Abgeltung für Erziehungsarbeit?
Streit ums Kindergeld
Zu einer fast unendlichen Geschichte hat sich der Streit um das
Kindergeld entwickelt. Bis Ende März sollen nun Wirtschaftsminister
Martin Bartenstein und Sozialminister Herbert Haupt ihre Pläne für
diese umstrittene Familienzuwendung vorlegen. Keine leichte Aufgabe,
denn es spießt sich so manches. Nicht nur die Zuverdienstgrenze.
- Hans Pflügl -
I m Koalitionsabkommen wurde das Kindergeld bereits beschlossen,
aber nur für zwei Jahre. Ein drittes war für Alleinerzieher-innen
vorgesehen und für den Fall, wenn der Vater selbst in Karenz geht
- die Familie sich sozusagen die Karenz teilt. Minister Haupt ist
nun mit der Idee an die Öffentlichkeit getreten, das Kindergeld
ab 2002 für drei Jahre zu gewähren. Und zwar allen Müttern, auch
ohne Versicherungsleistung und ohne Zuverdienstgrenze. Die Reaktionen
darauf hielten sich zwischen Jubel und Ablehnung. Für die Familienorganisationen
ist das Kindergeld die Erfüllung lang gehegter Forderungen. Offen
sind die Zuverdienstgrenzen. Sozialminister Haupt will keine Begrenzung,
Finanzminister Grasser schlägt 300.000 ATS brutto Jahresverdienst
vor, das sind etwa 21.000 Schilling im Monat. Koalitionspartner
Andreas Khol tritt für 15.000 ATS im Monat ein. Seine Partei zeigt
sich auch darüber hinaus sehr restriktiv: Das dritte Jahr soll nur
ausbezahlt werden, wenn auch die Väter selbst in Karenz gehen. Man
pocht dabei auf das seinerzeitige Koalitionsabkommen.
Innen- und Außenbremse
Gebremst wird in der Koalitionsregierung nicht nur aus den eigenen
Reihen aus, sondern auch von Seiten der Opposition. Alfred Gusenbauer
will das Kindergeld überhaupt vergessen und fordert statt dessen
eine Steuersenkung. Grünen-Sozialsprecher Karl Öllinger befürchtet,
dass sich das Kindergeld finanziell nicht ausgehen werde. Schützenhilfe
erhält Haupt lediglich von einigen FP-Politikern und den Familienverbänden.
Der Österreich- Präsident des Katholischen Familienverbandes, Johannes
Fenz, sieht Haupts Vorschläge in Richtung „Grundsicherung“ gehen.
Das Kindergeld sei „ein wichtiges Signal für eine nachhaltige und
langfristige Familienpolitik“. Es ermögliche vielen Familien die
zwar oft zitierte, aber kaum gewährte „Wahlfreiheit“. Die Eltern
bekämen dann unabhängig von Berufstätigkeit und Einkommen das Geld
für die Kinderbetreuung. Ob sie damit selbst die Betreuung übernehmen
oder fremde Betreuungsleistung (Kinderhort oder Tagesmutter) „einkaufen“,
sei ihre persönliche Entscheidung. Fenz geht es um die „größtmögliche
Wahlfreiheit“ für die Eltern. „Diese ist dann gegeben, wenn es zum
Bezug des Kindergeldes überhaupt keine oder eine sehr hohe Zuverdienstgrenze
gibt“, meint er. Und daran spießt es sich noch gewaltig.
Raubbau am Familienfonds
Helmut Schattovits vom Institut für Familienforschung bestätigt
dem Sozialminister die volle Finanzierbarkeit des Kindergeldes.
„Ohne das Budget zu belasten“, wie er sagt. Die Überschüsse im Familienfonds
reichen für die Ausbezahlung von drei Jahren Kindergeld. Es bedürfe
lediglich des politischen Willens, meint Schattovits. Es sei an
der Zeit, dass die Gelder aus dem Familienlastenausgleichsfonds
(FLAF) wirklich den Familien zukommen und nicht wieder zum Stopfen
von Budgetlöchern verwendet werden. Auch Kanzler Schüssel und Vizekanzlerin
Ries-Passer haben sich dafür ausgesprochen. Doch die Konsequenzen
daraus liegen in weiter Ferne. Der St. Pöltner Familienverbands-Vorsitzende
Josef Grubner zeigt sich über die dauernden Verunsicherungen in
den Diskussionen verärgert und meint, dass „doch endlich einmal
klar sein muss, dass es sich beim Kindergeld weder um eine Sozialleistung
noch um eine besonders familienfreundliche Aktion der Regierung
handelt, sondern lediglich um die berechtigte Abgeltung der Erziehungsleistung
für das Kind“. Bereits im Jahr 1954 wurde dies im Familienlastenausgleichsgesetz
festgeschrieben: „Der Ausgleich der Familienlasten hat zwischen
denjenigen zu erfolgen, die die Lasten im Interesse der gesamten
Gesellschaft tragen, und jenen, die solche Lasten nicht zu tragen
haben, jedoch bewusst oder unbewusst daraus Nutzen ziehen, dass
es andere für sie tun“.
Und die Finanzierung?
Dank der guten Wirtschaftslage kann sich Finanzminister Grasser
auf einen schnelleren Abbau des Defizits freuen. Mit 40 Milliarden
lag das Defizit im vergangenen Jahr um 15 Milliarden Schilling unter
dem veranschlagten Abgang. Auch der FLAF ist gut gefüllt. Das Karenzgeld
macht derzeit jährlich etwa 8,2 Mrd. Schilling aus dem 60-Milliarden-Topf
für die Familien aus. Daraus werden unter anderem auch die Familienbeihilfen,
die Schülerfreifahrten und Schulbücher bezahlt. Die Ausdehnung des
Kindergeldes auf alle, mit monatlich 6.000.- Schilling und auf drei
Jahre, macht zusätzlich 3,1 Mrd. Schilling aus, rechnet Schattovits
vor. Dies ergibt insgesamt 11,3 Milliarden Schilling im Jahr. Nachdem
der Überschuss im Familienlastenausgleichsfonds im Jahr 2002 nach
Berechnungen des Institutes für Familienforschung „deutlich mehr“
als fünf Mrd. Schilling ausmachen soll, sei der Zusatzaufwand finanzierbar.
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