Krisenbewältigung
Wie können wir mit Tiefs im Leben und im Glauben umgehen?
Herbst, die tiefliegenden, kalten Nebel stecken an, färben auf
das Wohlbefinden und die Stimmung ab. Öfters als sonst, vielleicht
sogar dauernd fühlen wir uns müde und erschöpft. Auch die Stimmung
will nicht auf einen Normalpegel kommen, ohne bereits von Depression
zu sprechen. Zunächst übernehmen wir einmal den Verfall der Natur,
mag es noch so bunte Blätter „regnen“.
- Pater Augustin M. Pötscher OSM -
Viele große Gestalten unseres Glauben, wie der Gründer der Jesuiten,
Ignatius von Loyola haben sehr treffend unser Leben mit dem Jahreskreis
verglichen. Da gibt es den Frühling der Aussaat und des Wachsens,
den Sommer der Blüte und des Reifens, den Herbst der Ernte und den
Winter des Ruhens und des Genießens. Wahrscheinlich durchleben wir
manchmal mehrere Vorgänge zugleich, im wesentlichen schenkt aber
dieses Bild Orientierung und Geborgenheit. Wenn unser Glauben und
unser Leben eine Einheit bilden sollen, dann durchdringen Hochs
und Tiefs im Leben auch unsere Glaubenserfahrung. Wir kennen es:
Es gibt diese Hochs, die uns Gemeinschaft und Glaubensfeste schenken.
Da leben wir unproblematisch, da ist alles selbstverständlich, da
brauchen wir auch keine Erklärungen. Schwieriger wird es, wenn es
nicht rund geht, wenn es schwer wird, wenn Zweifel sich melden oder
man umsonst auf die Anerkennung wartet. Da beginne ich zu hadern.
Ja, vielleicht ist das doch alles nicht so...?
Hoch und Tief sind normal im Glauben und im Leben.
Das Problem sind die Tiefs, die Resignation, wenn es ganz und gar
nicht mehr zu gehen scheint. Da haben wir gewöhnlich viel weniger
Strategien, als in einer guten Zeit. Auch die Humanwissenschaften,
wie auch die Psychologie sagen uns, dass Auf- und Abstieg, Blüte
und Stagnation zu jeder Institution und Person gehören - also normal
- damit aber nicht schon einfach sind. Als Pfarrgemeinderat, als
Mitglied einer Aktivistenrunde, usw.., haben wir alle - und das
sage ich wertfrei - solche Flauten in der Gemeinde hinter uns: Nichts
geht mehr, wir sind ratlos und wissen nicht warum. Von „Krise“ ist
da schnell mal die Rede, wobei wir dieses Wort meistens nur negativ
verstehen. Krise kommt vom griechischen „krinein“ und ist eigentlich
ein positives Wort: Unterscheiden und das Positive, Wesentliche
weiterführen.
Krisen bringen also oft wesentlich weiter als „positive“ Erfahrungen.
Auch als Christen kommen wir - mit der Bibel als Basis - um solche
heilsamen Krisen nicht herum. Das Kreuz ist die „größte Krise“,
die Jesus durchsteht. Erreichen uns Resignation und Stagnation als
Christ oder Gemeinde, bietet uns die Bibel viele „Griffe“, an denen
wir uns anhalten können. Der wichtigste ist Gelassenheit. Gelassenheit
meint nicht die Hände in den Schoß legen, sondern einen heilsamen
Abstand zur momentanen Verfassung zu bekommen. Viktor Frankl, der
große Wiener Seelenarzt und Begründer der Sinntherapie nennt es
„Selbstdistanz“: Einmal aus der befangenen Situation herauszusteigen,
um wieder den Blick auf das Ganze zu gewinnen. Vom Ganzen her relativiert
sich der Moment und bekommt seinen wahren Stellenwert. Ein zweites
ist durchaus berechtigte Entlastung: Wir sind heute alle so belastet,
so überbeansprucht - „burned out“. Entlastung ist - körperlich und
seelisch - ein heute aktuelles 5. Gebot.
Entlastung beginnt damit, dass wir das schlechte Gewissen
abstreifen, wenn wir einmal nichts tun. Unserer Gesellschaft
glaube ich, fehlt eine Kultur der Regeneration - Stresskrankheiten
sprechen eine deutliche Sprache. Spannkraft für auch christliches
Engagement braucht diese Entlastung, in der sich auch das Hormonsystem
wieder einrichten kann.
Ein drittes: Die meisten Depressionen sind „hausgemacht“. Man spürt
einen vegetativen Abfall und bemitleidet sich solange, bis man eine
ausgewachsene Depression „einfängt“. Wahrnehmen, aber auch mentalen
Widerstand entgegensetzen. Solche Schwankungen hat jeder.
Und mit dem Motto leben: Die Freude am Herrn ist unsere Kraft (Neh
8,2) - übrigens Worte aus tiefster Depression....
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Unserer Gesellschaft
glaube ich,
fehlt eine Kultur
der Regeneration -
Stresskrankheiten
sprechen eine
deutliche Sprache.
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