Das
hätte ich nie jemandem gesagt, der mir gegenüber sitzt
- Ein Satz, den Barbara Stiefsohn von männlichen Anrufern
gelegentlich zu hören bekommt. Männer legen sehr großen
Wert auf Vertraulichkeit und auf Anonymität, weiß sie.
Unser
Ziel ist das Dasein und Zuhören
Was
bewegt Männer, den Notruf 142 der Telefonseelsorge zu wählen?
- Scheidung, Trennung, Vereinsamung, Depression. Die Gründe
sind mannigfaltig. Unser Ziel ist das Dasein und Zuhören,
sagt Stiefsohn.
In
drei verschiedene Arten lassen sich die Anrufe einteilen: Entlastungs-,
Problem- und Krisengespräche. Entlastungs- und Problemgespräche
machen mit jeweils etwa 40 Prozent den Hauptteil der Anrufe aus.
Krisengespräche sind in der Minderheit. Dennoch kommen sie
vor: Das ist zum Beispiel, wenn jemand suizidgefährdet
ist, also wenn er Suizidgedanken hat, dass man einfach mit ihm
das aushält, erzählt Stiefsohn.
Ein
Mann ruft erst an, wenn es ganz akut ist
Das
kommt auch bei Männern vor, denn, so Stiefsohn, ein
Mann wurschtelt sich durch und ruft dann erst an, wenn er wirklich
ganz, ganz allein ist, wenn es ganz akut ist. Gerade bei
Depressionen wollten oder trauten sich Männer selten um fremde
Hilfe fragen.
Etwas
anderes wäre das Entlastungsgespräch. Da ruft
wer an und sagt, mir geht es jetzt sehr schlecht, ich möchte
darüber reden", erklärt Stiefsohn. Der erwartet
sich nicht einen Lösungsansatz, sondern braucht ein Überdruckventil.
Bei einigen Männern wäre man da schon zu so etwas wie
einer Ersatzfamilie geworden. - Da gibt es Klienten, die
jetzt seit zehn, zwanzig, dreißig Jahren anrufen. Die würden
uns schon abgehen, wenn sie einmal eine Woche nicht anrufen.
Bei
Problemgesprächen werde vom Anrufer Wert auf einen Lösungsansatz
gelegt. In diesen Fällen werde eigentlich zu hundert Prozent
zu kompetenten Einrichtungen weitervermittelt, sagt Stiefsohn.
Ob
es eigentlich Probleme gibt, wo bei Männern besonders oft
der Schuh drückt? - Ich kann es nicht statistisch verallgemeinern,
nur diese Weihnachten war es so, dass viele Männer angerufen
haben, die geschieden waren, die Kontakt zu den Kindern wollten.
Die haben die Einsamkeit gespürt. Bei den Männern zwischen
35 und 50 war das ein Hauptthema, erzählt die Mitarbeiterin
der Telefonseelsorge.
Generell
würden Männer sehr unter Trennungen und Scheidungen
leiden, auch wenn sie es sich der Exfrau gegenüber nicht
zuzugeben trauten. Sie wollen gute Väter bleiben und
machen sich wahnsinnige Gedanken, was aus den Kindern wird.
Männer
werden nicht ausgelacht, wenn sie bei uns anrufen.
Barbara
Stiefsohn möchte Männern Mut machen, vielleicht schon
früher zum Hörer zu greifen: So eine Scheidung
tangiert ja einen Mann genauso und nicht nur eine Frau. Männer
werden nicht ausgelacht, wenn sie bei uns anrufen. Es ist keine
Schande, wenn man über seine Probleme redet und sie könnten
schon darüber reden, wenn das Problem anfängt, weil
vielleicht kann man irgendwo hin vermitteln und vielleicht würde
man gemeinsam einen Lösungsansatz finden.