...
darf sie losgetreten werden?
Die
Frage, wie wir Christen uns zum Krieg zu stellen haben, erhält
angesichts der Situation im Irak eine geradezu quälende,
aktuelle Dringlichkeit. Zwei Fakten spitzen diese Frage zu: Zum
einen scheut sich Präsident Bush nicht, das militärische
Eingreifen im Irak unter Berufung auf Gott zu begründen.
Zum anderen spricht sich Johannes Paul II. und mit ihm viele Bischöfe
und Bischofskonferenzen in unzweideutiger Weise gegen diesen Krieg
aus.
Die Antwort auf die gestellten Fragen wird aber dadurch nicht
gerade erleichtert, dass die Stellung der Kirche zum Krieg in
der Vergangenheit höchst zwiespältig war. Bischöfe
und Päpste traten selbst als Kriegsherren in Erscheinung,
Armeen und Waffen wurden gesegnet und um Gottes Hilfe zur Vernichtung
der Feinde gebetet. Außerdem gibt es da noch die Lehre vom
gerechten Krieg - ein skandalöser Gedanke, wie es scheint.
Aber Vorsicht! Gerade die Lehre vom gerechten Krieg sollte nicht
unter die kirchlichen Verirrungen gerechnet werden. Gerade sie
erlaubt nämlich keine leichtfertige Absegnung der Gewalt.
Die Kriterien dafür, dass ein Krieg zu rechtfertigen sein
könnte - gerecht im eigentlichen Sinne ist er nie - sind
nämlich sehr streng. So wird gefordert, dass Gewalt erst
als allerletztes Mittel eingesetzt werden darf, dass sie nur dann
erlaubt ist, wenn es gilt, ein extremes Unrecht aus der Welt zu
schaffen und dass das durch den Krieg verursachte Leid nicht größer
sein darf als dasjenige, das er beseitigen soll. Legt man diese
Kriterien an die kriegerischen Konflikte der vergangenen Jahre
an, wird man bei weitem nicht alle rechtfertigen können.
Es gibt aber noch ein weiteres Kriterium in der Lehre vom rechtfertigbaren
Krieg: Zum Gewalteinsatz darf nur greifen, wer sich darüber
im Klaren ist, dass das Recht niemals nur auf seiner Seite und
das Unrecht niemals nur auf der Seite des Gegners ist.
Gut
gegen Böse?
Die
Front im Kampf ist niemals identisch mit der Grenzlinie zwischen
Gut und Böse. Jeder Krieg, der daher unter dem Vorzeichen
eines Kampfes zwischen den Kindern des Lichts und den Kindern
der Finsternis geführt wird, ist nach der alten Lehre der
Kirche unerlaubt. Aber in welchem Krieg wird nicht der Gegner
dämonisiert, wird nicht die Wahrheit über die eigene
Schuldverstrickung auf dem Altar der Propaganda geopfert?! Es
wird sich kaum einer finden lassen; und auch im jüngsten
Irakkrieg halten dieser Prüfung wohl beide Seiten nicht stand.
Wozu dann überhaupt eine Lehre über rechtfertigbare
Kriege? Nun, denkbar ist es wohl immerhin, dass in einer durch
Sünde geprägten Welt Situationen auftauchen, in denen
man mit Gewalt dazwischen gehen muss, um ein größeres
Unheil zu verhindern. Denkbar ist es, dass Menschen, die sich
nicht freiwillig dazu entschieden haben, das Martyrium auf sich
zu nehmen, auch mit Waffengewalt vor diesem bewahrt werden müssen.
Denkbar ist es auch, dass ein Tyrann getötet werden muss,
um tausende Leben zu retten. Wer aber immer zu diesem Mittel greift,
muss sich - so lehrt es die Kirche - dessen bewusst bleiben, dass
er damit nichts Gutes tut, sondern lediglich ein kleineres Übel
wählt. Wer immer kriegerische Mittel in rechtfertigbarer
Weise einsetzt, muss dies mit Selbstzweifeln tun und ohne heroische
Siegerposen. Die gefährliche Bestie des Krieges aus ihrem
Käfig zu lassen, darf also immer nur in bußfertiger
Haltung gewagt werden, weil man sich damit auf jeden Fall schuldig
macht. Ob es im konkreten Fall eine noch größere Schuld
darstellen könnte, dieses Mittel nicht zum Einsatz zu bringen,
ist sicherlich eine der schwersten Gewissensentscheidungen, vor
die ein Mensch gestellt werden kann.