Y:
Herr van der Weele, eines ihrer Bücher heißt Schluss
mit dem Schweigen. - Warum ist das Sprechen über sexuellen
Missbrauch so schwer? Ist die Dimension des Problems wirklich
so groß?
Van
der Weele: Es ist so schwierig, weil dieses Thema mit großer
Scham besetzt ist. Das Problem ist viel größer, als
wir jemals geglaubt haben. Generell kann man sagen, dass in den
westlichen Ländern eine von drei Frauen bis zum Alter von
40 Jahren einen ernsthaften sexuellen Übergriff erlitten
hat
auch mindestens einer von sieben Männern. Das
sind die Statistiken, über die wir Bescheid wissen! Speziell
Männer sind sehr clever, das zu verleugnen, was in ihrer
Jugend oder Kindheit passiert ist. Sie wollen nicht als homosexuell
bezeichnet werden, wenn sie ein Mann missbraucht hat und wenn
ihn unter 12 Jahren eine Frau missbraucht hat, dann findet er
keine Worte, seine Gefühle zu beschreiben. Wenn er älter
ist, werden seine Freunde sagen: He, du hast Glück
gehabt, Treffer
Y:
Sie haben bei ihrem Vortrag die Verantwortung der Kirche angesprochen,
über sexuellen Missbrauch zu sprechen. Was kann die Kirche
tun?
Van
der Weele: Die Kirche sollte über das Thema der Scham sprechen.
Angemessene Verhaltensweisen sollten angesprochen werden.
Besonders Kinder können nicht davonlaufen, wenn sie von einer
Person, die sie gut kennen, geschickt manipuliert werden. Für
ein Kind trägt die Scham oft genug dazu bei, emotional zu
erstarren. Die Kirche hat auch eine Verantwortung ihren Kirchenmitgliedern
gegenüber, mit Kindern weise umzugehen.
Y:
Ist es wahr, dass bei sexuellem Missbrauch den Opfern oft nicht
geglaubt wird? Wenn ja, woran liegt das?
Van
der Weele: Normalerweise wollen die Leute nicht mit einer Geschichte
über sexuellen Missbrauch konfrontiert werden, weil die beschuldigte
Person oft eine geachtete Person in der Gemeinde ist.
Dann lässt sie auch die Scham leise werden. Vergib'
einfach!, sagen sie oft, um nicht dem Schmerz und der Verwirrung
die Stirn bieten zu müssen, die sie als Kinder gehabt haben.
Wenn dann eine Person auftaucht und mutig genug ist, darüber
zu sprechen, was ihm/ ihr passiert ist, dann hassen sie die Gefühle,
die in ihnen wach werden, so nach dem Motto: Ich habe meinen
Mund gehalten, warum kannst du das nicht?
Die Leute verstehen auch nicht, dass ein Kind, wenn es sexuell
missbraucht wurde, in diesem speziellen Gebiet im eigenen Leben
nicht reifen kann. Diese Unreife kann Geschehnisse in der Vergangenheit
in ein falsches Licht rücken - lügen sie deshalb
?
- Nein, aber sie könnten ein gespaltenes Gedächtnis
haben. Tatsache ist jedenfalls, dass sie missbraucht wurden.
Glauben:
Last und Hilfe
Y:
Kann Opfern von sexuellem Miss-brauch der Glaube eine Hilfe sein?
Van
der Weele: Für manche ist der Glaube eine Hilfe, andere leiden
wirklich darunter, weil die Bedeutung von Glaube für
sie immer eine Verbindung mit dem Missbrauchenden ergibt. Gott
wird für sie dann auch schnell ein Missbrauchender. Also
müssen wir ihnen zu allererst ein biblisches Bild davon vermitteln,
wer Gott eigentlich ist. Das tun wir als erstes, indem wir Respekt
und Verständnis für ihre speziell entwickelte Subkultur
zeigen. Wenn der Helfende an Gott glaubt, kann er die Gnade und
den Frieden des Herrn Jesus Christus ausstrahlen und das kann
bereits eine besänftigende Wirkung auf ihre verletzten Gefühle
haben.
Das wird notwendig sein, um den Schmerz der Wahrheit zu vertragen.
Es ist nicht so wichtig, was jetzt genau passiert ist, sondern
dass wir die Notsituation ansprechen, in der sie sich befinden,
auf Grund dessen, was sie fühlen, was passiert ist. Nur wenn
sie sich sicher genug fühlen, der schmerzlichen Realität
ins Auge zu sehen, kann ihnen geholfen werden.
Sonst müssen sie die Vorkommnisse begraben, sonst werden
sie verrückt. Natürlich haben diese vergrabenen Vorkommnisse
immer noch eine Auswirkung auf sie, das kann Männerhass oder
Frauenhass, eine aggressives oder verschlossenes Wesen sein.
Y:
Wie sollen wir mit Kinderschändern und Vergewaltigern umgehen
- in der Gesellschaft, im Staat, in der Kirche? - Was ist mit
den Opfern?
Van
der Weele: Die Kirche muss realisieren, dass sexueller Missbrauch
nichts mit Liebe zu tun hat, sondern dass das Gewalt ist, die
sexuell ausgedrückt wird. Das ist die harte Botschaft für
die Missbrauchenden, weil sie ihr eigenes Gewissen oft damit beruhigen,
indem sie sagen, aber ich habe ihn, oder sie geliebt!
Die Gesellschaft überhaupt, Staat und Kirche, brauchen eine
Haltung der Gewaltlosigkeit. Es passiert, dass jemand die Grenzen
eines anderen absichtlich überschreitet und jemanden vergewaltigt.
Aber man kann Individuen dazu erziehen, ihre Grenzen
zu verteidigen, sich selbst zu schützen. Da muss es eine
strenge Haltung geben, dass Gewalt nicht erlaubt ist - weder im
Wort noch in der Tat. Das sollte mit Beispielen erläutert
werden, bei Unterrichtsstunden in der Schule und bei Versammlungen.
Andererseits: Die Regierung trägt das Schwert
(der Rechtsprechung und Sanktionierung, Anm.) nicht umsonst. Beide,
Kirche und Staat, haben Autoritätssysteme, die angewendet
werden müssen, wenn eine Person das Gesetz bricht. Wenn ein
Missbrauchender ausgemacht wird, dann hat die Kirche ebenso zu
handeln wie der Staat.
Nicht
allein das Strafrecht zählt
Für
die Opfer: Auch wenn der Täter nicht gefasst oder vor Gericht
bestraft werden kann: Die Kirche sollte auf der Seite der Schwachen
und Gebrochenen stehen. Diese sollten Anerkennung und Unterstützung
erfahren. Ein Opfer braucht einen Priester, der ihm glaubt, oder
jemanden in der Kirche, der spezielles Training erhalten hat,
um Überlebende von sexuellem Missbrauch zu begleiten. Und
zwar in beiden Fällen, ob es nun in der Kindheit passiert
ist, oder ob Missbrauch oder Vergewaltigung in höherem Alter
geschehen sind.
Außerdem sollte die Kirche vorsichtig abwägen und -
wenn das möglich ist - den Wünschen von Überlebenden
von sexuellem Missbrauch entsprechen - vor allem dann, wenn diese
wissen, wer es war, der sie missbraucht hat. Sie sollen sagen,
was sie für sich als notwendig erachten.
In den meisten Fällen haben die Opfer auch finanziell gelitten.
Entweder, weil sie nicht studieren konnten, und/ oder wegen der
Therapiekosten. In Norwegen, wo ich vor rund 20 Jahren war, um
dies in die Öffentlichkeit der Presse zu bringen, gibt es
nun Gesetze, die rund 15.000 Euro für ein Opfer garantieren,
dessen Fall von einem Psychologen bestätigt ist und von genügend
Beweisen unterstützt wird - auch wenn es einem Richter von
Rechtswegen nicht möglich ist, eine Strafe zu verhängen.
- Denn das ist ja oft ein langer Prozess von vielen Jahren, wobei
die Opfer diesem Stress nicht standhalten können. Die Justiz
hat dann im Nachhinein Wege, dieses Geld von der beschuldigten
Person zurückzubekommen.
Y:
Was kann jede und jeder von uns tun?
Van
der Weele: Wir können alle lernen, Gewaltlosigkeit zu praktizieren.
Lassen wir die Staatsgewalt ihre Macht gebrauchen, wenn notwendig
ihr Schwert. Wir müssen lernen, Opfer von sexuellem
Missbrauch zu respektieren, und sie als Überlebende
zu sehen, denn viele von ihnen, wenn auch nicht alle, haben auf
die eine oder andere Weise einen Selbstmord zumindest in Betracht
gezogen. Vor allem müssen wir das fortsetzen, was Jesus uns
gelehrt hat: Liebt einander! Liebe heilt so vieles
und deckt viele Sünden zu. Eine Taufe der Liebe (Röm.
5,5) ist notwendig, um dies zu tun.