Für
mich, der seine Arbeit nicht als einen Job, sondern eher als eine
Berufung und Lebensaufgabe sieht, ist Faulheit nicht gerade eine
positiv besetzte oder gar eine erstrebenswerte Haltung. Mit der
sogenannten Fun- Gesellschaft, für die sich alles
um Spass-Haben und Freizeit dreht, habe ich nicht viel auf dem
Hut. Menschen, die mit ihrem Leben aus Passivität oder Langeweile
nichts anfangen können und sich von Event zu Event treiben
lassen, bringen mich an die Grenze meines Einfühlungsvermögens.
Meine Nachbarin hörte ich einmal sagen: Seien wir ehrlich,
man arbeitet doch das ganze Jahr dafür, um dann einen schönen
Urlaub machen zu können.
Auf der anderen Seite kenne ich auch das gegenteilige, wahrscheinlich
sogar viel häufiger anzutreffende Laster unserer Zeit: Arbeitssucht,
Hyperaktivismus, die Unfähigkeit, ruhen zu können. Was
eine rastlose Gesellschaft ist, die rund um die Uhr arbeitet,
habe ich in den USA kennen gelernt. Viele Menschen müssen
dort so viel arbeiten, weil sie Hungerlöhne für ihre
Arbeit erhalten, aber Viele arbeiten auch deshalb wie verrückt,
weil sie die Bestätigung brauchen, ein wertvolles Mitglied
der Gesellschaft zu sein. Im Grunde verbirgt sich dahinter ein
seelisches Problem: Die soziale Existenzberechtigung muss durch
Fleiß andauernd unter Beweis gestellt werden. Ich
arbeite, also bin ich.
Auf die Mischung kommt es an
Im
Licht dieser modernen Krankheit der Sucht nach Arbeit und rastloser
Tätigkeit erscheint die Faulheit als ein verdrängter
Schatten der Fleißigen und Tüchtigen. Ja,
sie zeigt sogar Eigenschaften, die wir für die Kunst des
guten Lebens brauchen können. Zum guten Leben gehören
nämlich nicht nur Aktivität, Kreativität und Einsatz,
sondern genauso Passivität, Schlaf, Ruhe, Genuss, bloßes
Dasein. Wer rund um die Uhr arbeitet und nicht mehr zur Ruhe kommt,
der oder die sollte sich fragen, was die eigentlichen Gründe
für diesen Aktivismus sind. Muss man sich selbst oder Anderen
etwas beweisen? Führt man ein solches Leben tatsächlich
noch aus einer inneren Freiheit und Entscheidung heraus oder befindet
man sich nicht in einem Netzwerk von Sachzwängen, das einen
gefangen genommen hat?
Je
weniger wir in einem ausgewogenen Rhythmus von Arbeit und Ruhe,
Aktion und Kontemplation leben, um so mehr sind wir gefordert,
das rechte Maß für uns selbst zu finden. Die Gesellschaft
gibt dazu leider widersprüchliche Impulse: Einerseits sollen
wir ständig in Bewegung sein und noch viel mehr leisten,
andererseits macht man uns weis, dass das wahre Leben im Nichtstun
liegt. So hetzen immer mehr Menschen zwischen rastloser Arbeit
und Wellness-Urlaub hin und her.
Warum tappen aber so viele in diese Falle? Ich habe einen schlimmen
Verdacht: Weil sie nicht mehr wissen, wozu sie überhaupt
leben. Erst wenn ich weiß, was mein Leben innerlich erfüllt
und was es aushöhlt und entleert, finde ich das rechte Maß
zwischen Arbeit und Ruhe.
Mit Muße das Gute finden
So
breche ich also nicht eine Lanze für die Faulheit, wohl aber
eine Lanze für die Muße. Muße heißt nicht
Nichtstun. Muße heißt für eine Zeitlang zweckfrei
da sein. Die Dinge und die Personen um mich bewusst wahrnehmen.
Den Rhythmus der Natur in mich aufnehmen. Etwas um seiner selbst
willen tun: Musik hören, wandern, still werden,
die innere Qualität des Lebens finden.
In der biblischen Tradition, heißt es, schuf Gott die Welt
in sechs Tagen. Aber am siebten Tag ruhte er. Er gab sich dem
Nichtstun hin, denn es war alles gut. Hinter diesem mythischen
Bild steckt eine tiefe Lebenswahrheit: Auf tugendhafte Weise faul
sein kann nur der, der das Gute gefunden hat. Worin liegt dieses
Gute aber?
Gut ist das Leben, wenn ich mit mir selbst zufrieden bin und in
innerer Harmonie lebe. Gut ist es, wenn uns Menschen das Gefühl
vermitteln, dass es schön ist, dass es uns gibt. Gut ist
es, wenn ich nach einem intensiven Arbeitsjahr drei Wochen hintereinander
das zu leben versuche, dem ich sonst zu wenig Aufmerksamkeit schenke.
Das Leben wird gut, wenn man weiß, worauf es eigentlich
ankommt.
Vielleicht ist für den Einen oder Anderen die Urlaubszeit
eine gute Gelegenheit, dem guten Leben für sich selbst einmal
nachzuspüren. Man sollte mit der Möglichkeit rechnen,
dass diese Suche spannender sein kann als so manch teuer bezahlte
Zerstreuung.
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