Wilhelm
Guggenberger


Der Autor
ist Universitätsprofessor
in Innsbruck
 
 
 
Die Bestie des Krieges
... darf sie losgetreten werden?

Die Frage, wie wir Christen uns zum Krieg zu stellen haben, erhält angesichts der Situation im Irak eine geradezu quälende, aktuelle Dringlichkeit. Zwei Fakten spitzen diese Frage zu: Zum einen scheut sich Präsident Bush nicht, das militärische Eingreifen im Irak unter Berufung auf Gott zu begründen. Zum anderen spricht sich Johannes Paul II. und mit ihm viele Bischöfe und Bischofskonferenzen in unzweideutiger Weise gegen diesen Krieg aus.

Die Antwort auf die gestellten Fragen wird aber dadurch nicht gerade erleichtert, dass die Stellung der Kirche zum Krieg in der Vergangenheit höchst zwiespältig war. Bischöfe und Päpste traten selbst als Kriegsherren in Erscheinung, Armeen und Waffen wurden gesegnet und um Gottes Hilfe zur Vernichtung der Feinde gebetet. Außerdem gibt es da noch die Lehre vom gerechten Krieg - ein skandalöser Gedanke, wie es scheint. Aber Vorsicht! Gerade die Lehre vom gerechten Krieg sollte nicht unter die kirchlichen Verirrungen gerechnet werden. Gerade sie erlaubt nämlich keine leichtfertige Absegnung der Gewalt.
Die Kriterien dafür, dass ein Krieg zu rechtfertigen sein könnte - gerecht im eigentlichen Sinne ist er nie - sind nämlich sehr streng. So wird gefordert, dass Gewalt erst als allerletztes Mittel eingesetzt werden darf, dass sie nur dann erlaubt ist, wenn es gilt, ein extremes Unrecht aus der Welt zu schaffen und dass das durch den Krieg verursachte Leid nicht größer sein darf als dasjenige, das er beseitigen soll. Legt man diese Kriterien an die kriegerischen Konflikte der vergangenen Jahre an, wird man bei weitem nicht alle rechtfertigen können. Es gibt aber noch ein weiteres Kriterium in der Lehre vom rechtfertigbaren Krieg: Zum Gewalteinsatz darf nur greifen, wer sich darüber im Klaren ist, dass das Recht niemals nur auf seiner Seite und das Unrecht niemals nur auf der Seite des Gegners ist.

Gut gegen Böse?

Die Front im Kampf ist niemals identisch mit der Grenzlinie zwischen Gut und Böse. Jeder Krieg, der daher unter dem Vorzeichen eines Kampfes zwischen den Kindern des Lichts und den Kindern der Finsternis geführt wird, ist nach der alten Lehre der Kirche unerlaubt. Aber in welchem Krieg wird nicht der Gegner dämonisiert, wird nicht die Wahrheit über die eigene Schuldverstrickung auf dem Altar der Propaganda geopfert?! Es wird sich kaum einer finden lassen; und auch im jüngsten Irakkrieg halten dieser Prüfung wohl beide Seiten nicht stand.
Wozu dann überhaupt eine Lehre über rechtfertigbare Kriege? Nun, denkbar ist es wohl immerhin, dass in einer durch Sünde geprägten Welt Situationen auftauchen, in denen man mit Gewalt dazwischen gehen muss, um ein größeres Unheil zu verhindern. Denkbar ist es, dass Menschen, die sich nicht freiwillig dazu entschieden haben, das Martyrium auf sich zu nehmen, auch mit Waffengewalt vor diesem bewahrt werden müssen. Denkbar ist es auch, dass ein Tyrann getötet werden muss, um tausende Leben zu retten. Wer aber immer zu diesem Mittel greift, muss sich - so lehrt es die Kirche - dessen bewusst bleiben, dass er damit nichts Gutes tut, sondern lediglich ein kleineres Übel wählt. Wer immer kriegerische Mittel in rechtfertigbarer Weise einsetzt, muss dies mit Selbstzweifeln tun und ohne heroische Siegerposen. Die gefährliche Bestie des Krieges aus ihrem Käfig zu lassen, darf also immer nur in bußfertiger Haltung gewagt werden, weil man sich damit auf jeden Fall schuldig macht. Ob es im konkreten Fall eine noch größere Schuld darstellen könnte, dieses Mittel nicht zum Einsatz zu bringen, ist sicherlich eine der schwersten Gewissensentscheidungen, vor die ein Mensch gestellt werden kann.

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Die KMB ist eine Gliederung der Kath. Aktion der Diözese St. Pölten
verantwortlich für den Inhalt: Josef Muhr