Hauptsache, die Maschine läuft? Männer und ihr Körper
Rechtzeitig Hilfe annehmen
Die Zeitschrift der Männerarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland
Nr.22/2000 stand unter dem Motto: „Hauptsache die Maschine läuft
- Männer und ihr Körper“.
- Msgr. Franz Wilfinger -
Beim flüchtigen Durchblättern - heute verwendet man statt dessen
den Ausdruck ´Anlesen´ - stellten sich ganz von selbst einige Fragen
ein: Wäre ein Besuch beim Zahnarzt nicht überfällig, nach Jahr-zehnten
wäre die Konsultation eines Orthopäden kein Luxus. Der Fragenkatalog
lässt sich noch fortsetzen. Diese aufkeimenden Fragen fanden eine
Antwort, die RUFER -Lesern nicht fremd ist: Dazu habe ich jetzt
keine Zeit, das und jenes ist zu tun, Termine sind wahrzunehmen,
Verpflichtungen zu erfüllen. Außerdem sind die Beschwerden nicht
so störend, die Signale nicht so alarmierend, dass ich jetzt schon
was dagegen tun müsste - es hat sicher noch Zeit. Mein Verhalten
ist sicher kein Einzelfall. Ein befreundeter Mediziner - seines
Zeichens Urologe - erzählte mir von seinem Vorhaben, in einer Vortragsreihe
über spezifische Männerbeschwerden zu referieren und auf entsprechende
Vorbeugemaßnahmen hinzuweisen. Der Zielgruppe gemäß wurden nur Männer
eingeladen - die erste Veranstaltung war ein Fiasko. Bei den Folgeveranstaltungen
schrieb er nicht mehr die Männer an, die weiter Zielgruppe blieben,
sondern Frauen. Sie wurden gebeten, ihren Männern die Vorteile dieses
Angebotes schmackhaft zu machen - die Veranstaltungsreihe nahm den
gewünschten Verlauf.
In der eingangs genannten Zeitschrift findet sich auch ein Interview
mit dem Chefredakteur von „Men´s Health“, eines Hamburger Männermagazins.
Ein Ausschnitt dieses Interviews: Männerforum: Sie zitieren in Men´s
Health einen Wissenschaftler mit den Worten: „Männern muss man über
technische Daten einen Zugang zum Körper eröffnen.“ Und ich erinnere
mich an eine ältere Ausgabe ihrer Zeitschrift, in der sie den männlichen
Körper wie ein Auto, wie eine Maschine, dargestellt und beschrieben
haben. Ist dieser technische Blick auf den Körper eine spezifisch
männliche Zugangsweise und von daher bewusst gewählt? Chefredakteur:
Wir haben sogar mal ein „Wartungsheft für den Körper“ gemacht. Da
stand dann, ähnlich wie in einem Auto-Check-Heft: Das müssen Sie
mit dreißig, das mit vierzig, das mit fünfzig tun. Ich denke in
der Tat, dass dies eine sehr maskuline Form ist, den Mann zum Nachdenken
über seinen Körper zu bringen. Man muss sich männlicher Bilderwelten
bedienen.
Ich fragte einen praktischen Arzt um seine Meinung. Dr. Hruschka,
Vertrauensarzt der Erzdiözese, im Nebenberuf Verfasser und Hauptdarsteller
von Sketches nestroyanischen Zuschnitts bei unseren pfarrlichen
Festen, brachte Folgendes zu Papier:
„Mann braucht keinen Arzt!“
Dies scheint eine typisch männliche Grundhaltung zu sein. „Den
Arzt braucht nur, wer krank ist, - krank zu sein aber gilt als ein
Zeichen der Schwäche, und ist daher unmännlich!“ Die Beziehung vieler
Männer zum eigenen Körper ist - vorsichtig ausgedrückt - sehr merkwürdig.
Dieser hat ganz einfach zu funktionieren! Ein bisschen Hygiene vielleicht,
„ordentlich“ essen und trinken, aber sonst - „nicht einmal ignorieren“!-
Mann bringt zwar sein Auto zum Service - aber an Vorsorge für den
eigenen Körper denkt er oft nicht, eine Gesundenuntersuchung ist
ihm verdächtig nahe zur Hypochondrie. Selbst auftretende Beschwerden
und beginnende Krankheitssymptome werden lange Zeit überspielt -
oft bis ein Schaden nicht mehr zu verhindern ist. Ein (hoffentlich)
überstandener Herzinfarkt kratzt ja doch viel weniger am männlichen
Image, als am Stammtisch statt Bier plötzlich Mineralwasser zu bestellen,
vom Auto aufs Fahrrad umzusteigen oder gar irgendwelche Tabletten
gegen hohen Cholesterinspiegel zu schlucken. Wenn Mann aber schon
seinen Körper so vernachlässigt, der relativ leicht gewogen, gemessen,
untersucht und behandelt werden kann, wie geht er dann erst mit
seinem Geist und seiner Seele um?
Dr.Leo Hruschka
Auf die Frage nach dem Umgang des Mannes mit seinem Geist und seiner
Seele findet sich in dem weiter oben zitierten Interview eine bezeichnende
Antwort. Männerforum: „Nun weiß man ja, daß sich Männer nicht so
gerne öffnen. Welche Erfahrungen machen sie in dieser Hinsicht mit
den Lesern von Men´s Health?“ Chefredakteur: „Wir profitieren indirekt
von dieser Tatsache. Männer öffnen sich einem solch anonymen Ansprechpartner
wie Mens´s Health eher. Ich bin überzeugt, dass viele Männer die
Probleme, die sie uns geschildert haben - per Telefon, per e-mail
oder per Brief - sonst noch niemandem erzählt hatten. Wir versuchen
in solchen Fällen, an kompetente Experten weiter zu vermitteln oder
selbst zu helfen, soweit wir das können.“ Ein kompetenter Fachmann,
Mag. Koder (Systemische Beratung - Supervision - Psycho-therapie)
fasst in einigen Schlagworten zusammen, was Männer dazu bewegen
kann, seelische Probleme nicht ernst zu nehmen: Mann lebt eine Art
Wildwestphilosophie - er ist der einsame Cowboy, der mit allem allein
fertig wird; Mann weiß immer, wo es lang geht - er reagiert ´wie
aus der Pistole geschossen´ Mann handelt und redet nicht Mann, will
er echt sein, kennt keinen Schmerz und zeigt keine Gefühle. Hinter
dieser „harten“ Fassade versteckt sich oft nichts anderes als die
nackte Angst: Nur ja nicht aus dem „normalen“ Rahmen zu fallen -
man könnte als gestört gelten; nur ja nicht als „zu weich“ erscheinen
- man könnte kein ganzer Mann sein; nur ja nicht Fehler und Schwächen
eingestehen - das wäre ein Zeichen von Hilflosigkeit und Hilfsbedürftigkeit.
Flucht und Sucht
Dabei sind die Problemfelder im alltäglichen Leben nicht zu übersehen:
Flucht - und Suchtverhalten -(Alkohol, Gewalt, Arbeit, Beruf); sich
als Außenseiter (Fremder) erfahren in der eigenen Familie, im Umfeld
des Berufes; sich als leer und ausgebrannt verspüren; Erwartungshaltungen
entsprechen zu müssen - und damit ständig unter Leistungsdruck zu
stehen; „Rikscha-Verhalten“ an den Tag legen - nach oben gebeugter
Rücken, nach unten treten. Nehmen wir unseren Körper ernst, dann
werden wir den Arzt nicht erst aufsuchen, wenn wir schwer krank
sind. Mehr Sinn macht es, vorbeugende Maßnahmen zu setzen und auf
die warnenden „Vorzeichen“ zu achten. Mann macht das nicht gerne
- aber wir tragen für unser Leben Verantwortung - in unserer kirchlichen
Überlieferung sprechen wir von der geordneten Selbstliebe, die sogar
das Maß der Nächstenliebe ist. Nehmen wir unsere Seele ernst, dann
wären auch hier Fachleute - Therapeuten - aufzusuchen; sowohl im
Akutfall, wie auch vorbeugend. Es gibt Belastendes, Lähmendes, das
nichts mit persönlicher Schuld zu tun hat, das im letzten krank
macht - seelisch krank - und dafür gibt es Fachmänner -und frauen,
die Psycho-therapeutInnen. In der Feier des Bußsakramentes, bei
der Beichte erfahren wir Vergebung von Schuld, Hilfe und Klarheit,
wie wir mit Gottes Gnade unseren ganz persönlichen Glaubensweg gehen
können. Ich sehe die Fastenzeit als eine Einladung zum Heilwerden,
zum Ganzwerden. Um diese Ganzheit, diese Einheit zu erreichen, darf
kein Einzelbereich - weder Körper, noch Geist, noch Seele benachteiligt
oder übersehen werden.
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Eine typisch männliche Grundhaltung:
„Den Arzt braucht nur, wer krank ist, -
krank zu sein aber gilt als ein Zeichen der Schwäche, und ist daher
unmännlich!“
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