"Auch wenn der Täter nicht gefasst oder vor Gericht bestraft werden kann: Die Kirche sollte auf der Seite der Schwachen und Gebrochenen stehen. Diese sollten Anerkennung und Unterstützung erfahren. Ein Opfer braucht einen Priester, der ihm glaubt, oder jemanden in der Kirche, der spezielles Training erhalten hat, um Überlebende von sexuellem Missbrauch zu begleiten. Und zwar in beiden Fällen, ob es nun in der Kindheit passiert ist, oder ob Missbrauch oder Vergewaltigung in höherem Alter geschehen sind."

 

Fastenzeit - Zeit des Heils

„Die Kirche hat eine Verantwortung, über sexuellen Missbrauch zu sprechen. Für jene, die betroffen wären, könne der „Friede Gottes“ eine „große Hilfe sein“, das sagte der evangelische Theologe und Psychotherapeut Teo van der Weele bei einem Vortragsabend, zu dem Charismatische Erneuerung der Diözese St. Pölten und Emmausgemeinschaft St. Pölten ins Bildungshaus St. Hippolyt
geladen hatten.
Bernhard Herzberger führte für Ypsilon mit Teo van der Weele das folgende Interview.

von Bernhard Herzberger

 

Y: Herr van der Weele, eines ihrer Bücher heißt „Schluss mit dem Schweigen“. - Warum ist das Sprechen über sexuellen Missbrauch so schwer? Ist die Dimension des Problems wirklich so groß?

Van der Weele: Es ist so schwierig, weil dieses Thema mit großer Scham besetzt ist. Das Problem ist viel größer, als wir jemals geglaubt haben. Generell kann man sagen, dass in den westlichen Ländern eine von drei Frauen bis zum Alter von 40 Jahren einen ernsthaften sexuellen Übergriff erlitten hat … auch mindestens einer von sieben Männern. Das sind die Statistiken, über die wir Bescheid wissen! Speziell Männer sind sehr clever, das zu verleugnen, was in ihrer Jugend oder Kindheit passiert ist. Sie wollen nicht als homosexuell bezeichnet werden, wenn sie ein Mann missbraucht hat und wenn ihn unter 12 Jahren eine Frau missbraucht hat, dann findet er keine Worte, seine Gefühle zu beschreiben. Wenn er älter ist, werden seine Freunde sagen: „He, du hast Glück gehabt, Treffer …“

Y: Sie haben bei ihrem Vortrag die Verantwortung der Kirche angesprochen, über sexuellen Missbrauch zu sprechen. Was kann die Kirche tun?

Van der Weele: Die Kirche sollte über das Thema der Scham sprechen. Angemessene Verhaltensweisen sollten angesprochen werden.
Besonders Kinder können nicht davonlaufen, wenn sie von einer Person, die sie gut kennen, geschickt manipuliert werden. Für ein Kind trägt die Scham oft genug dazu bei, emotional zu erstarren. Die Kirche hat auch eine Verantwortung ihren Kirchenmitgliedern gegenüber, mit Kindern weise umzugehen.

Y: Ist es wahr, dass bei sexuellem Missbrauch den Opfern oft nicht geglaubt wird? Wenn ja, woran liegt das?

Van der Weele: Normalerweise wollen die Leute nicht mit einer Geschichte über sexuellen Missbrauch konfrontiert werden, weil die beschuldigte Person oft eine geachtete Person in der Gemeinde ist.
Dann lässt sie auch die Scham leise werden. „Vergib' einfach!“, sagen sie oft, um nicht dem Schmerz und der Verwirrung die Stirn bieten zu müssen, die sie als Kinder gehabt haben. Wenn dann eine Person auftaucht und mutig genug ist, darüber zu sprechen, was ihm/ ihr passiert ist, dann hassen sie die Gefühle, die in ihnen wach werden, so nach dem Motto: „Ich habe meinen Mund gehalten, warum kannst du das nicht?“
Die Leute verstehen auch nicht, dass ein Kind, wenn es sexuell missbraucht wurde, in diesem speziellen Gebiet im eigenen Leben nicht reifen kann. Diese Unreife kann Geschehnisse in der Vergangenheit in ein falsches Licht rücken - lügen sie deshalb …? - Nein, aber sie könnten ein gespaltenes Gedächtnis haben. Tatsache ist jedenfalls, dass sie missbraucht wurden.

Glauben: Last und Hilfe

Y: Kann Opfern von sexuellem Miss-brauch der Glaube eine Hilfe sein?

Van der Weele: Für manche ist der Glaube eine Hilfe, andere leiden wirklich darunter, weil die Bedeutung von „Glaube“ für sie immer eine Verbindung mit dem Missbrauchenden ergibt. Gott wird für sie dann auch schnell ein Missbrauchender. Also müssen wir ihnen zu allererst ein biblisches Bild davon vermitteln, wer Gott eigentlich ist. Das tun wir als erstes, indem wir Respekt und Verständnis für ihre speziell entwickelte Subkultur zeigen. Wenn der Helfende an Gott glaubt, kann er die Gnade und den Frieden des Herrn Jesus Christus ausstrahlen und das kann bereits eine besänftigende Wirkung auf ihre verletzten Gefühle haben.
Das wird notwendig sein, um den Schmerz der Wahrheit zu vertragen. Es ist nicht so wichtig, was jetzt genau passiert ist, sondern dass wir die Notsituation ansprechen, in der sie sich befinden, auf Grund dessen, was sie fühlen, was passiert ist. Nur wenn sie sich sicher genug fühlen, der schmerzlichen Realität ins Auge zu sehen, kann ihnen geholfen werden.
Sonst müssen sie die Vorkommnisse begraben, sonst werden sie verrückt. Natürlich haben diese vergrabenen Vorkommnisse immer noch eine Auswirkung auf sie, das kann Männerhass oder Frauenhass, eine aggressives oder verschlossenes Wesen sein.

Y: Wie sollen wir mit Kinderschändern und Vergewaltigern umgehen - in der Gesellschaft, im Staat, in der Kirche? - Was ist mit den Opfern?

Van der Weele: Die Kirche muss realisieren, dass sexueller Missbrauch nichts mit Liebe zu tun hat, sondern dass das Gewalt ist, die sexuell ausgedrückt wird. Das ist die harte Botschaft für die Missbrauchenden, weil sie ihr eigenes Gewissen oft damit beruhigen, indem sie sagen, „aber ich habe ihn, oder sie geliebt!“
Die Gesellschaft überhaupt, Staat und Kirche, brauchen eine Haltung der Gewaltlosigkeit. Es passiert, dass jemand die Grenzen eines anderen absichtlich überschreitet und jemanden vergewaltigt. Aber man kann Individuen dazu erziehen, ihre „Grenzen“ zu verteidigen, sich selbst zu schützen. Da muss es eine strenge Haltung geben, dass Gewalt nicht erlaubt ist - weder im Wort noch in der Tat. Das sollte mit Beispielen erläutert werden, bei Unterrichtsstunden in der Schule und bei Versammlungen.
Andererseits: Die Regierung trägt das „Schwert“ (der Rechtsprechung und Sanktionierung, Anm.) nicht umsonst. Beide, Kirche und Staat, haben Autoritätssysteme, die angewendet werden müssen, wenn eine Person das Gesetz bricht. Wenn ein Missbrauchender ausgemacht wird, dann hat die Kirche ebenso zu handeln wie der Staat.

Nicht allein das Strafrecht zählt

Für die Opfer: Auch wenn der Täter nicht gefasst oder vor Gericht bestraft werden kann: Die Kirche sollte auf der Seite der Schwachen und Gebrochenen stehen. Diese sollten Anerkennung und Unterstützung erfahren. Ein Opfer braucht einen Priester, der ihm glaubt, oder jemanden in der Kirche, der spezielles Training erhalten hat, um Überlebende von sexuellem Missbrauch zu begleiten. Und zwar in beiden Fällen, ob es nun in der Kindheit passiert ist, oder ob Missbrauch oder Vergewaltigung in höherem Alter geschehen sind.
Außerdem sollte die Kirche vorsichtig abwägen und - wenn das möglich ist - den Wünschen von Überlebenden von sexuellem Missbrauch entsprechen - vor allem dann, wenn diese wissen, wer es war, der sie missbraucht hat. Sie sollen sagen, was sie für sich als notwendig erachten.
In den meisten Fällen haben die Opfer auch finanziell gelitten. Entweder, weil sie nicht studieren konnten, und/ oder wegen der Therapiekosten. In Norwegen, wo ich vor rund 20 Jahren war, um dies in die Öffentlichkeit der Presse zu bringen, gibt es nun Gesetze, die rund 15.000 Euro für ein Opfer garantieren, dessen Fall von einem Psychologen bestätigt ist und von genügend Beweisen unterstützt wird - auch wenn es einem Richter von Rechtswegen nicht möglich ist, eine Strafe zu verhängen. - Denn das ist ja oft ein langer Prozess von vielen Jahren, wobei die Opfer diesem Stress nicht standhalten können. Die Justiz hat dann im Nachhinein Wege, dieses Geld von der beschuldigten Person zurückzubekommen.

Y: Was kann jede und jeder von uns tun?

Van der Weele: Wir können alle lernen, Gewaltlosigkeit zu praktizieren. Lassen wir die Staatsgewalt ihre Macht gebrauchen, wenn notwendig ihr „Schwert“. Wir müssen lernen, Opfer von sexuellem Missbrauch zu respektieren, und sie als „Überlebende“ zu sehen, denn viele von ihnen, wenn auch nicht alle, haben auf die eine oder andere Weise einen Selbstmord zumindest in Betracht gezogen. Vor allem müssen wir das fortsetzen, was Jesus uns gelehrt hat: „Liebt einander!“ Liebe heilt so vieles und deckt viele Sünden zu. Eine Taufe der Liebe (Röm. 5,5) ist notwendig, um dies zu tun.

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verantwortlich für den Inhalt: Josef Muhr