Zusammenleben kann nicht verordnet werden!

Fehlende Einsicht - fehlende Solidarität: Die Menschen müssen wieder lernen, aufeinander zu schauen und den Sozialstaat mitzutragen.
Die Diskussion um die Pensionsvorsorge erhitzt die Gemüter. Die Pensionisten sehen sich einem sinkenden Lebensstandard gegenüber, die Fünfzig-jährigen haben Angst vor gekürzten Zahlungen und die Jugendlichen sehen gar ihre Felle davonschwimmen. Die KMB hat daher Jugendliche zu einer Diskussionsrunde über diese Fragen geladen. Christoph Tanzer von der Kath. Jugend-Land und die ehrenamtliche Vorsitzende der Kath. Jungschar Uli Hofstetter diskutierten mit Fritz Prand und dem geistlichen Assistenten der KMB Pfarrer Richard Jindra am runden Tisch.

 


Christoph Tanzer: Ich erwarte mir von den älteren Menschen schon die Einsicht, dass man im Alter nicht mehr soviel Geld benötigt wie jemand mit 20 oder 30 Jahren, der in das Berufsleben einsteigt, seine Existenz aufbaut, eine Familie gründet, ein Haus baut oder eine Wohnung einrichtet.

Uli Hofstetter: Ich befinde mich selbst in dieser Lage. Ich bin mitten in der Familiengründung, habe einen kleinen Sohn mit einem Jahr und mir wird es wirklich nicht leicht gemacht, dass ich arbeiten gehe. Dann soll ich auch noch einen Teil von dem, was ich verdiene der älteren Generation als Pension geben. Und dann ist es nicht einmal sicher, ob ich jemals etwas davon zurückbekomme. Ich glaube nicht, dass mir meine Kinder einmal die Pension zahlen werden.

Christoph Tanzer: Von der Politik her finde ich es unverantwortlich, sich nur nach der größten Wählerschar zu richten. Die Pensionisten werden immer mehr. Auf sie wird das Parteiprogramm abgestimmt. Das ist weder nachhaltig noch vorausschauend.

Fritz Prand: Die Politik wird aber vornehmlich nicht von Pensionisten gemacht, sondern von Menschen die im Arbeitsprozess stehen. Die Pensionisten und ihre Anliegen werden selbst oft missbraucht. Ich glaube auch nicht, dass es bei ihnen keine Einsicht gibt. Es stimmt sicher nicht, dass die Pensionisten nicht bereit sind, über die Höhe ihrer Pension zu diskutieren. Es gibt viele, die mit einer bescheidenen Pension auskommen müssen. Und dann gibt es Personen, die mehrere Pensionen beziehen. Dort müsste eigentlich der Sparstift angesetzt werden.

Uli Hofstetter: Die Pension wird künftig nach dem derzeitigen System nicht mehr leistbar sein. Es war so, dass zwei oder drei Werktätige einen Pensionisten erhalten haben. Wenn ich einmal alt bin, ist es umgekehrt: dann wird ein Werktätiger zwei oder drei Pensionisten zu erhalten haben. Es muss klar sein, dass das nicht mehr gehen kann. Und es ist vom System her schlecht, wenn heute immer noch Personen zwei oder drei Pensionen erhalten. Da fehlt es noch weithin an Einsicht. Es ist ja klar, dass man den Mindestpensionisten nichts wegnehmen kann. Aber Mehrfachpensionen sind nicht notwendig, wenn dadurch der soziale Friede zerstört wird.

Pfr. Richard Jindra: Man muss auch die andere Seite sehen. Viele Pensionisten verwenden ihre Pension dazu, ihren Kinder und Enkelkindern zu helfen. Da wird noch viel umverteilt.

Christoph Tanzer: Das geht nur dort, wo auch Kinder sind. Das ist auch freiwillig, aber nicht im System. Wo aber keine Kinder da sind, kann die ältere Generation ihr Geld anhäufen. Dieses fehlt dann den jungen Familien, die ihre Existenz gründen wollen. Und dann soll diese Generation auch noch die ältere, die ohnehin genug besitzt, erhalten. Da muss man sich wirklich fragen, ob das Geld wirklich der Abdeckung der grundlegenden Bedürfnisse dient oder für manche nur reiner Luxus ist. Diese Diskrepanz verträgt unser System in Zukunft nicht mehr.

Fritz Prand: Es ist Aufgabe des Staates, die vorhandenen Mittel gerecht zu verteilen. Ich kann auch nicht verstehen, dass Abfangjäger gekauft werden und nach dem EU-Beitritt noch immer so viele Abgeordnete notwendig sind wie vorher, ohne Brüssel. Im öffentlichen Bereich könnte noch viel eingespart werden. Die Logik sagt ja: wenn in einem Bereich die Kosten steigen, muss in einem anderen gespart werden.

Christoph Tanzer: Der Staat zieht sich heute zunehmend aus seiner Verantwortung zurück, es wird privatisiert. Dabei gibt es auch Bereiche, wo das nicht passieren darf, etwa beim Gesundheitssystem, oder auch bei der Pensionsvorsorge. Da stellt man sich dann die Frage, welche Pension wir einmal erhalten werden. Ich sehe derzeit keinen Ausweg.

Uli Hofstetter: Die Politiker haben in den vergangenen Jahren vornehmlich ihr Klientel versorgt. Nun werden endlich einmal jene Fragen angesprochen, denen man lange ausgewichen ist.
Es stimmt schon, dass viele ältere Menschen ihren Kindern und Kindeskindern finanziell helfen. Das ist gut, aber es ist nicht überall so. Oft gibt es zwischen den Generationen auch Differenzen. Und dann ist diese Hilfe schlecht verteilt. Man soll auch nicht immer nur über die heutigen Pensionen sprechen, sondern sich vielmehr fragen, wie wir unseren Kindern eine halbwegs sichere Zukunft schaffen können.

Pfr. Richard Jindra: Natürlich. Ohne Kinder kann man auch keine Zukunft aufbauen. Die Generationen müssen wieder lernen, mehr aufeinander zu schauen: die ältere auf die jüngere und umgekehrt. Vieles in dieser Hinsicht geschieht heute freiwillig, etwa dass die Jüngeren die Älteren pflegen.

Uli Hofstetter: Da sind vor allem die jungen Frauen gemeint.

Pfr. Richard Jindra: Schon. Aber die Älteren können auch auf die Kinder der jüngeren schauen und diese so entlasten. Dieses Zusammenleben kann nicht von oben dirigiert werden. Der Staat soll und kann auch nicht alles bestimmen. Dazu muss es aber noch ein gewaltiges Umdenken in den Beziehungen zwischen den Menschen geben.

 

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Die KMB ist eine Gliederung der Kath. Aktion der Diözese St. Pölten
verantwortlich für den Inhalt: Josef Muhr