Fragen Sie den rufer - Es antwortet Angelika Walser,
Mitarbeiterin der theolog. Kurse, Wien
Gibt es die Sonntagspflicht noch?
Ja, es gibt sie noch - die Sonntagspflicht!
Laut Kirchenrecht besteht sie in der Mitfeier der Eucharistie und
in der Erholung für Geist, Leib und Seele. Die Wertschätzung
des Sonntags hat viele gute Gründe. Die Apostelgeschichte (ca.
100 n.Chr.) erzählt, dass sich die Anhänger Jesu am ersten
Wochentag trafen, um miteinander das Brot zu brechen
(Apg 20,7). Die Tageszählung übernahmen sie aus der jüdischen
Tradition. Ein neuer christlicher Name für den ersten Wochentag
taucht auf: Tag des Herrn. Er geht auf den Apostel Paulus
zurück, der in seinem Brief an die Gemeinde von Korinth (ca.
50 n.Chr.) vom Herrenmahl spricht (1 Kor 11,20).
Die Gemeinschaft um Jesus Christus feierte mit ihrem Mahl also das,
was wir auch heute noch jeden Sonntag feiern: Der Herr ist auferstanden.
Übrigens: In romanischen Sprachen wie im Spanischen ist die
Bezeichnung Tag des Herrn heute noch erhalten (domingo).
Doch auch unsere Bezeichnung Sonn-Tag aus dem Germanischen
passt gut, denn wir glauben ja: Unser Herr ist die wahre Sonne.
Mit Jesus Christus geht also sozusagen die Sonne auf! Schade, dass
man uns das nicht ansieht! Was da so sonntags in die Kirche hinein-
und aus der Kirche hinausschleicht, gleicht oft eher einem Begräbniszug.
Aus dem Jubel anlässlich des Sieges des Lebens über den
Tod ist eine Pflicht geworden, die von den noch Anwesenden eben
abgesessen wird. Gestresste priesterliche Sakramentomaten,
die nur noch funktionieren; teilnahmslose Gemeinden; unverständliche
Formelsprache; hilflose Organisten, die halt irgendwas spielen
- die Ausstrahlungskraft unserer Sonntagsgottesdienste hält
sich wahrlich in Grenzen. Dass jemand angesichts dieser Pflichtveranstaltung
seine angeborene Sonntagsfaulheit überwindet, halte ich persönlich
für unwahrscheinlich. Ich habe dagegen die Erfahrung gemacht:
Wo eine Gemeinde über die Gestaltung ihrer Sonntagsmesse nachdenkt,
da tut sich einiges. Ich meine damit nicht mehr action.
Ich meine damit: Ein stärkeres Bewusstsein für das, was
wir da feiern. Mehr Sensibilität für den inneren Zusammenhang
von Gesten, Worten und Musik. Deswegen werden die Massen trotzdem
nicht in unsere Kirchen hineinströmen! Aber die Menschen, die
am Sonntag gestärkt und hoffnungsvoll aus der Kirche herauskommen,
werden ihre Wirkung sicher nicht verfehlen!
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Angelika Walser,
wissenschaftliche Mitarbeiterin
der theologischen Kurse, Wien
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