Ein neuer Apfel der Versuchung
„Ist der Mensch noch zu retten?“
Düstere Vorzeichen am Beginn des 3. Jahrtausends: Umweltkatastrophen,
Genmanipulation, Euthanasie, Temelin und BSE halten die Gesellschaft
in Atem. Die Menschheit gefährdet sich selbst. In dieser ethisch-
philosophischen Auseinandersetzung ist die Kirche als kompetente
moralische Instanz gefordert: Es geht um die Zukunft des Menschen.
- Peter F. Moser -
Der angekündigte Weltuntergang zu Silvester 2000 ist ebenso ausgeblieben
wie der befürchtete Computercrash. Dafür halten zunehmend umweltbedingte
Katastrophen, Genmanipulation, Klonversuche, Euthanasie und zuletzt
Temelin, die BSE-Krise und das medikamentenverseuchte Schweinefleisch,
die Gesellschaft in Atem. Anerkannte Wissenschafter zeichnen ein
pessimistisches Bild der Zukunft.
Die Menschheit gefährdet sich zunehmend selbst.
Stephen Hawking, der wohl bedeutendste Wissenschafter auf dem Gebiet
der theoretischen Physik ist selbst schwerstbehindert und Inhaber
des Lehrstuhles an der Universität Cambridge, den schon der berühmte
Isaac Newton innehatte. Der 59jährige Hawking hat wesentlich zum
modernen Verständnis des Universums, besonders zum Phänomen der
Schwarzen Löcher beigetragen. Bei einem, kürzlich in Bombay gehaltenen
Vortrag erklärte er, dass er erwarte, dass die Gentechnik irgendwann
in der Zukunft „neue Menschen“ erschaffen wird. „Ich befürworte
das nicht, ich sage nur, es wird passieren, ob wir wollen oder nicht.
Jetzt, da wir die technischen Möglichkeiten haben, besteht die echte
Gefahr, dass wir alles auf dem Planeten auslöschen“, warnte Hawking.
Konkret befürchtet er, dass sich die Menschheit in den nächsten
hundert Jahren selbst vernichten könnte. Der amerikanische Trendforscher,
Politikwissenschafter und ehemalige Präsidentenberater John Nasbitt
kritisiert in seinem jüngsten Buch „High-Tech. High Touch“ den widerspruchslosen
Umgang mit der Technologie.
Die Anforderung der Zukunft ist es, die technologischen Erfindungen
den menschlichen Bedürfnissen anzupassen.
Er fordert in einem OÖN-Interview, die Beziehung zu den neuen
Technologien zu überdenken. „Ich finde es wichtig, dass Kinder mit
dem Computer umgehen können. Aber der Computer kann die Kinder nicht
lehren, wie man richtig lernt“, meint Nasbitt. „Es muss im Zeitalter
von High-Tech auch zunehmend um die menschliche Dimension, um „High
Touch“ gehen“. Das heißt für Nasbitt etwas überzeichnet: „wenn schon
in jeder Klasse ein Computer steht, dann sollte auch in jeder Klasse
ein Poet unterrichten.“ Die entscheidende Frage bringt der 71jährige
Forscher so auf den Punkt: „Bestimmen wir über das Handy oder bestimmt
das Handy über uns? Wir müssen die menschliche Dimension, unser
Verhältnis zur Umwelt, zur Familie, zur Natur unter dem Aspekt rasant
fortschreitender Technologisierung gestalten.“ Für die Zukunft meint
Nasbitt, dass die Gentechnik viel wichtiger sein wird als die Informationstechnik,
weil sie „die menschliche Entwicklung betrifft“. Die Gentechnik
zwingt die Menschheit in eine ethische und philosophische Diskussion,
die das angebrochene Jahrhundert bestimmen wird. Dazu gehört laut
Nasbitt auch die Frage, wer Zugang zu diesen Technologien bekommt.
Es besteht für ihn die große Gefahr einer weiteren Polarisierung
von Arm und Reich. Die Kirchen setzen sich schon Jahre mit diesen
Problemfeldern auseinander: Mit dem verantwortungsvollen Umgang
mit der Schöpfung (vgl. Konziliarer Prozess Basel, Graz), mit dem
umfassenden Schutz des Lebens (vgl. laufende Diskussion über aktive
Sterbehilfe) aber auch mit den Gefahren eines direkten Eingriffes
in die „göttliche Schöpfungsordnung“ wie im Bereich der Gentechnologie.
In der von Nasbitt prognostizierten ethisch-philosophischen Diskussion
sollte auch die Kirche ein gewichtiges Wort mitreden.
„Der Mensch ist der Weg der Kirche“ - formulierte Papst Johannes
Paul II. Wenn es sein muss, gilt es, den Menschen vor sich selbst
zu schützen, damit er auf dem ihm in der Schöpfungsordnung vorgegebenen
Weg bleibt. Kompetent und konsequent muss auf gefährliche Irrwege
hingewiesen, ja dagegen protestiert werden und an die große Verantwortung
der Wissenschafter appelliert werden. Die Versuchung ist groß. Der
Bereich der Gentechnik scheint der neue Apfel zu sein. Auch genügend
Verführer stehen bereit. Schon einmal haben die Menschen das Paradies
verloren, - indem sie sein wollten wie Gott.
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