Das
Leben dieser Dörfer wird im Übermaß fremdgesteuert,
und das Gemeinschaftsleben kann intensiv gestört sein. Ja,
es gibt vereinzelt menschlich kaputte Dörfer.
Malen wir es uns aus, wie es Arbeitern und Angestellten, Bauern
und Bäuerinnen auch in Ostösterreich ergehen wird, wenn
alles so großzügig (=liberal) flexibilisiert
wird, wie wir dies im Intensivtourismus erleben. Und dieses vieldeutige,
verführerische Zauberwort Liberalisierung nahm noch vor einiger
Zeit ein christdemokratischer Politiker zu oft in den Mund.
Doch machen wir uns die Sonntagsfrage nicht zu leicht: So vertrat
ich in einem beiläufigen Gespräch mit einer Bürokraft
die Auffassung, dass der Sonntag möglichst arbeitsfrei bleiben
soll. Mein Gegenüber, die Sekretärin, sah mich von unten
an, Sorgen spiegelten sich in ihren weit aufgerissenen Augen und
sie bemerkte mit gedämpft bitterer Stimme: Mein Mann
ist seit Monaten arbeitslos, wir haben Haus gebaut, sind verschuldet
und froh über jede Arbeit, wann immer wir sie bekommen, um
uns über Wasser zu halten. Das Überleben steht
hier scharfer Spannung zum grundsätzlichen Einhalten des
Sonntags. Das entspricht selbst traditionellster Moral.
Nun ein Beispiel von Bäuerinnen. An die Männer gerichtet.
In meinem Buch: Bin kein Tourist, ich wohne hier. Gemeinden
im Stress erwähne ich die Aussage einer Bäuerin,
die Zimmer vermietet und für Gäste sogar am Sonntag
aufkocht. Sie sagte bedauernd: Jetzt habe ich nicht einmal
einen Sonntag mehr!. Diese Aussage rief Ärger in einer
bäuerlichen Organisation hervor, in deren Broschüren
Bäuerinnen empfohlen wird, in der ruhigen Zeit des Advents
und auch zu den Weihnachtsfeiertagen Gäste aufzunehmen.
Weihnachten
- ohne Gäste
Im
Stubaital (Tirol) fragte ein Vater die Kinder nach ihrem Weihnachtswunsch:
Wir wünschen Weihnachten nur mit Euch - ohne Gäste!
Betroffen nahm sich der Vater ein Herz, schrieb den deutschen
Gästen, sie möchten dieses Jahr erst am Christtag Abend
kommen. Und die Gäste akzeptierten es.
Am Hl. Abend bei der Bescherung war ein Kind überglücklich
und wälzte sich vor Freude auf dem Boden. Es hatte die Eltern
einmal ganz für sich. Im übrigen: Die Kinder wünschen
in diesem Ort ein paar Häuser, in denen n i c h t vermietet
wird, um unbefangen spielen zu können.
Vorwärts zum
menschlichen Maß
Ja,
es gibt ein Vorwärts zum menschlichen Maß, um in Gebirgsregionen
vom und mit dem Tourismus zu leben und mit ihm umgehen zu können.
Und die hügeligen und flachen Regionen können davon
lernen und ihren Sinn für Feier und Fest und das Gemeinschaftsleben
zu wahren. Und wenn ein Greißler kurz am Sonntag aufsperrt,
dann drücken wir die Augen zu, wir tun es ja auch, wenn daheim
gekocht wird.
Aber durchschauen wir jene Medienberichte, wenn von einer wachsenden
Zahl von Sonntagsbeschäftigten die Rede ist. Hier ist der
Wunsch Vater des Gedankens. Diese Faktenaussage enthält den
versteckten Hinweis: Liberalisieren wir den Sonntag. Nein - so
nicht.
Aber gewinnt nicht die Kirche, wenn Sie den Menschen am 8. Dezember
vor Weihnachten erlaubt, einzukaufen? Diese Abwehrmauer einer
Festung ist zu brüchig und lässt sich jetzt schon und
wird sich nicht halten lassen. Also sind wir ein bisschen menschlicher.
Auch in der Kirche menschelt es - manchmal zu sehr.