Ein Interview mit Bischof Charles Gabriel Palmer-Buckle (Ghana)
Freund der Menschen sein!
Heute steigt im christlichen Abendland die Zahl
der Kirchenaustritte. Anderswo ist die katholische Kirche im Vergleich
zum Islam oder fernöstlichen Religionen zwar in der Minderheit,
aber dafür von innen mit Leben erfüllt. Was denkt ein
Afrikaner, wenn er heute auf Europa blickt?
Bischof Charles Gabriel Palmer-Buckle aus der Diözese Koforidua
in Ghana ist Präsident der Caritas Afrika und Vizepräsident
der Caritas International. Für sein unermüdliches Engagement
in der Bildungsarbeit und den Kampf für soziale Gerechtigkeit
wurde er 2002 von der Katholischen Männerbewegung Österreichs
mit dem Erzbischof-Romero-Preis ausgezeichnet.
Für den rufer sprach Bernhard Herzberger mit ihm über
seinen persönlichen Glaubensweg, fragte, was für ihn Kirche
bedeutet und konfrontierte ihn mit der Situation der beiden Kontinente
Europa und Afrika.
Zeit haben: für Gott und füreinander
rufer: Herr Bischof, in Ghana spielt die katholische
Kirche erst seit rund 120 Jahren eine Rolle. 15,3 Prozent der Bevölkerung
sind bekennende Katholikinnen und Katholiken.
Wie haben Sie den Glauben an Christus für sich entdeckt?
C. Palmer-Buckle: Eine große Rolle spielte meine
Familie, in der es schon vor vier Generationen die ersten Christen
gab. Das ist außergewöhnlich für Ghana. Grund dafür
ist, dass mein Urgroßvater - wahrscheinlich als Sohn eines
Sklaven - 1856 in England geboren wurde. Dort gehörte er der
anglikanischen Kirche an. Erst mein Vater und meine Mutter wechselten
die Kirche. Ich selbst wurde sozusagen schon katholisch
geboren und christlich erzogen. Als ich neun Jahre alt war, zogen
wir in die Hauptstadt Ghanas, nach Accra. Dort wirkten Steyler Missionare
aus Deutschland. Einer der Patres war ein großes Vorbild für
mich. Dass ich einmal Priester werden wollte, sagte ich meinem Vater
schon mit zehn Jahren. Mit dreizehn kam ich ins Gymnasium. Später
ging ich zum Studium nach Rom.
rufer: Heute sind Sie Bischof. Worin sehen Sie Ihre
Aufgaben?
C. Palmer-Buckle: Meine erste Aufgabe ist es, ein
Freund der Menschen zu sein. Ich will mithelfen, ihre Sorgen zu
tragen und sie auf dem Weg des Lebens begleiten, wie Jesus es für
uns getan hat.
rufer: Wenn Sie heute Kirche in Afrika
und Europa betrachten, gibt es hier Unterschiede?
C. Palmer-Buckle: Ja, in Afrika merkt man das Wachsen
der Kirche, die jung und sehr lebendig ist. Es gibt sehr Viele,
die einsteigen. Unsere Leute sind froh in der Kirche und sie haben
Zeit für die Eucharistiefeier und Zeit füreinander. In
Europa ist die Kirche sehr alt geworden, sie ist nicht so lebendig,
wie sie sein könnte. Es gibt sehr große Spannungen zwischen
Klerus und Gläubigen und wenig Möglichkeiten über
die Probleme zu reden. Es scheint, jeder will seinen Willen behalten,
durchhalten, nicht weg von seiner Meinung.
Teilen: andere und sich selbst bereichern
rufer: Worin liegt der Grund für diese Unterschiede?
C. Palmer-Buckle: Ich denke, die Ursache ist mehr
kulturell als kirchlich bedingt. In Europa glaubt jeder, seine Meinung
durchsetzen zu müssen. Man merkt das auch in der Politik. Man
muss in Europa wieder mehr Zeit füreinander finden. Der Individualismus
ist hier ein bisschen zu stark - gemeinsames Leben viel zu schwach
geworden.
rufer: Was würden Sie der Kirche und den Menschen
in Europa, in Österreich, mit auf den Weg geben?
C. Palmer-Buckle: So wie Christus für seine Jünger
viel Zeit gehabt hat, mit ihnen gegessen hat, sich zu ihnen gesetzt
und mit ihnen geredet hat, so sollte man sich auch in der Kirche
mehr Zeit füreinander nehmen und die Wege Christi zu Freundschaft
und Gemeinschaft finden.
In der Politik finde ich das schwindene Engagement der westlichen
Industriestaaten in Afrika bedenklich.
Europa ist sehr reich von Gott begnadet und begabt, aber nicht nur
für Europa, sondern für die ganze Welt. Ich habe manchmal
den Eindruck, Europa wird zu einer Befestigung, einer Burg gemacht,
schließt sich ganz langsam ab. Das ist eine große Gefahr.
Europa kann mehr schenken und teilen, ohne dass es dadurch ärmer
wird. Wer teilt, bereichert nicht nur den anderen, sondern auch
sich selbst.
rufer: Danke für das Interview.
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Bischof Charles Gabriel Palmer-Buckle, Romero-Preis-Träger
2002 aus Ghana: "Meine erste Aufgabe ist es, ein Freund der
Menschen zu sein. Ich will mithelfen, ihre Sorgen zu tragen und
sie auf dem Weg des Lebens begleiten, wie Jesus es für uns
getan hat
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