
als mein eigener Vater gestorben war. Mir geht es jetzt nicht nur
um den Tod des leiblichen Vaters oder Schwiegervaters, sondern auch
um den Tod älterer männlicher Bezugspersonen. Insofern haben wir
alle meist mehrere Väter. Als Mann spürte ich, dass durch das Sterben
meines Schwiegervaters mich wieder einmal ein männlicher Mentor,
ein Manns-Vor-Bild verlassen hat, ein Mann zum Angreifen und Orientieren.
Wieviele Worte haben wir nicht gesagt
Dabei hätte ich ihn, genauso wie meinen eigenen Vater, noch so
gebraucht zum Reden, ihn um Rat zu fragen, von ihm zu lernen, ja,
einfach ihn als anwesend zu erleben. Wieviele Worte haben wir unseren
Vätern nicht gesagt, wie viel Dank nicht ausgesprochen, wie viele
Berührungen ihnen versagt. Und doch, bei allem Schmerz und aller
Trauer, es gibt auch den Gedanken des Erbes, welches uns die Väter
mitgegeben haben. Sie waren schließlich die ersten, die uns Mann-Sein
vorgelebt haben. Vaters Art, mit Menschen umzugehen, seine Weise,
Partnerschaft zu leben, haben mich geprägt. Seine politische Einstellung,
seine Religiosität und seine Weltanschauung haben mich fasziniert
und herausgefordert, oft genug habe ich sie auch kritisiert. Väter
sind dazu da, dass sich ihre Kinder, speziell die Söhne, an ihnen
abarbeiten, sich an ihnen reiben und messen.
Konfrontiert mit der eigenen Kindheit
Der Tod des Vaters oder Schwiegervaters konfrontiert dich unweigerlich
mit der eigenen Kindheit, lässt Erinnerungen hochsteigen, schmerzliche
und erfreuliche. Die eigenen Kinder wollen etwas über ihren Großvater
wissen und lassen Bilder über das Sterben der eigenen Großväter
wach werden. Neben Schmerz und Erinnerung hat der Tod meines Schwiegervaters
noch etwas bei mir ausgelöst, und zwar die Besinnung auf das Wesentliche.
Ich fragte mich: „Was ist mir eigentlich wichtig? Was macht mein
Leben aus? Was hält und trägt mich?“ Plötzlich nahm ich Nebensächliches
nicht so wichtig, übersah kleine Fehler meiner Partnerin, fand wieder
Zeit zum Gebet.
Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen
Beim Begräbnis meines Schwiegervaters wählten wir als Leitgedanken
den Satz „Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen“ aus dem Johannes-Evangelium.
Ich bin überzeugt, dass Jesus ihm vorausgegangen ist, um ihm einen
Platz bei Gott zu bereiten. Ich glaube auch zutiefst daran, ihn
und alle meine Lieben dort einmal wieder zu sehen. Im Vertrauen
darauf können wir unseren Weg hier auf Erden hoffend und gelassen
gehen. Wir wissen zwar die Stunde nicht, aber wir werden von Gott
und unseren Lieben erwartet, die Tür steht uns allen offen. Dies
war auch für meine Väter Trost und Hoffnung in deren letzten Stunden.
Dies ist auch für mich Trost und Hoffnung angesichts meines Todes.
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Amen, Amen, ich sage euch:
Wenn das Weizenkorn
nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein;
wenn es aber stirbt,
bringt es reiche Frucht.
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