Landwirtschaft im Umbruch?
BSE, Medikamenten- und Antibiotika-Skandal und die Folgen
Wer in den letzten Wochen die Medienberichte in Österreich verfolgte,
musste unweigerlich zur Schlussfolgerung kommen, dass es in diesem
Land extreme Gefährdungen der Gesundheit der Menschen, durch die
von Bauern produzierten Nahrungsmittel gibt!
- Hubert Müller -
„Was können wir überhaupt noch essen?“, so lautete die Schlagzeile
einer Tageszeitung und verstärkte so den vorstehend genannten Eindruck.
Was war geschehen?
Mitte Jänner fiel der Prüftest auf BSE-Erkrankung, einer in Deutschland
geschlachteten, aber aus Österreich stammenden Kuh, nicht eindeutig
negativ aus. Obwohl sich wenige Tage später herausstellte, dass
das Tier BSE-frei war, entstand durch eine nicht gerade ausgewogene
Berichterstattung, bei der die vorhandene Möglichkeit einer Erkrankung,
schon fast zur Wahrscheinlichkeit gesteigert wurde, eine arge Verunsicherung
der Konsumenten. Doch kaum war im befürchteten BSE-Fall Entwarnung
gegeben worden, gab es schon die nächste Katastrophenmeldung; und
diese ist wohl schwerwiegender als die vorangegangene BSE-Hysterie.
Der Medikamenten-Skandal
Medikamentenmissbrauch in der Tierhaltung, illegale Substanzen,
wie Antibiotika, Hormone und sogenannte „Cocktails“ in der Schweinefütterung!
Offenbar hat ein Netzwerk einzelner, wahrscheinlich meist ausländischer
Tierärzte und verantwortungslos agierender Bauern aus der Anwendung
bzw. Verfütterung von in Österreich verbotenen Medikamenten und
Futterzusätzen, Gewinne zu erzielen und die Erlöse aus der Schweinehaltung
zu verbessern versucht. Sollten sich die Verdachtsmomente auf strafbare
Handlungen bestätigen, dann sind damit auch die strafrechtlichen
Konsequenzen zu ziehen! Es kann nicht angehen, dass einige Wenige
die wirtschaftliche Basis der großen Zahl an Bauern gefährden, die
Schweinezucht und -mast als eines ihrer wirtschaftlichen Standbeine
brauchen. Die intensive mediale Ausschlachtung dieses Skandals hat
ja schon für Preis- und Markteinbrüche bis hin zur Gefährdung von
Arbeitsplätzen und wirtschaftlicher Existenzen geführt. Allerdings
ist auch hier an die Medienberichterstattung die Forderung nach
entsprech-ender Ausgewogenheit zu richten. Es geht nicht an, dass
bei zunächst 15, dann schon 37 gesperrten Betrieben, durch undifferenzierte
Berichterstattung, unterschwellig gleich alle Schweine-halter als
zweifelhaft hingestellt werden. Dies passiert nämlich sehr wohl,
wenn von bestimmter Seite gleich Schätzungen veröffentlicht werden,
die von 30-40% involvierter Betriebe sprechen, auch wenn dann einige
Tage später nur mehr von „wahrscheinlich“ 400-500 Betrieben gesprochen
wird, den wer gehört zu den 40% und wer nicht? Zum Vergleich: Wir
haben in Österreich über 80.000 Schweinehalter, davon in NÖ rund
19.000 Betriebe, wobei hier zunächst 5 Betriebe gesperrt waren,
jedoch bei 2 Betrieben die Sperre bereits wieder aufgehoben wurde
(Stand 29. Jänner): Die Frage ist dabei: Wie kommen 99,5% der Schweine-halter
dazu, eine Suppe auszulöffeln, die ihnen „schwarze Schafe“ aus den
eigenen Reihen, einige verantwortungslose Tierärzte und eine quoten-
und auflagensüchtige Medienberichterstattung eingebracht haben?
Ursachen der Krise
Die Frage ist aber auch: Wie konnte es dazu kommen? Bei der Suche
nach Ursachen stößt man sehr rasch auf einige typische Entwicklungen
und Phänomene unserer Gesellschaft. Da ist zunächst der Trend der
Konsumgesellschaft zu möglichst billigen Lebensmitteln. So betrugen
die Ausgaben für Nahrungsmittel und Getränke 1999 nur mehr 13,3%
des Gesamtkonsums (1990 noch 16,1%). Dieses Konsumverhalten, des
Griffes nach den billigsten Lebensmitteln im Regal, machten sich
die Großhandelsketten und Supermärkte zunutze und lockten die Kunden
mit Billigstangeboten bei Lebensmittel, wie Milch und Fleisch. Diese
Lockangebote führten aber andererseits zu einem enormen Preisdruck
auf die Erzeuger und Verarbeiter der „Rohstoffe“. Molkereiwirtschaft
und fleischverarbeitende Betriebe wissen ein Lied davon zu singen,
welchem Konkurrenzdruck sie ausgesetzt sind, um mit ihren Produkten
bei den Großhandelsketten überhaupt gelistet zu werden. Die Bauern
als Produzenten wiederum versuchten den Preisdruck aufzufangen durch
Spezialisierung, Rationalisierung und durch vermehrten Einsatz von
Betriebsmitteln, wie Handelsdünger, Unkraut- und Schädlingsbekämpfung,
neue Zuchtmethoden, einer Verbesserung der Futtergrundlagen und
Futterzusätzen in Form erlaubter Leistungsförderer (z.B. Fütterungsantibiotika)!
Diese Entwicklung zeigte sich weltweit, nicht nur in Österreich!
Die Ertragslage der Landwirte verbesserte sich trotzdem kaum und
sie wurde speziell für Österreichs Bauern noch schlechter mit dem
Beitritt zur EU und der damit verbundenen Preisangleichung. Wenn
aber nur das billigste Produkt eine Chance am Markt hat, dann ist
für mache die Versuchung zu groß, auch mit unerlaubten Mitteln zu
produzieren! Mit der zunehmenden Tendenz des immer mehr, immer billiger
und immer schneller produzierens,wurde auch der Widerstand gegen
diese Entwicklung, vor allem in der Bauernschaft und seit den Siebzigerjahren
entwickelte sich die Bewegung der „biologischen Landwirtschaft“.
Zunächst vielfach belächelt, entwickelte sich diese Form der Landbewirtschaftung
unter Landwirtschaftsminister DI Josef Riegler zu einer zukunftsorientierten
Richtung im Rahmen der ökosozialen Agrarpolitik. Trotzdem war es
noch ein weiter Weg bis zur allgemeinen Anerkennung dieses Weges,
der sich in diesen Wochen als wichtiger Teil der agrarischen Erzeugung
von Lebensmitteln erweist.
Wege aus der Krise
Die Krise der gegenwärtigen agrarischen Situation hat sicher noch
nicht ihren Höhepunkt erreicht, aber zur Lösung dieser Krise sind
alle Seiten aufgerufen, solidarisch zu handeln. Die Politik wird
gefordert sein, die vielseitigen Funktionen einer bäuerlichen Landbewirtschaftung
durch entsprechende Rahmenbedingungen zu fördern und abzusichern!
Dies wird nicht leicht sein, da neben den unterschiedlichen Strukturen
und Interessen innerhalb der EU und ihrer Beitrittskandidaten, vor
allem auch die bevorstehenden WTO-Verhandlungen mit der Vorgabe
weiterer Liberalisierungsschritte auf dem Agrarmarkt, weltweit immer
noch die eher industrialisierte Landwirtschaft nach dem Muster Amerikas
oder Australiens im Vormarsch scheint. Ein zweiter Bereich trifft
den Handel, der sich seiner Verantwortung bewusst werden muss, dass
Lebensmittel nicht das Billiglockmittel für den Konsum sein dürfen,
wenn man gleichzeitig Qualität und Sicherheit für die Ernährung
anbieten will. Ebenso sind hier die Verarbeiter der Milch- und Fleischwirtschaft
gefordert, die ihre Produkte mit entsprechender Deklaration der
Qualitätsmerkmale, nicht im gegenseitigen Konkurrenzkampf verschleudern
dürfen. Schließlich müssen auch die Konsumenten ihre Doppelmoral
aufgeben, die da einerseits Produktsicherheit, tier- und umweltgerechte
Produktion fordern, aber gleichzeitig beim Einkauf nach den Billigstpreisen
greifen. Gesunde Lebensmittel brauchen faire Preise, nicht nur in
Worten, sondern auch im täglichen Kaufgeschehen. Unterstützung zur
Realisierung dieser gemeinsamen Bemühungen zwischen Politik, Verarbeitern,
Handel und Konsumenten muss dabei von den Medien kommen. Mit Negativschlagzeilen
allein ist zwar rasch viel zerstört, aber noch lange nichts Neues
aufgebaut. Die Landwirtschaft in diesem Land hat ein Recht auf solidarische
Unterstützung von allen Seiten, wenn man nicht früher oder später
Einbrüche in den für Österreich so wichtigen Wirtschaftsbereich
des Fremdenverkehrs in Kauf nehmen will.
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Auch der Konsument ist gefordert.
Einerseits verlangt man nach
tier- und umweltgerechter Produktion,
andererseits greift man gedankenlos zu Billigstprodukten.
Gesunde Lebensmittel
brauchen faire Preise.
Foto: W. Reinthaler
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