Ein neuer Apfel der Versuchung
„Entkleidete Narren“ - Die Masken (nicht nur) der Männer
- Peter Glas -
Ein Beamter schildert in seinem Tagebuch einen Arbeitskollegen.
Es ist erschütternd zu lesen, wie sich an der Person dieses Mitarbeiters
eine verfahrene Situation im Büro zugespitzt hat, die sich durch
Mangel an offenem und ehrlichem Umgang miteinander ergeben hat:
„Er war unmöglich. Nicht etwa, dass er seine Arbeit nicht tat: Im
Gegenteil, er verwendete unendliche Mühe auf die Aufgaben, die man
ihm übertrug.
Sein Verhalten aber brachte ihn mit jedermann in Konflikt und begann
schließlich den ganzen Betrieb zu stören. Als die Krise eintrat
und alles an den Tag kam, beschuldigte er uns andere.
Bei ihm sei nichts, aber auch gar nichts zu tadeln. So stark war
offenbar seine Selbstachtung an die Vorstellung gebunden, er sei
schuldlos, dass es förmlich widerwärtig war, Schritt für Schritt
auf die Widersprüche in seiner Verteidigung hinweisen zu müssen,
ihn Stück für Stück vor sich selbst zu entkleiden. Die Gerechtigkeit
gegen die anderen erforderte dies aber. Als sein letzter Lügenfetzen
fiel und nichts mehr zu sagen war, brach er in ein krampfhaftes
Schluchzen aus: ‚Warum habt ihr mir nie geholfen, warum habt ihr
mich nicht zurechtgewiesen ...? Ich habe gefühlt, dass ihr gegen
mich eingestellt seid. Und die Angst und Unsicherheit haben mich
immer weiter in das hineingetrieben, was ihr nun tadelt. Alles war
so schwer. Eines Tages, kann ich mich erinnern, war ich glücklich:
Einer von euch hatte gesagt, etwas, was ich tat, sei richtig gewesen
...‘“
Offenbar haben die Arbeitskollegen – zumindest dem bloßgestellten
Mitarbeiter gegenüber – keinen ehrlichen Umgang gepflegt. Sie haben
voreinander „Narrenkleider“ und „Masken“ getragen. Aber auch der
„entkleidete Narr“ hat bis zur geschilderten Auseinandersetzung
eine Maske getragen.
Wenn ich z.B. in der Wiener Innenstadt den verschiedensten Menschen
begegne und beobachte, wie sie sich nach außen geben, denke ich
mir oft: Sind diese Leute wirklich so, wie sie erscheinen? – Ist
z.B. jemand, der durch auffälliges Telefonieren mit seinem Handy
wichtig wirkt und sich dabei gefällt, wirklich so wichtig? Was verbirgt
sich hinter dieser Wichtigtuerei? Mehr oder weniger tragen wir alle
Masken, schlüpfen wir in verschiedene Rollen. Teilweise ist das
ein wichtiger Schutz bzw. eine Hilfe im Alltag. Dennoch dürfen diese
Rollen, die wir z.B. am Arbeitsplatz, in Vereinigungen, im Urlaub
usw. bekleiden, nicht zu einem „Narrenkleid“ werden, das nichts
mehr mit unserer Person zu tun hat. „Ehrlich währt am längsten.“,
heißt ein bekanntes Sprichwort. Wenn wir keinen ehrlichen Umgang
miteinander pflegen und uns hinter Masken verstecken, werden wir
innerlich verkümmern. Diese Einsicht hat jemand, der genau darunter
gelitten hat, so formuliert: „Erstickt in meinem Narrenkleid verwittert
ausgetrocknet mein Wesen.“
Wir brauchen dringend Räume, Personen, Zeiten, wo wir so sein können,
wie wir wirklich sind, wo wir aussprechen können, was uns bewegt,
was uns freut oder belastet. Als Glaubende haben wir außerdem eine
Gewissheit: Gott kennt uns bis auf den tiefsten Grund. Er ist vertraut
mit allen unseren Wegen (Lesen Sie dazu Psalm 139!).
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Vergebens sehnen wir uns
nach den anderen,
weil wir nicht wagen,
uns selbst zu geben ...
Dag Hammarskjöld
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