Am 14.
und 15. November findet das
1. St. Pöltner Männerforum mit dem Titel
Macht und Ohnmacht der Männer im Bildungshaus St. Hippolyt statt.
Als Referent konnte Joachim Lempert - ein europaweit anerkannter Fachmann in der
Arbeit mit Gewalttätern - gewonnen werden. Ich will in diesem Artikel stark
verkürzt die vier Irrtümer beschreiben, die es J. Lempert nach in Bezug
auf gewalttätige Männer gibt; und in einem jeweils zweiten Schritt die
Verbindung zu einer Gewaltberatung herstellen, die zwischen Herrn Mayer (Name
geändert) und mir stattgefunden hat, damit Sie, lieber Leser, erkennen, dass
gewalttätige Männer, Männer wie Sie und ich sind.
Irrtum
1:
Der Täter - ein Monster
Zitat Lempert: Diesem
Täterbild zufolge ist Gewalt für den Täter regelmäßig
das Mittel der Wahl, um einen Konflikt zu lösen. Sie sind körperlich
überlegen und nützen das aus. Sie sind sprachlich unterlegen, eher ungebildet,
bisweilen sogar dumm. Wenn sie Alkohol getrunken haben, sind sie besonders gefährlich.
Kurz gesagt, sie sind unbelehrbare Schläger, denen das schon von weitem anzusehen
ist. - Als Herr Mayer, der früher des öfteren gegenüber seiner
Partnerin gewalttätig war, zu mir kommt, sehe ich mich einem gepflegten Mann
mit guten Umgangsformen gegenüber. Er arbeitet in einer Spedition, verfügt
über ein gutes Einkommen, und da er handwerklich sehr geschickt ist, hat
er sein Einfamilienhaus praktisch im Alleingang gebaut.
Irrtum
2:
Täter sind sozial auffällig
Zitat Lempert:
In Wirklichkeit sind Gewalttäter bemerkenswert unauffällig. Sie sind
so unscheinbar, dass in jeder Zeitungsmeldung über jemanden, der seine Frau
seine Kinder und am Ende auch sich getötet hat, steht: Die Nachbarn waren
völlig überrascht. Der war doch so ruhig, so unscheinbar. Neben dem
Fehlen von Aggressionen - die meist mit Gewalt verwechselt werden - finden wir
ein weiteres Phänomen bei Gewalttätern: Sie sind sozial nicht nur angepasst,
sie sind überangepasst. Sich für die eigenen Belange einzusetzen, erfordert
konstruktiv eingesetzte Aggressionen. Dazu sind Gewalttäter kaum oder gar
nicht in der Lage. - Herr Mayer ist ein Typ mit dem man schwer streiten kann.
Wenn der Ton passt, kann man von mir alles haben, sagt er immer wieder
in unterschiedlichen Zusammenhängen. Somit ist er ein Mitarbeiter, der immer
zu Überstunden bereit ist, ein Nachbar, dessen Nachbarschaftshilfe grenzenlos
ist, ein Mann, der natürlich aufgrund seines hohen Arbeitseinsatzes immer
ein schlechtes Gewissen gegenüber seiner Partnerin hat und daher seine Freizeit
ganz nach ihr ausrichtet. Wenn er das in der Beratung alles so erzählt, dann
bleibt mir die Luft weg, und ich spür die Last auf den Schultern - er nicht!
Irrtum
3:
Gewalt dient der Machtausübung
Zitat Lempert:
Allgemeingut ist die Behauptung, es gehe dem Täter um die Ausübung von
Macht. In der Begegnung mit realen Tätern erkennt man völlig anderes:
Kein Täter schlägt in einer Situation, in der er sich psychisch stark
und physisch kraftvoll fühlt. Ebenso wenig schlägt er zu, um den Konflikt
zu lösen, bzw. in der Absicht ein Problem aus der Welt zu schaffen. Gewalt
wird in Situationen ausgeübt, in denen der Täter nicht mehr weiß,
in denen er nicht versteht, was geschieht, und in denen er seiner drohenden Ohnmacht
zu entkommen versucht. Gewalt ist ein Abwehrverhalten. - Herr Mayer wurde immer
dann gegenüber seiner Partnerin gewalttätig, wenn er sich ganz klein
fühlte. Wenn er nur noch ganz leise reden konnte, mit einer Partnerin als
Gegenüber, die im positiven Sinne aggressiv ihre Positionen vertrat, wusste
was sie will und was nicht und emotional präsent war. Die Unfähigkeit
für sich selbst couragiert einzustehen und die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen,
erlebte er als totale Ohnmacht - und die wehrte er mit Gewalt ab.
Irrtum
4:
Täter sind auch nur Opfer
Zitat Lempert: Das Auffälligste
an Tätern ist ihr Selbstverständnis. Genau genommen gibt es - aus ihrer
Sicht - keine Gewalt, sie haben sich nur gewehrt.
Diesem Selbstbild
liegt folgende Struktur zu Grunde: Der Täter trägt für seine Tat
keine Verantwortung, die liegt beim anderen, vorzugsweise beim Opfer. Wenn das
Opfer sich anders verhalten hätte, hätte der Täter nicht zuschlagen
müssen, lautet diese Logik. - Dieser Verführung erliegt natürlich
auch Herr Mayer. Denn obwohl er sagte jetzt nicht oder hör
auf musste sie immer gerade jetzt reden und hörte nicht auf - also
doch irgendwie ihre Schuld ...
Das war für mich die bedeutendste Stelle
im Beratungsverlauf. Herr Mayer, der am Anfang der Beratung immer vom black
out sprach, wenn es darum ging, die Gewaltszene und die Zeit unmittelbar
davor zu beschreiben, erkannte, dass er vor jeder Gewalthandlung 2 - 3mal die
Temperatur wechselte. Kein Opfer sein, sondern Verantwortung für sich
und seine Handlungen zu übernehmen, hieß ab sofort in so einer Situation
den Raum zu verlassen und damit seine Partnerin und sich selbst zu schützen.Um
Gewalt (auch die subtileren Formen) in der Familie und in anderen Kontexten zu
beenden, die Entstehung der Gewalt besser zu verstehen und um couragiert dagegen
aufzutreten, braucht es oft Beratung. Die kann man sich holen z. B. in einer Männerberatungsstelle.
Literatur:
Handbuch
der Gewaltberatung - Hrsg. Männer gegen Männer-Gewalt