Männer
würden sich im Umgang mit dem Leid schwer tun und gehen diesem
soweit wie möglich aus dem Weg. Dies hänge auch mit
dem lang eingeübten Männerbild zusammen, das die Leidens-
und auch Lebensfähigkeit von Männern behindere, sagte
Walser. Die traditionellen Männerwerte seien
Verfügbarkeit, Flexibilität, Lernbereitschaft und Mobilität.
Männer würden sich vornehmlich über Beruf und beruflichen
Erfolg definieren und hätten eine mangelnde Erfahrung im
Umgang mit dem Leid. Dies, so die Moraltheologin, zeuge auch von
Schwierigkeiten im Zugang zu den eigenen Gefühlen. Männer
müssten wieder mehr Leidenschaft leben, plädierte die
Theologin.
Die langjährige Assistentin am Institut für Moraltheologe
an den Universitäten Wien und Innsbruck bedauerte, dass die
traditionellen Rituale im Umgang mit dem Tod und Leid
vielerorts geschwunden seien. Der Tod und die letzten Stunden
des Lebens werden zu professionellen Einrichtungen verlagert.
Christlicher
Umgang mit dem Leid ist ein mystischer
In
der theologischen Diskussion verwies die Referentin auf die ungelöste
Theodizee-Frage, die Frage nach der Rechtfertigung Gottes angesichts
des Leides in der Welt. In ihren weiteren Ausführungen orientierte
sich Walser dann an der evangelischen Theologin Dorothee Sölle,
die den christlichen Weg des Leides als einen mystischen
Weg sieht, als solidarischen Weg mit den Leidenden.
Man müsse dabei zwischen vermeidbarem Leid, das anzukämpfen
sei und dem unvermeidlichen Leiden, das nur gemeinsam getragen
werden könne, unterscheiden. Dazu brauche es Solidarität
und Leidenschaft. Leidenschaft und Leiden seien die zwei Seiten
des Lebens, sagte die Wiener Theologin.
Mit Verweis auf Viktor E. Frankl erklärte Walser, dass die
Sinnfrage und das Leiden eng miteinander verknüpft seien.
Der Sinn im Leben sei für Frankl nicht vorgegeben, sondern
müsse von jedem selbst gefunden werden. Das Leiden habe seinen
Sinn darin, wenn sich der Mensch dadurch ändere. Das sei
aber nur durch Begleitung und Beziehung möglich, auch
wenn im äußersten Fall diese Beziehung zum Leidenden
nur mehr in einer sanften Berührung besteht, sagte
Angelika Walser.
Herausforderung:
mehr Leiden-schaft
Diese
Haltung sei in einer Gesellschaft, in der Tod und Leid vornehmlich
verdrängt werden, eine große Herausforderung. Dies
könne sich durch leidenschaftliche und leidesfähige
Männer ändern.