Kirchlich
gebotene Fasttage sind auf ein Minimum reduziert. Sie werden vom überwiegenden
Teil der Gläubigen ohnehin nicht mehr wahrgenommen. Wie so vieles durch Gesetz
und Gebot Erzwungenes kam auch das Fasten außer Gebrauch, da der Sinn nicht
mehr eingesehen wird.
Keineswegs
soll mit diesen kritischen Worten die Bedeutung des Fastens als Heil bringende
Quelle der persönlichen Gesundheit, als Quelle des Teilens für Not leidende
Menschen, als Quelle der Annäherung zu Gott in Frage gestellt. Dennoch erscheint
Fasten heute weitgehend als Minderheitenprogramm für betuchte Wellness-Konsumenten
auf der einen Seite und überfromme Gläubige auf der anderen
Seite.
Weniger
kann mehr sein
Wir
leben im Wohlstand, einige von uns auch im Überfluss. Der Anteil der übergewichtigen
Menschen an der Gesamtbevölkerung nimmt in Besorgnis erregendem Ausmaß
zu. Manche werden immer reicher, viele andere immer ärmer. Wir Menschen verspüren
den inneren Drang, unseren Wohlstand, unser Wohlergehen zu vermehren, zu verbessern.
In diesem Bestreben sind wir vielfach Getriebene: Das wäre noch zu tun. Das
gehört gemacht. Wenn wir das noch tun, dann ...
Es fällt uns schwer
den gewohnten Alltag zu unterbrechen. Meist spüren wir ja innerlich und unser
Körper signalisiert es uns beizeiten, wir sollten an unserer Lebensweise
etwas verändern. Allein, die guten Vorsätze oder Forderungen anderer
bringen uns da nicht weiter. Der Leidensdruck muss hoch sein, die Krankheit bereits
da, erst dann sind wir meist bereit zumindest für kurze Zeit eine Veränderung
in Kauf zu nehmen.
Reinigung
für Körper und Geist
Vorbeugen
ist immer besser als heilen, so lautet ein Sprichwort. In der Tat könnten
wir uns einiges an körperlichen und seelischen Schmerzen ersparen, würden
wir von vornherein sowohl unser persönliches Leben, als auch unser Leben
in Beziehung zu den Mitmenschen ausgleichender gestalten.
Daher ist es gut
in regelmäßigen Abständen innezuhalten, den Alltag zu durchbrechen
und anders zu gestalten, um zu überprüfen: Stimmt mein Lebensweg noch?
Ist er für mich noch förderlich? Ist er für meine Mitmenschen förderlich?
Ist er der Natur förderlich? Entspricht er der Liebe Gottes? Oder agiere
ich bereits im Bereich der Ausbeutung?
Unkontrollierte Nahrungsaufnahme über
einen längeren Zeitraum macht krank. Unkontrollierter Konsum vergeudet die
Ressourcen der Erde, erzeugt riesige Müllberge, schafft ein unübersichtliches
und belastendes Chaos im eigenen Haushalt und treibt nicht wenige in die Schuldenfalle.
Je weniger wir hier auf die Stimme unseres Körpers und unseres Gewissens
hören, je weniger wir auf die Stimme und das Wohlergehen unserer Mitmenschen
hören und schauen, um so lebensgefährlicher wird es letztendlich für
uns selbst.
Blick
auf Gott, den Nächsten und mich
Biblische
Texte, große historische Persönlichkeiten, Heilige weisen uns immer
wieder durch ihr Leben und durch ihre Gedanken auf die große Bedeutung des
Fastens hin.
Fasten als eine Zeit bewussteren Lebens um sich neu auszurichten.
Als eine Zeit der Reinigung von Sünde und allem Schädlichen. Als eine
Zeit der Umkehr und des Neubeginns. Nichts in diesem Leben funktioniert als Einbahn,
eindimensional. Alles Leben braucht Bewegung, braucht einen Rhythmus, braucht
den Gegensatz. Geben und Nehmen. Einatmen und Ausatmen. Wachsein und Schlafen.
Tun und Ruhe. Festhalten und Loslassen.
Wenn
also das Fasten heute weniger kirchlich motiviert erscheint und dennoch von einer
wachsenden Zahl von Menschen als wichtig erachtet und gepflegt wird, so drückt
sich damit doch eine religiöse Sehnsucht aus. Der Abstand zu den irdischen
und materiellen Dingen ist wertvoll und wichtig, um damit das Leben und Gott nicht
aus den Augen zu verlieren und um ärmeren Menschen die ihnen ebenfalls zustehenden
Güter dieser Erde zukommen zu lassen.