Der Mensch ist nicht als Rund-um-die-Uhr-Wesen konstruiert!
Neue Öffnungszeiten verschärfen alte Probleme!
- Erwin Burghofer -
Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten
Anfang April unternahm Wirtschaftsminister Bartenstein einen neuen
Vorstoß zur Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten. Sein Plan sieht
die Freigabe zwischen Montag null und Samstag 17.00 Uhr und eine
Erhöhung der Wochenöffnungszeit von 66 auf 72 Stunden vor. Neben
der Freigabe der Öffnungszeiten ist auch eine Streichung der Regelung,
wonach Beschäftigte die Samstag nachmittag arbeiten, den darauf
folgenden Samstag frei bekommen müssen, geplant. Der Entwurf sieht
weiters die Einbeziehung von Frisören, Banken, Reisebüros, Wechselstuben,
Copyshops, Kosmetiksalons und Fotografen vor.
Einstieg in die Sonntagsöffnung
Die Regelung, das auf Bahnhöfen Lebensmittel auf Verkaufsflächen
bis 200 qm und in Tankstellen auf Flächen bis 80 qm, verkauft werden
dürfen, ist ein Einstieg in die generelle Sonntagsöffnung. „Das
ist ein eklatanter Vertrauensbruch gegenüber den Handelsangestellten.
Die Samstagregelung war immer als Kompensation für die Verlängerung
der Beschäftigung am Samstagnachmittag vereinbart. Nach vier Jahren
will jetzt ein Herr, der den Titel Arbeitsminister trägt, den Pakt
brechen und den Beschäftigten das freie Wochenende stehlen“, kritisiert
Erich Reichelt, zuständiger Wirtschaftsbereichsleiter in der GPA.
Zudem stelle der Vorschlag neuerlich einen Eingriff in die bestehenden
Kollektivverträge dar. Darüber hinaus bringe der Bartenstein-Entwurf
Verschlechterungen für Berufsgruppen, die weit über den Bereich
der Handels-angestellten hinaus gehen. Auch der Bundesobmann des
ÖAAB Dr. Werner Fassl-abend sprach klare Wort: „Im Interesse von
einer Viertelmillion Handelsangestellten sagen wir zu den derzeit
in der Öffentlichkeit diskutierten Plänen, Geschäften die Öffnung
bis in die Nachtstunden zu gestatten ein klares Nein.“
Ex- Familienminister - Arbeitsminister
„Es scheint den Arbeitsminister nicht zu stören, das die Lebensqualität
vieler Menschen darunter leiden würde. Bereits jetzt sind viele
Kinderbetreuungseinrichtungen nicht ausreichend an den Bedürfnissen
von berufstätigen Eltern orientiert. Eine Ausweitung der Ladenöffnungszeiten
wird die Lage für viele Familien noch weiter verschärfen. Gerade
als Ex-Familienminister sollte Bartenstein wissen, dass er mit den
Vorschlägen, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verhindere“,
meint auch die ÖGB-Frauenvorsitzende Renate Csörgits.
Gefährdung der Nahversorgung
Eine Ausdehnung der Ladenöffnungszeiten bis in die Nacht würde
zudem die kleinen Versorgungsbetriebe gefährden, die sich ein solches
rund-um-die-Uhr-Offenhalten nicht leisten könnten. Darunter würde
auch die Nahversorgung leiden, die ohnehin schon in vielen Regionen
kaum mehr vorhanden ist. Eine Regelung, wie sie derzeit diskutiert
wird, würde ausschließlich den großen Handelsketten nützen. Die
Politik darf nicht den Fehler machen und sich deren Diktat unterwerfen.
„Flexibilisierung der Arbeitszeit“ Eine von ArbeitnehmerInnen in
der Vergangenheit gefordertes Modell - hat so eine vollkommene Umkehrung
erfahren. Immer weniger geht es heute darum, das ArbeitnehmerInnen
durch flexiblere Arbeitszeitmodelle Familie und Beruf unter einen
Hut bringen können, vielmehr sollen sie - je nach Bedarf - dann
z. B. an den Supermarktkassen sitzen, wenn sich mehr als fünf Kunden
anstellen. Dann - und nur dann - werden sie auch dafür bezahlt.
Wer hat die Herrschaft über seine/ihre Zeit?
Richten wir uns nach dem Wohl der Familien und besonders der Kinder
oder versuchen wir durch Arbeitszeitmodelle und Öffnungszeiten Betriebsstätten
und Maschinen besser auszulasten um Gewinne zu erhöhen. Menschen
sind nicht als „Rund-um-die-Uhr-Wesen“ konstruiert. Sie brauchen
die Stunden des Schlafens und des Träumens, sie brauchen die geregelten
Zeiten um etwas gemeinsam unternehmen zu können und Beziehungen
zu pflegen und sie brauchen auch die Gewissheit nicht in fünf Jahren
zum „alten Eisen“ zu gehören, für das schon dringend Entsorgungsmöglichkeiten
gesucht werden.
Erwin Burghofer
Katholische Arbeitnehmer Bewegung
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