Machtmissbrauch in der Politik
Denn sie wollen nicht sehen, was sie tun!
„Macht hat die Tendenz zu verderben. Absolute Macht verdirbt absolut.“
Dieser bekannte Ausspruch Lord Actons weist auf die Tendenz zum
Missbrauch und zur Korruption der Macht hin, eine Tendenz, die um
so stärker wird, je mehr es sich um große, konzentrierte und absolute
Macht handelt.
- Leopold Neuhold -
Dazu kommt meist noch, dass Machthaber, deren Macht zu groß geworden
ist, um so weniger am Machtmissbrauch finden, weil sie ihn ja als
quasi erworbenes Recht deuten. Natürlich wird man sofort vorbringen,
dass wir heute von absoluter Macht weit meilenweit entfernt sind,
wo doch ein etabliertes demokratisches System der Kontrolle ein
großes Augenmerk schenkt und in den Massenmedien gewichtige Kontrolleure
vorhanden sind. Diese haben ja gerade in der letzten Zeit deutlich
gezeigt, wie groß ihre Kontrollmacht ist, weil vor ihr niemand sicher
sein kann. Trotz dieser Kontrolldichte zeigen sich aber Tendenzen,
die teilweise in die Richtung gehen, dass die Wachsamkeit gerade
bei den Bürgern absinkt und so der Machtmissbrauch an der Spitze
erleichtert wird. Dazu sollen nur ein paar Entwicklungen aufgezeigt
werden.
O.K. Gesellschaft
Der Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter bezeichnet unsere Gesellschaft
als eine „O.K.-Gesellschaft“. Alles muss gut drauf, das Leben muss
erlebnisreich sein, ohne Schwierigkeiten soll alles vonstatten gehen.
„Die Werbung greift nur auf, was ohnehin zum heimlichen Leitmotiv
des Alltags geworden ist: Der Zwang, gut draufzusein.“ In einer
solchen Stimmung spielt Politik nur eine unbedeutende Rolle. Wenn
sie mich hindert, gut drauf zu sein, wird sie auf die Seite geschoben.
Wenn in den anderen Bereichen das Glück als käuflich angeboten wird,
werde ich mich doch nicht den Mühen der Aufgaben unterziehen, die
in der Politik warten. „Sollen doch die in der Politik tun, was
sie wollen!“ Die meist mitgedachte Bedingung „...solange mein Gut-drauf-Sein
durch die Politik nicht beeinträchtigt wird“, greift dann so lange
nicht, als ich in andere Bereiche flüchten kann. Aber daran denkt
man ja schlussendlich nicht. Aus solchem Auszug aus der Politik
entwickelt sich Unachtsamkeit der Politik gegenüber, deren Folge
nur zu leicht Machtmissbrauch sein kann. Taxi Orange und Big Brother
sind beredter Ausdruck des Interesses am eigenen Lebensbereich,
ohne die Absicht, über ihn hinauszugehen. Dazu gesellt sich noch
eine Spaßorientierung, die den Unterhaltungswert an der Politik
in den Vordergrund rückt. Wenn sich Politik als ein Spektakel darstellen
lässt, das einem sportlichen Zweikampf gleicht, in Ausklammerung
der sportlichen Fairness möglicherweise sogar einer Schlammschlacht,
dann wird sie für viele attraktiv. Als Bohren von dicken und harten
Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich, wie Max Weber Politik
umschrieben hat, bleibt sie für viele Menschen uninteressant. Spektakuläre
Aktionen, Untergriffe werden beklatscht, für Ideen, die fordernd
sind, besonders was das Mitdenken betrifft, bleibt oft nur ein gelangweiltes
Gähnen. Was Wunder, wenn in einer solchen Situation auch der Machtmissbrauch
„in“ wird, wenn er nur einen Unterhaltungswert besitzt. Wo Grenzverletzungen
von Politikern begeistert beklatscht werden, braucht man sich nicht
zu wundern, dass der Machtmiss-brauch folgt; schon zu dem Zweck,
um den Zuschauern weiterhin Spektakel liefern zu können.
Nichts tiefgehendes
In einem so oberflächlichen Zugang zur Politik bleiben meist nämlich
auch die Entwicklungen innerhalb der Politik verborgen, man bewegt
sich nur an der spektakulären Oberfläche. Mit einem Witz illustriert:
An einer Kreuzung großer Auflauf. Ein neu Hinzukommender drängt
sich zum Zentrum des Geschehens vor. Dort angelangt, fragt er einen
der Herumstehenden, was passiert sei. Dieser antwortet: „Der letzte,
der es wusste, ist vor einer halben Stunde gegangen.“ Nur die Äußerlichkeiten,
das Tamtam rundherum, werden noch wahrgenommen, was sich wirklich
abspielt, ist teilweise Nebensache.
Nur Design zählt
Und die Parteien tragen dazu auch ein gutes Stück bei. Wichtig
ist das Design geworden, die Inhalte bleiben relativ im Vagen. Ein
neues Emblem ersetzt oft tiefgehende Debatten über Wertvorstellungen,
die in Taten umgesetzt werden sollen.. Um auch das mit einer Geschichte
zu zeigen. Als Karl Valentin einmal eine neue Brille trug, fragte
ihn Liesl Karlstadt vorwurfsvoll: „Du hast ja nur eine Brillenfassung,
wo bleiben die Gläser?“ Darauf Karl Valentin: „Immer noch besser
als gar nichts!“ Die anderen glauben zu lassen, man sehe besser
und schließlich selbst zu glauben, man sehe wirklich besser, wenn
man nur eine Fassung hat, das scheint heute kennzeichnend für den
politischen Alltag zu sein. Wird dann Machtmissbrauch überhaupt
noch bemerkt? Dazu kommt noch, dass sich die Bürger nur zu gerne
den Parteien und Funktionären die Umsetzung der Politik überlassen,
um selber Ruhe zu haben. Oft verhält sich der Bürger den politisch
von ihm für verantwortlich Erklärten gegenüber wie ein Mann, der
im Esszimmer sitzt und seiner Frau, die in der Küche abwäscht, zuruft:
„Frau, mach die Türe zu, ich kann nicht zuschauen, wie du dich schindest!“
Wenn man wegschaut, um selbst nichts tun zu müssen, wird Machtmissbrauch
nur zu leicht eine logische Folge sein. Liegt das Problem des Machtmiss-brauchs
in der Politik nicht auch beim Bürger?
|
 |

Oft verhält sich der
Bürger den politisch
von ihm für verantwortlich Erklärten gegenüber wie ein Mann, der
im Esszimmer sitzt
und seiner Frau,
die in der Küche abwäscht,
zuruft:
„Frau, mach die Türe zu,
ich kann nicht zuschauen,
wie du dich schindest!“
|